Underground-Tanzfusion im Scheinwerferlicht bei ImPulsTanz

Bereits zum zweiten Mal hat der französische Choreograf Amala Dianor mit seiner Compagnie im Rahmen von ImPulsTanz eine Performance ins Volkstheater gebracht: Nach “DUB” führt Dianor in “Underflow”, dessen Weltpremiere am Donnerstag gefeiert wurde, weiterhin unterschiedliche Tanzende und ihre persönlichen Stile auf der Bühne zusammen. Trotz einer beeindruckenden Teamperformance gelingt es ihm, die Individualität der Künstlerinnen und Künstler nie aus den Augen zu verlieren.
Das Konzept der Fusion als Leitmotiv setzt die Choreografie von “Underflow” an der Schnittstelle verschiedener Tanzrichtungen und persönlicher Stile an. Denn der Choreograf strebt nach der Entstehung eines Kollektivs, einer Community. Dianors persönlicher Stil befindet sich zwischen HipHop, traditionellen afrikanischen Tänzen und Contemporary. “Underflow” ist eine Strömung, die eben durch die Begegnung verschiedener Stile – HipHop, Waacking, Krump, Coupé-décalé oder Pantsula – Raum füreinander und vor allem für ein Miteinander entstehen lässt.
Sound erweckt Tanzende zum Leben
Schon vor Beginn der Performance gibt Electro-Soul-Komponist Awir Leon wortwörtlich den Ton für den Abend an. Im Volkstheater herrscht Club-Stimmung. Wie schlafwandelnd betritt die Tanzkompanie die Bühne. Noch hat der DJ die Kontrolle über seine Crowd, die ihm zugeneigt einen Nachtklub heraufbeschwört. Mit koordinierten Bewegungen brechen die Tänzerinnen und Tänzer immer energischer aus ihrer Trance und Anonymität aus.
Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen einer gemeinsam vorgeführten Choreografie und einem Dancebattle untereinander. Abwechselnd präsentieren die Tanzenden ihre Moves, der Rest der Gruppe schaut erst zu und bringt sich langsam mit dem eigenen Stil in die Performance ein. Das ist der Punkt, wo die respektvolle Begegnung untereinander stattfindet. Wo Stile fusioniert werden, ohne ihrer Individualität beraubt zu werden.
Die Botschaft lautet: “Dancing together”
Hier wird keine Geschichte erzählt, sondern eine Lebensphilosophie. Egal welcher Stil, egal welche Herkunft: “Dancing together” lautet die Botschaft. Diese Transformation rückt die Vorführenden, die Zuschauenden, die Community ins Scheinwerferlicht. Die Crew bewegt sich abwechselnd als ein gemeinschaftlicher Körper über die Bühne, um dann aufzubrechen und sich erneut wiederzufinden. All das geschieht ohne fixe Hierarchie.
Währenddessen erfüllt der Beat von Awir Leon den gesamten Theatersaal. Die Künstlerinnen und Künstler lassen sich von seinem Rhythmus leiten. Strukturiert wird die Aufführung durch Musik- und Lichtwechsel. Stille, Stimmen, Wortwechsel, dann wieder Musik. Von elektronischen Soulbeats bis Discosounds. Den Bewegungen jedenfalls auf den Leib geschneidert. Die Scheinwerfer mal grell und aufregend, mal melancholisch-blau und nachdenklich. Gegen Ende der Performance haben die Tanzenden das Ruder übernommen, haben ihren Platz im Kollektiv gefunden, Konflikte weggetanzt und tatsächlich auch für ein paar Lacher im Publikum gesorgt.
“Underflow” als Transformation von “DUB”
Bei der ImPulsTanz-Abschlusspressekonferenz am Donnerstag hatte Dianor sein letztjähriges Programm als eine Show bezeichnet und verlautbart, dass dieses Jahr eine Erweiterung anstehe. Im Vergleich sei heuer die Freiheit der Tanzenden das leitende Motiv. Das Zusammenstoßen verschiedener Tanzstile in nicht-institutionellen Räumen, wie dem Club oder Stadtrand. Hier wird Raum geschaffen, zu experimentieren. Die Herausforderung bestehe im Anspruch zu vereinen, aber gleichzeitig nicht zu vermischen. Das Ziel, eine Koexistenz der Tänze zu erreichen, bedeutet allerdings, alle Identitäten und Individualitäten ohne Dominanzen zuzulassen.
2025 rekonstruierte Amala Dianor in der Performance “DUB” Begegnungsräume urbaner Landschaften, um Tanzende unterschiedlicher Herkünfte aufeinandertreffen zu lassen. Für Partystimmung sorgte auch damals Awir Leon. Elemente wie die musikalische Zusammenarbeit, die seit 2014 besteht, sowie der allgemeine Ausbruch aus den urbanen Untergrundursprüngen einiger Tanzrichtungen werden auch nach “DUB” weitergeführt. Das Beibehalten derselben Tanzcrew ist Ausgangslage für eine noch intensivere Begegnungssituation. Die Kaplan Association/Compagnie Amala Dianor gründete er bereits 2012.
Beifall mit Hüftschwung
Die Strömung, die “Underflow” auslöst, erfasst das Publikum. DJ und Kollektiv animieren zum Mittanzen. Applaus und stehende Ovation werden im Rhythmus der Musik weitergeführt. Dann fällt der Vorhang und es bleibt nichts, als den Rhythmus in sich selbst weiterleben zu lassen. Wer keine Karte für die zwei ausverkauften Vorstellungen erhaschen konnte, freut sich vielleicht, dass Amala Dianor mit seiner Tanzcrew am Freitagabend bei “the biggest expressions ever’26”-Party im Arkadenhof des Wiener Rathauses unter freiem Himmel tanzen wird. Für den Sound sorgt wie gehabt DJ Awir Leon.
(Von Caterina Schiliro/APA)
(S E R V I C E – ImPulsTanz: “Underflow” von Amala Dianor im Volkstheater. Live-Musik: Awir Leon. Licht: Nicolas Tallec. Sound: Emmanuel Catty. Performance: Slate Hemedi Dindangila, Romain Franco, Jordan John Hope, Enock Kalubi Kadima, Mwendwa Marchand, Kgotsofalang Joseph Mavundla, Sangram Mukhopadhyay, Tatiana Gueria Nade, Yanis Ramet, Germain Zambi und Asia Zonta. Weitere Aufführung am 8. August um 21 Uhr im Volkstheater. )