VALIE EXPORT-Abschied mit Texten von Abramovi? und Jelinek

01.07.2026 • 13:14 Uhr

Die am 14. Mai verstorbene Performanceikone VALIE EXPORT hat am Dienstag ihre letzte Ruhestätte in einem Ehrengrab der Stadt Wien am Zentralfriedhof gefunden. Bei der Trauerfeier verlas Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) einen eigens für diesen Anlass geschriebenen Text von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Auch persönliche Grußworte von Marina Abramović wurden vorgetragen. Anschließend wurde die Künstlerin neben dem Maler Herbert Brandl beigesetzt.

“Valie hat sich genommen, was sie gebraucht hat, und letztlich haben wir dann sie gebraucht”, so Jelinek. “Und dann war sie da, wie niemand sonst war sie dort angekommen, wohin sie gewollt hatte, unumgehbar, unumkehrbar. Eine Kunstgeschichte ohne sie kann es nicht geben. Man konnte nicht mehr einfach an ihr vorübergehen, sie und ihre Kunst waren buchstäblich nicht zu übersehen. Und jetzt ist sie weg, doch wir werden nie wieder an ihr vorbeikommen.”

Abramović: “Für mich war sie eine Kriegerin”

In den von Abramović übermittelten Grußworten, die von der Musikwissenschafterin Ginger Dellenbaugh von der Columbia University auf Englisch vorgetragen wurden, hieß es: “Für mich war sie eine Kriegerin, furchtlos und zielgerichtet, stark und voller Entschlossenheit”, so die 79-jährige serbische Künstlerin, die VALIE EXPORT erst kürzlich in Wien getroffen hat, als sie für ihre Ausstellung in der Albertina modern im Lande war. Sie hätten Tee getrunken, gelacht und einander versprochen, sich bald wiederzusehen. “Sie war so voller Leben. (…) VALIE war nicht bereit. Wir Menschen, die sie lieben, waren nicht bereit, sie zu verlieren.” Verbunden waren die beiden Künstlerinnen bereits seit den 1970er-Jahren, als sie einander im Zuge von Abramovićs Performance in der Galerie Krinzinger in Innsbruck kennengelernt hatten.

Persönliche Erinnerungen zu ihrer jahrzehntelangen Freundschaft steuerte auch Sigrid Guggenberger, Vorstandsvorsitzende der VALIE EXPORT Stiftung bei, die einen Bogen von ihrer ersten Begegnung in EXPORTs kleinem Studio in der Zentagasse bis hin zur Etablierung der Räumlichkeiten der Stiftung spannte. Einen Tag vor ihrem Tod seien sie in ihrem Büro gesessen: “VALIEs Gedanken kreisten um das, was bleiben würde. Wieder ging es um die Zukunft, diesmal um eine Zukunft ohne sie. Es schien ihr wichtig, sich dessen sicher sein zu können, dass ihr Werk geschützt und sorgsam weitergetragen wird. Und ich versprach es ihr.”

Ausufernde Denkprozesse

Abschiedsworte kamen neben ihrem Neffen Norbert Wiener auch von Monika Faber, Leiterin des Photoinstituts Bonartes: “Trotz der Akribie, die einer Wissenschafterin gehörte, ließest Du Deine Denkprozesse ausufern und einander überschneiden. Aus den vielen Linien, die Du konsequent verfolgtest, entwickelten sich durch Kombination und neue Materialien der Veranschaulichung immer neue Zusammenhänge.”

Kaup-Hasler erinnerte in ihrer Rede an “eine provokante, kluge und unverwechselbare Künstlerin – eine Stimme, die unbequem war und genau deshalb so notwendig”. Die Stadträtin würdigte die 85-jährig Verstorbene als mutige und kompromisslose Vorreiterin, die stets bereit war, gesellschaftliche Konventionen herauszufordern. “Ihr Werk hat uns stets schärfer sehen lassen und eröffnet weiterhin Räume für die so wichtigen Debatten und Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft.” Bevor Kaup-Hasler Jelineks Würdigung vortrug, zitierte sie einen Satz von Alexander Kluge anlässlich des Begräbnisses von Heiner Müller: “Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind.”

Musikalisch umrahmt wurde die Verabschiedung von Monika Dörfler am Klavier, die Auszüge aus Keith Jarretts “Köln Konzert” darbrachte, am Ehrengrab erklang schließlich das Wienerlied “Herrgott aus Sta” von Karl Hodina, mit dem Peter Havlicek und Tini Kainrath der Verstorbenen das letzte Geleit gaben.