Umweltallianz will Ausbau-Stopp für Kraftwerk Kaunertal

06.05.2022 • 12:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine aus 40 Vereinen und Wissenschaftern bestehende Umweltallianz fordert in einer Erklärung den sofortigen Ausbau-Stopp des Kraftwerks Kaunertal. Anstelle einer weiteren Verbauung alpiner Naturräume brauche es eine naturverträgliche Energiewende, mahnte Bettina Urbanek von WWF Österreich am Freitag in Innsbruck und verwies auf das große Potenzial der Solarkraft. Wer gegen Wasserkraft ist, spiele autoritären Regimen in die Hände, entgegnete indes LHStv. Josef Geisler (ÖVP).

Die Pläne für das Mega-Pumpspeicherkraftwerk waren erstmals 2009 eingereicht worden. Die Umweltverträglichkeitsprüfung für die rund zwei Milliarden Euro teure Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal befindet sich aktuell in der Vollständigkeitsprüfung. Für das Projekt plant der landeseigene Energieversorger Tiwag bis zu 80 Prozent des Wassers aus dem 34 Kilometer entfernten Ötztal – einem der niederschlagsärmsten Täler Tirols – auszuleiten. Zudem würden im Platzertal neun Fußballfelder an Moorflächen geflutet. Mit seinen 120 Metern wäre der Staudamm fast so hoch wie der Stephansdom in Wien und sieben Mal so hoch wie das Goldene Dachl.

Die Umweltallianz prangerte nun in der vom WWF initiierten “Kaunertal Erklärung” “verheerende Folgen für die hochsensible Naturlandschaft”, die Zerstörung der letzten “unbeeinträchtigten Alpenflüsse” und eine Verschlimmerung der Biodiversitätskrise an. Zudem käme es zu “verstärkten Schwall- und Sinkerscheinungen im Inn”. Urbanek sah in dem umstrittenen Ausbau ein “Sinnbild fehlgeleiteter Energiepolitik”, vor allem weil sich eine Energiewende ihrer Ansicht nach mittels Ausbau von Photovoltaik-Anlagen “schneller und effizienter” lösen ließe. Auch Global 2000 Geschäftsführerin Agnes Zauner rief die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung in einer gemeinsamen Pressekonferenz der Umweltallianz dazu auf, den Schwerpunkt auf die Einsparung von Energie, Solarkraft und den Austausch von Öl- und Gas-Heizungen zu legen.

Die Grünen sahen in einer Aussendung die Zukunft ebenso in der Solarkraft. Mit den zwei Milliarden Euro, die der Kraftwerk-Ausbau kosten würden, könne man zwölf Millionen Quadratmeter Photovoltaik installieren, rechnete der grüne Klubchef Gebi Mair vor – “und das nicht erst 2042, sondern schon in den kommenden Jahren”. In Tirol gebe es insgesamt 49 Millionen Quadratmeter geneigte Dachflächen mit besonders guter Sonneneinstrahlung – diese mit PV-Anlagen zu bestücken entspräche einer Leistung von vier Kraftwerken von Kaunertal-Größe. Außerdem habe sich die Tiroler Landesregierung ohnehin dazu verpflichtet, 85 Prozent der Dachflächen im Bundesland für PV-Anlagen zu nutzen.

“Die Energieunabhängigkeit unseres Landes erreichen wir selbst dann nicht, wenn jedes Haus durch PV ein Kraftwerk wird”, betonte indes Energielandesrat Geisler gegenüber der APA. Für ihn führte zur Erreichung der Klimaziele nach wie vor kein Weg an der Wasserkraft vorbei: “Wir müssen sämtliche in Tirol verfügbaren Ressourcen – und vor allem auch die Wasserkraft – bestmöglich nutzen, damit uns niemand mehr den Gas- oder den Ölhahn abdrehen kann”, zeigte sich Geisler überzeugt.

“Sowohl für die Erreichung der Klimaziele als auch die Stärkung der Tiroler Energieunabhängigkeit ist die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal ein Gebot der Stunde”, schlug Tiwag-Bauvorstand Johann Herdina auf APA-Nachfrage in dieselbe Kerbe. Nach der Fertigstellung würden rund 787 Millionen Kilowattstunden pro Jahr aus natürlichem Zufluss zusätzlich erzeugt. Damit können rund 300.000 Tonnen CO2 jährlich gespart werden, wurde betont.

FPÖ-Landesparteiobmann Markus Abwerzger monierte indes in einer Aussendung, dass es in Zeiten, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung Strom und Heizung nicht mehr leisten kann, anstatt eines Streits über Energiegewinnung einen politischen Schulterschluss brauche. Er forderte eine “rasche Forcierung der Wasserkraftgewinnung”. Die Grünen torpedierten sei 2013 als Regierungspartei jegliche Ausbau- und Neubauprojekte und die ÖVP lasse dies zu, so der Vorwurf des blauen Politikers.

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