Vorarlberger Landestheater: Beispiel des zivilen Widerstands

Es war ihre moralische Grundüberzeugung, die Delphina Burtscher (1926-2008), Bäuerin im Großen Walsertal, dazu bewog, Wehrmachtsdeserteuren zu helfen. Im Auftrag des Vorarlberger Landestheaters verfasste Daniela Egger das Stück “Das Glück im Inneren der Lawine” und lässt Burtscher von Verrat, Gewalt, Tod, Widerstand und ihrer Tatkraft erzählen. Im Verlauf des langen Applauses war beim Premierenpublikum Freitagabend in Feldkirch Ergriffenheit spürbar.
In den vergangenen Jahren, während der Intendanz von Stephanie Gräve, widmete sich das Vorarlberger Landestheater mehrmals der regionalen Geschichte. So wurden etwa die Biografien des Juristen, Schriftstellers und KZ-Überlebenden Max Riccabona und der Krankenschwester und Widerstandskämpferin Maria Stromberger für die Bühne aufgearbeitet. Die Auseinandersetzung mit dem Leben von Burtscher entspricht daher einer konsequenten Stückauftragsvergabe von Gräve, steht das Handeln der Bergbäuerin im Großen Walsertal doch für Aufrichtigkeit, die in jeder Zeit eine Voraussetzung für gutes Zusammenleben ist. Hier setzt die mit biografischem Theater vertraute Vorarlberger Autorin Egger, die für das Landestheater bereits ein Stück über den aus der Türkei stammenden Lyriker und Hörfunkredakteur Kundeyt Şurdum (1937-2016) verfasst hatte, an. “Ich nenne es einen starken moralischen Kompass, der Delphina Burtscher eigen war, es war für sie keine Frage, den Männern, die desertiert sind, zu helfen”, erklärt Egger im Gespräch mit der APA. Sie zeige nicht eine Person, die auf die Barrikaden gehen würde, aber eine junge Frau, der durchaus klar ist, in welche Gefahr sie sich begibt.
Verrat, Haft und Todesurteile
Nach dem frühen Tod ihrer Mutter war Burtscher bereits als Jugendliche für die Bewirtschaftung eines Bauernhofes im Großen Walsertal mitverantwortlich. Die männlichen Familienmitglieder wurden nach und nach eingezogen. Zwei Brüder sowie ihr Verlobter Martin Lorenz desertierten aus der Wehrmacht, die junge Frau brachte über Monate Nahrung, Kleidung und Nachrichten ins Versteck der Widerstandsgruppe. Der Verrat ging von der Nachbarschaft aus. Wilhelm Burtscher und Martin Lorenz wurden von der NS-Justiz verurteilt und enthauptet, Leonhard Burtscher gelang die Flucht, die bereits schwangere Delphina Burtscher wurde mit Haft bestraft, durfte nur für die Geburt ihrer Tochter das Gefängnis kurz verlassen. “Sie war vier Wochen alt, als ihr Vater zum Tode verurteilt wurde. Am 13. Oktober 1944 saßen viele hochdekorierte Männer in Uniformen über Martin und Willi zu Gericht. Hilda und ich warteten unten an der Stiege, als die beiden an uns vorbeigeführt wurden. Martin riss sich kurz los für einen letzten Kuss und eine Umarmung, bevor die Wachen mit Gummiknüppeln auf ihn losgingen”, erzählt die Schauspielerin Elke Maria Riedmann im ruhigen Ton direkt ins Publikum. So bestimmt und unaufgeregt, wie sie vom mühevollen Heimweg nach der Haftentlassung im Juli 1945 und später von der Lawinenkatastrophe im Jahr 1954 berichtet, die sie mit ihren Kindern im zerstörten Haus überlebte. Mit ihrem vom Kriegseinsatz und der Gefangenschaft gezeichneten Mann Pirmin, dem sie eine große Stütze war, hatte sie es aufgebaut: “Die letzte Lawine brachte unser Haus zu Fall, erwies sich aber als harmlos, verglichen mit all den anderen, die in unser Leben eingedrungen sind.”
Dichtes literarisches Werk, das Regionalgeschichte dokumentiert
Eine Quelle für die Autorin waren die Aufzeichnungen von Burtscher, die unter dem Titel “Meine Lebensgeschichte” 2005 erstmals veröffentlicht wurden. Neue Publikationen von Historikern über Widerstandsgruppen in der NS-Zeit waren ebenso sachdienlich wie die von Lydia Maria Arantes und Sarah Kühne, Enkelinnen von Burtscher, erst jüngst herausgebrachte Graphic Novel über die Zivilcourage im Großen Walsertal. Für Egger stellte sich somit die Frage, welche Aspekte in ihrem Theaterstück zu beleuchten und dramaturgisch zu artikulieren sind. In der nüchternen Erzählweise und mit Bildern für den seelischen Zustand der Frau fand sie einen guten Weg. Sie lässt Delphina einmal berichten, dass sie sich wie in der Sauerstoff-Höhle einer Lawine fühle, aus der sie niemand ausgräbt, und dass sie sich an die Worte der Eltern erinnere, dass man das Glücklichsein selbst in der Hand habe.
Das Regieduo Gräve und Michael S. Wilhelmer setzt präzise auf diese Gefasstheit, die durch die starke Präsenz von Elke Maria Riedmann und Isabella Campestrini sehr nahe zu gehen vermag. Die beiden Schauspielerinnen wechseln mit wenigen Kostümrequisiten nahtlos in die Rollen von Delphina, ihrer Schwester, des Vaters und eines Bruders, sind Figuren eines dichten literarischen Werks, das faktengenau Regionalgeschichte dokumentiert.
Den Einsatz von Burtscher definiert die Geschichtswissenschaft als zivilen und individuellen Widerstand. In der Umsetzung des Stücks “Das Glück im Inneren der Lawine” wird er als Kernthema deutlich. Vom Vorarlberger Landestheater als mobile Produktion konzipiert und auf einer kleinen Bühne am Freitagabend in Feldkirch uraufgeführt, stieß es auf sehr große Zustimmung.
(Von Christa Dietrich/APA)
(S E R V I C E – “Das Glück im Inneren der Lawine” von Daniela Egger. Regie: Stephanie Gräve, Michael S. Wilhelmer; Ausstattung: Luisa Costales Pérez-Enciso. Mit Elke Maria Riedmann und Isabella Campestrini. Weitere Aufführungen am 17. Oktober sowie am 17., 18. und 19. November im Theater am Saumarkt in Feldkirch. Aufführungen an weiteren Orten sind in Planung: )