Viennale: Mahnende Wale und ein Abo fürs junge Publikum

Das Plakat für die Viennale 2026 ziert ein Wal, genauer gesagt ein Nordpazifischer Glattwal aus dem Buch “Geishi” (“Über Wale”) von Naki Josuiken von 1794. Das ambivalente Bildmotiv eröffne einen “großen Raum für Imagination” und erzeuge eine Art “erweiterte Realität”, sagte Eva Sangiorgi bei der traditionellen Sommer-Pressekonferenz im Volksgarten Pavillon. Im Zentrum stehe die Idee des Monsters – nicht als Drohung, “sondern als mahnender Blick, der unseren erwidert”.
Österreichisches Kino von Welt
Die Direktorin des Internationalen Filmfestivals in Wien präsentierte erste Höhepunkte der 64. Ausgabe von 22. Oktober bis 3. November: Sandra Wollners in Cannes und Sarajevo ausgezeichneter Film “Everytime” mit Birgit Minichmayr wird erstmals in Wien zu sehen sein wie die Koproduktion “Das geträumte Abenteuer” von Valeska Grisebach, die in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Das Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel stellt “Wiener Blues: The Loneliest Man in Town” vor und Avantgarde-Künstlerin Ulrike Ottinger “Die Blutgräfin” mit Schauspielstar Isabelle Huppert, die nach Wien kommen wird.
Die heimischen Filmemachenden Manuel Wetscher (“Eklipse”) und Katarina Rabl (“Erinnerungen eines Waldes”) feiern mit ihren Langfilm-Debüts nach internationalen Festivals in Wien Premiere. Regiegrößen wie Angela Schanelec (“Meine Frau weint”), Volker Schlöndorff (“Heimsuchung”), James Gray (“Paper Tiger”) oder Hamaguchi Ryusuke (“Soudain”) stellen ihre jüngsten Werke vor. Das gesamte Programm für den heurigen Festivaljahrgang wird am 13. Oktober präsentiert, viele Filme und erste Oscar-Favoriten werden nach dem Filmfestival Venedig, das am 2. September startet, wohl dazustoßen.
Neue Initiative für das junge Publikum
Da die Viennale heuer in die Herbstferien fällt, bietet man erstmals ein Ferien-Abo für ein junges Publikum ab 14 Jahren an. Dieses limitierte Abo um 20 Euro umfasst vier Filme an vier Tagen und soll den Jugendlichen ermöglichen, Festivalluft zu schnuppern. Denn: “Das Kino ist ein Werkzeug für soziale Interaktion”, betont Sangiorgi. Man wolle den Jungen mit Filmen von Dong Jie, Eva Trobisch, Eivind Landsvik und Kohei Kadowaki verschiedene Sprachen und Kino-Sprachen mit u.a. Videogame-Ästhetik und Animation näherbringen. Buchbar ist das Ferien-Abo und ein Begleit-Abo für die Erwachsenen ab sofort.
Ein Comeback feiert die Viennale Zentrale: Das Funkhaus in der Argentinierstraße wird für die Dauer des Festivals zum Ort für Begegnungen, Gespräche, Masterklassen, Podiumsdiskussionen, Konzerte und Partys. Um, so Sangiorgi, “mehr Begegnungen und Treffen abseits der Kinosäle zu gewährleisten”.
“Herzenswunsch erfüllt”
In Kooperation mit dem Filmmuseum Wien widmet sich die Retrospektive dem umfassenden Schaffen des US-Regisseurs Robert Aldrich (1918-1983). Kurator Christoph Huber habe sich damit einen “Herzenswunsch” erfüllt. Aldrich sei ein Filmemacher, “der immer unterschätzt geblieben ist” und dessen Werke “berühmter seien als er selbst”. Als Cousin eines Rockefeller entstammt er einer der reichsten Familien Amerikas, mit der er jedoch brach, um Filme zu machen, die anprangern. “In seiner Welt ist immer alles komplex und zweischneidig”, sagt Huber. Zugleich stecken in Werken wie “Vera Cruz”, “What ever happend to Baby Jane” oder “The Dirty Dozen” zuhauf subversive Botschaften. Zu sehen sei “fast das Gesamtwerk” in raren Filmkopien, und zudem erscheint ein Buch über den Rebellen in der Traumfabrik.
Mit dem Dokumentarfilm “Alpe Adria Underground!” und anderen seiner Werke widmet sich eine Spezial-Schiene dem slowenischen Filmemacher Vasko Pregelj (1948-1985), dessen Filme lange als verschollen galten. “Die Solomonischen Korrespondenzen” wiederum machen das experimentelle Kino von Phil Solomon (1952-2019) sichtbar. Ein anderer Schwerpunkt mit sechs Arbeiten ist der libanesischen Journalistin und Filmemacherin Jocelyne Saab (1948-2019) gewidmet, die in den 1970ern mit ihrer “Beirut-Trilogie” den Bürgerkrieg im Libanon von innen dokumentiert hat. Außerdem hat sie den Umbruch im Nahen Osten in Werken wie “Les Enfants de la Guerre” festgehalten. Ihre Filme, so Sangiorgi, gewinnen heute eine neue Dringlichkeit.
Zurück in die 1990er
Fest im österreichischen kulturellen Gedächtnis verankert sind jene Filme, die Florian Wiedegger für die Schau der 90er-Jahre in einer Welt im Wandel im Filmarchiv kuratiert hat. Zu sehen sind fünf prägende Werke einer damals jungen, aufregenden Generation von Filmemachenden: “Halbe Welt” von Florian Flicker, “Tempo” von Stefan Ruzowitzky, “Jugofilm” von Goran Rebić, “Slidin’ – Alles bunt und wunderbar” von Barbara Albert, Michael Grimm, Rainhard Jud und “Ternitz, Tennessee” von Mirjam Unger.
(S E R V I C E – Filmfestival Viennale. Von 22. Oktober bis 3. November in Wien. Das vollständige Programm wird am 13. Oktober veröffentlicht, der Karten-Vorverkauf startet am 17. Oktober. )