US-Prozess wegen Kindstötungen: Kritik der Verteidigung

04.09.2026 • 09:57 Uhr
US-Prozess wegen Kindstötungen: Kritik der Verteidigung

In dem viel beachteten US-Prozess gegen eine mutmaßliche Kindsmörderin hat die Verteidigung einem Jury-Mitglied vorgeworfen, ein Urteil zu blockieren. Dieser eine Geschworene weigere sich, die vom Richter erteilten Anweisungen hinsichtlich “berechtigten Zweifels” an der Schuldfähigkeit der Angeklagten Lindsay C. zu befolgen, sagte deren Anwalt Kevin Reddington am Donnerstag in Plymouth im Bundesstaat Massachusetts. Er beantragte daher, das Jury-Mitglied auszuschließen.

Doch Richter William Sullivan gab dem Antrag nicht statt. Stattdessen forderte er die Geschworenen auf, ihre Beratungen am Freitag fortzusetzen.

In sechs Tagen hatten sich die Geschworenen nicht über die Schuldfähigkeit von Lindsay C. einigen können, die nach Angaben ihrer Anwälte an einer sogenannten Wochenbettpsychose litt. Sollte sich die Jury weiterhin nicht verständigen, könnte der Prozess, der in den USA für viel Aufsehen sorgt, platzen. Die Staatsanwaltschaft könnte dann theoretisch ein neues Verfahren beantragen.

Frau droht lebenslange Haft

Im Fall eines Schuldspruchs droht der 36-jährigen Angeklagten lebenslange Haft ohne Möglichkeit zur Bewährung. Befinden die Geschworenen sie dagegen für schuldunfähig, könnte sie in die Psychiatrie eingewiesen werden.

C. hatte gestanden, ihre Kinder im Alter von acht Monaten, drei Jahren und fünf Jahren im Jänner 2023 erdrosselt zu haben. Anschließend sprang sie aus dem Fenster im zweiten Stock ihres Hauses in Duxbury südöstlich von Boston. Seitdem sind ihre Beine gelähmt, sie sitzt im Rollstuhl.

Angeklagte plädiert auf nicht schuldig

Die Angeklagte plädierte in dem Prozess auf nicht schuldig und gab an, eine Stimme habe ihr befohlen, ihre Kinder zu töten. Ihre Anwälte machen dafür eine sogenannte postpartale Psychose verantwortlich, die auch als Wochenbettpsychose bekannt ist. Mütter können dabei in seltenen Fällen noch Wochen oder Monate nach der Geburt eines Kindes an Wahnvorstellungen oder Halluzinationen leiden.

Die Staatsanwaltschaft hält die Frau dagegen für schuldfähig und wirft ihr vor, den Mord an ihren Kindern kaltblütig geplant zu haben. Sie sei in der Lage gewesen, die Konsequenzen ihres Handelns zu verstehen, argumentiert die Anklagebehörde.

Erschwert wurde die Urteilsfindung durch eine Frau, der vorgeworfen wurde, sie habe Geschworene fotografiert und damit einschüchtern wollen. Die 56-jährige Dawn L. – Krankenschwester wie die Angeklagte – wies die Anschuldigung laut US-Medien zurück.

Demonstrationen für die 36-Jährige

In den vergangenen Wochen hatten dutzende Frauen vor dem Bezirksgericht in Plymouth in Massachusetts demonstriert und Solidarität mit der Angeklagten bekundet. Sie wollten damit auf psychische Erkrankungen von Müttern aufmerksam machen.

Der Prozess hat in den USA hohe Wellen geschlagen und eine breite Debatte über Müttergesundheit ausgelöst. Das Gericht hörte in den vergangenen fünf Wochen mehr als 80 Zeuginnen und Zeugen an.