Vor Handke-Uraufführung in Salzburg: “Poetische Utopie”

17.07.2026 • 18:56 Uhr
Vor Handke-Uraufführung in Salzburg: "Poetische Utopie"

“Immer noch Sturm” hieß die umjubelte Handke-Uraufführung, die Jens Harzer 2011 auf der Perner-Insel spielte. Immer noch an der Arbeit ist er im Team mit Kollegin Marina Galic und Regisseur Jossi Wieler, was die Uraufführung von Handkes “Schnee von gestern, Schnee von morgen” angeht, die am 27. Juli im Salzburger Landestheater stattfindet. “Wir sind immer noch am Suchen – und machen damit genau das, was der Text letztlich auch macht: Er sucht”, sagte Wieler am Freitag.

Diese andauernde Suche ist auch der von Wieler gewählten Methode geschuldet, mit der er Handkes vor eineinhalb Jahren in Buchform erschienenes “Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens” (so der Untertitel) auf die Bühne bringen möchte: “Wir beide sollten den kompletten Text lernen”, habe die Vorgabe an die zwei Spieler gelautet, erzählte Harzer.

“Nachvollziehen einer poetischen Utopie”

Seither versuche man in gemeinsamer Arbeit “ein Gewebe aus dem Text herauszuschälen, nicht aufgrund einer klassischen Theaterfassung, sondern als Nachvollziehen einer poetischen Utopie”. Nach vier Probenwochen am koproduzierenden Berliner Ensemble und nach Wiederaufnahme der Arbeit in Salzburg sei diese noch nicht abgeschlossen, meinte der Regisseur. “Wir haben keine große zeitliche, aber noch eine große textliche Strecke vor uns”, sagte Wieler. “Die Ruhe ist vorgetäuscht.”

Nach vier vorangegangenen Stunden im Handke-Kosmos war es für das Trio nach der Probe beim Terrassentalk sichtlich nicht leicht, sich im realen Leben zu orientieren. Es sei “ein vielstimmiger Text – ein schmales Bändchen, aber ein großer Text. Ein Bewusstseinsstrom, in dem Stimmen sich immer wieder ergänzen und hinterfragen”, ließ Harzer, der den Text schon vor längerer Zeit von Handke persönlich erhalten hatte und die Wunschbesetzung des Nobelpreisträgers war, wissen. Diese Stimmen auf der Bühne im Duo wieder zusammenführen, ist das offenbare Unterfangen, bei dem man sich zunächst mit einem gemeinsamen Paris-Besuch beim Dichter und der Hinzuziehung zweier Handke-Experten bei Probenbeginn eine solide Basis verschafft habe.

Beim Dichter in Paris

Harzer: “Wir haben zwei sehr interessante Tage miteinander verbracht. Es ging in den vielen Stunden nicht speziell, aber immer wieder um das Stück. Es ging nicht darum, die Konzeption vorzustellen, aber ein gewisses Terrain um dieses Stück zu spüren.” Auch Marina Galic hat Handke schon ein paar Mal in Paris getroffen und schwärmte von seiner Gastfreundlichkeit und seinem Humor. “Es war ein heiteres Zusammensein ohne ein Ziel – ein gemeinsames Sein.”

Viel wurde geschwärmt vom Rhythmus und der Musikalität des Textes, der keinen speziellen Inhalt hat, sondern die Lebens- und Schreibthemen Handkes variiert: Der einsame Wolf sinniert im Umherstreifen über Wald und Wiese über den Lauf der Welt und gerät in Zwiesprache mit Stimmen, die, so Galic, “vielleicht von einem anderen Planeten, von einem Engel, von einem Kind” stammen können.

“Oder auch nicht”

Dabei gibt es Kalauer, Bezüge auf “das Tageshoroskop”, aber auch auf erfundene “elfte Gebote”. Häufig komme die Wendung “Oder auch nicht” vor, sagte Jossi Wieler: “Es ist so schön, wie Handke das macht. Er zeigt, dass es nichts Festgelegtes gibt. Es geht um die Ambivalenz in Meinung und Wahrnehmung. Es kann alles hinterfragt werden. In unserer Zeit, in der wir immer Antworten wollen, ist es ein Text übers Fragen.”

Aber auch den Dichter dürfe man hinterfragen, hob Jens Harzer hervor. “Wir drei lieben diesen Autor – aber heilig sprechen soll man ihn auch nicht! Die Heiligsprechung eines Autors ist nicht der richtige Weg. Da muss das Theater andere Wege gehen – härtere, kniffligere, ironischere. Man muss den Autor lieben oder mögen – aber gleichzeitig fürs Theater woanders hinträumen. Die liebende Widerstandskraft, die man ihm entgegenbringen muss, ist interessant und wichtig.”

Der Dichter als Probengast

Die erste Bewährungsprobe steht nächste Woche an, wenn der Dichter ein oder zwei Proben besucht. “Und wenn es dann zu Irritationen kommt, gilt es, das auszuhalten und unsere Arbeit zu verteidigen.” Harzer weiß, wovon er spricht. Bei einem Besuch einer “Immer noch Sturm”-Probe habe Handke einst so einiges gar nicht gefallen, was Regisseur Dimiter Gotscheff aus seinem Text gemacht habe. Die Stringenz der Argumentation war aber auf beiden Seiten durch Alkohol etwas beeinträchtigt, deutete Harzer an, und der Dichter habe wohl gespürt, dass der Regisseur dem Text wichtige neue Räume eröffnet habe. Die Aufführung wurde legendär.

(S E R V I C E – Peter Handke: “Schnee von gestern, Schnee von morgen”, Uraufführung, Regie: Jossi Wieler, Bühne / Kostüme: Anja Rabes, Musik: Biber Gullatz. Mit Marina Galic und Jens Harzer. Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Berliner Ensemble. Salzburger Landestheater, Premiere: 27. Juli, 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 29. und 30. Juli, 1., 2., 4., 5. August, ; Buchausgabe: Peter Handke: “Schnee von gestern, Schnee von morgen”, Suhrkamp Verlag, 74 Seiten, 20,60 Euro, ISBN: 978-3-518-43225-9)