Tao Dance beim ImPulsTanz: Der Lindwurm und die Wolken
Es war ein Abend zwischen Lindwurm und Wolken, ein Hochamt der Synchronität, zelebriert vom Tao Dance Theater am Montag im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Burgtheater. Die 2008 vom Choreografen Tao Ye und der Tänzerin Duan Ni gegründete Gruppe hat sich seither zur internationalen Mode- und Stilikone entwickelt, die den Minimalismus einer Jil Sander mit erbarmungslos kontrollierter Ekstase paart. Dies unterstrichen auch die beiden Stücke “16” und die Uraufführung “18”.
Beide, so unterschiedliche wie doch in der Stillogik verbundene, Arbeiten sind Teil der Numerical Series des Tao, deren lakonische Titel sich auf die Zahl der beteiligten Tanzenden beziehen. Schlichte Titel zu einer reduzierten Ästhetik, in der Minimalismus Großes schafft.
“18”: Zwei Wolken, ein Himmel, kein Dialog
Die neueste Arbeit des Tao ist am Ende des Abends platziert. Zu einem an Philip Glass geschulten Gitarren/Streicher-Soundtrack von Stammkomponist Xiao He agieren hierbei zwei Gruppen. Sie sind nicht aufeinander bezogen, gehen allenfalls in seltenen Momenten ins Freeze, um dem jeweiligen Counterpart kurz die Bühne zu überlassen.
Es mag der Mehrheit westlicher Betrachtenden entgehen, dass die Tanzenden auf der Bühne als gleichsam menschliche Pinsel das alte Gedicht “Xing Ying Shen” von Tao Yuanming in den Raum schreiben. Gestaltet ist “18” nämlich wie eine Symphonie, deren drei Sätze durch kurze Fermaten getrennt sind, in denen das Licht beinahe auf den Schwarzpunkt kommt.
Wie zwei Wolkenformationen, die sich zwar am selben Himmel befinden, jedoch nie zueinander kommen, agieren die beiden Gruppen in den grauen Kostümen von Duan Ni. Die Bewegungen sind zugleich präzise und fließend, gleich einer beschleunigten Meditation und doch nur innerhalb der beiden (Instrumenten-)Gruppen synchron. Es ist der autistische Dialog zweier Monologe. Erst im dritten Satz vereinen sich beide Blöcke zum Tutti, werden zur Einheit des Bewegungsklangs.
“16”: Der Lindwurm der Uniformität
Anders die Ausgangslage in “16”, das bereits im Vorjahr beim ImPulsTanz begeisterte. Hier formen die 16 Tanzenden in verschiedenen Farbstimmungen von Beginn weg eine lebende Skulptur, die an den chinesischen Drachentanz erinnert. Sechzehn Körper verschmelzen wie einzelne Zellen zu einem größeren Organismus.
Dieser wird von einem pulsierenden Elektrosoundtrack Xiao Hes zwischen Herzschlag und Mechanik vorangetrieben. Impulse wabern durch diesen Lindwurm, der sich über die Bühne windet. Dessen einzelne Glieder sind in der Synchronität der Bewegungen aufeinander bezogen und in eben jener Uniformität zugleich voneinander isoliert, bleiben kontaktlos in der Nabelschau, womit letztlich wiederum eine spezielle Form der Individualität entsteht. Die Untrennbarkeit des Einzelnen vom Kollektiv wird hier demonstriert, die Repetition als steter Fluss des Lebens und Symbol gegen dessen Vergänglichkeit gesetzt.
Als Publikum muss man sich entscheiden, entweder das Kollektiv als skulpturale Form zu betrachten oder zu versuchen, individuelle Leistungen visuell aus dem Gesamtkörper zu lösen. Und man stellt sich die Frage, wie man mit dem Bauchgefühl umgeht, dass für gewöhnlich die kollektive Inszenierung des Massenkörpers autoritären Systemen eigen ist.
Der heilige Ernst
Das Tao Dance Theater gestaltet seine Arbeiten dabei stets als Hochamt, bei dem während des Tanzes kein Blick ins Publikum geworfen wird. Und selbst der ebenso lange wie euphorische Schlussapplaus wird mit durchgestalteter Verbeugungschoreografie voll heiligen Ernstes entgegengenommen.
In jedem Falle unterstreicht das Tao auch mit “16” und “18” seine Position als innovatives Ensemble mit einer zugleich sehr markanten, ja man ist versucht zu sagen, individuellen Sprache. Ab dem 24. Juli folgt dann beim ImPulsTanz die Reprise der Stücke “13” und “14” aus dem Vorjahr.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – “16” und “18” des Tao Dance Theaters im Rahmen des ImPulsTanzes im Burgtheater, Universitätsring 2, 1010 Wien. Choreografie/Licht: Tao Ye, Kostümdesign: Duan Ni. Weitere Aufführungen am 21. und 22. Juli. )