Schreibmaschinen leben länger – zumindest bei Frank Blau in Feldkirch

Der 63-jährige Frank Blau hat sein Berufsleben der digitalen Welt gewidmet. In Feldkirch entdeckte der IT-Spezialist aus den USA seine Leidenschaft für Poesie und historische Schreibmaschinen neu.
Ulysses. Der Titel vom wohl bekanntesten Werk des irischen Autors James Joyce prangt in großen Lettern auf dem T-Shirt von Frank Blau. Es klappert, die Typen schlagen auf das Papier, der Wagen rückt Buchstabe für Buchstabe weiter. Was für viele nach einer längst vergangenen Zeit klingt, ist für den 63-Jährigen ein Stück Lebensqualität.

Schreiben oder nicht schreiben
Der US-Amerikaner sitzt gerne vor einer alten Schreibmaschine. Nicht, weil er mit moderner Technik nichts anfangen könnte. Ganz im Gegenteil. Blau hat sein Berufsleben mit Computern, Datenbanken und Softwareentwicklung verbracht. Doch wenn er Gedichte schreibt, greift er lieber zu einer mechanischen Olivetti oder Olympia. „Wenn du vor einer Schreibmaschine sitzt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du schreibst oder du schreibst nicht“, erklärt er im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Am Computer dagegen könne man eine Million andere Dinge tun.

Seit rund zehn Jahren lebt Blau mit seiner Frau in Vorarlberg. Die Liebe zur Literatur begleitet ihn allerdings schon wesentlich länger. Sein akademischer Hintergrund liegt in den Geisteswissenschaften. Sein erstes Gedicht schrieb Blau bereits mit elf Jahren. Jahrzehnte später fand seine Schwester eine handschriftliche Kopie davon im Nachlass des Vaters.
Mechanik und IT
Dass aus dem Literaturbegeisterten ein IT-Spezialist wurde, hatte mit den ersten Heimcomputern zu tun. Anfang der 1980er-Jahre studierte Blau in Los Angeles, als sein Bruder ihm einen Computer zeigte, auf dem sich Texte auf Kassetten speichern ließen. „Ich dachte damals: Das ist eine interessante Art zu schreiben.“ Aus dieser Faszination entwickelte sich eine berufliche Laufbahn in der Elektronik, Softwareentwicklung und Datenverarbeitung.

Den vermeintlichen Widerspruch zwischen Technik und Literatur sieht Blau nicht. „Es geht um Muster. Es geht darum, Eleganz darin zu finden, wie Dinge zusammenpassen. Das ist Datenarchitektur, aber das ist auch Literatur.“
Dennoch fehlte ihm beim digitalen Schreiben zunehmend etwas Entscheidendes: das unmittelbare Gefühl für den Text. Erst nach seinem Umzug nach Vorarlberg begann er intensiver darüber nachzudenken, welche Art von Schriftsteller er eigentlich sein wollte. Seine Frau schenkte ihm schließlich eine Schreibmaschine.

Was ihn an den historischen Geräten fasziniert, ist nicht allein deren Ästhetik: „Schreiben ist für mich ein körperlicher Prozess“, sagt Blau. Ein Wort lässt sich nicht einfach löschen. Mitunter muss ein ganzes Gedicht neu geschrieben werden. „Du tippst etwas, schaust es dir an, veränderst die Wörter und tippst es erneut. Irgendwann hältst du das Blatt in der Hand und weißt: Das ist es.“
Wartung durch Frank Blau
Seine Begeisterung für Schreibmaschinen hat in Vorarlberg inzwischen eine zweite Dimension bekommen. Blau sammelt nicht nur, er repariert und restauriert auch. Dabei stieß er auf ein bemerkenswertes Stück Feldkircher Gewerbegeschichte. Bei einem Spaziergang entdeckte er an einem Haus den Namen Pichler und die Abbildung einer Schreibmaschine: „Ich dachte mir: Was zum Teufel ist das? Repariert hier jemand Schreibmaschinen?“ Neugierig geworden, schrieb er dem Bewohner einen Brief. Selbstverständlich auf einer Schreibmaschine.

Die Antwort führte ihn zurück in jene Zeit, als mechanische Büromaschinen noch zum Arbeitsalltag gehörten. Der Betrieb war einst vom Großvater und Vater des heutigen Bewohners geführt worden. Schreibmaschinen wurden dort gewartet und repariert.
Bei der Restaurierung einer alten Büroschreibmaschine entdeckte Blau einen Aufkleber mit dem Hinweis auf eine Wartung durch Pichler. „Da arbeite ich an einer Maschine, an der wahrscheinlich schon sein Großvater vor 50 Jahren gearbeitet hat“, erzählt er begeistert. „Und irgendwie halte ich sie am Leben.“

Blau ließ den alten Aufkleber bewusst auf dem Gerät. Daneben brachte er seinen eigenen an, mit dem Hinweis auf die Wartung durch Frank Blau. Zwei Generationen von Reparaturarbeit, verbunden durch eine Schreibmaschine, die noch immer funktioniert.
Die Geräte nimmt er mit nach Feldkirch, zerlegt sie, reinigt die Mechanik und versucht, sie wieder funktionstüchtig zu machen. Besonders begeistert ist er von der Robustheit der alten Konstruktionen. Eine Rheinmetall-Maschine erwies sich als mechanisch nahezu unverwüstlich. Die vermeintlichen Defekte waren vor allem auf Verschmutzungen zurückzuführen. „So etwas bauen wir heute nicht mehr. Das ist Stahl. Gebaut, um zu halten“, schwärmt Blau. „Diese Maschine wird noch weitere hundert Jahre schreiben.“

Die Restaurierung verlangt allerdings Einfallsreichtum. Originalteile sind oft kaum erhältlich. Für eine Olympia besorgte er deshalb ein zweites Gerät als Ersatzteillager. Bei einer Underwood ersetzte er einen beschädigten Zugmechanismus mit einer widerstandsfähigen Kevlarschnur. Dafür musste er zunächst einen speziellen Angelknoten lernen.
Gerade solche Herausforderungen machen für ihn den Reiz aus. „Das Schöne am Reparieren von Schreibmaschinen ist, dass du ständig etwas Neues lernst“, erzählt Blau. „Es ist unglaublich befriedigend, etwas wieder zum Leben zu erwecken, das vorher nicht mehr funktioniert hat.“
Geld verlangt er für seine Reparaturtätigkeiten keines. Ein tragfähiges Geschäftsmodell sieht er darin ohnehin nicht. Vielmehr freut er sich, wenn ein Gerät, das jahrelang unbeachtet herumgestanden ist, wieder funktioniert.
Poesie statt KI
Gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz hält er das für wesentlich. Dabei ist Blau keineswegs ein Gegner moderner Sprachmodelle. Beim literarischen Schreiben zieht er allerdings eine Grenze. „Die kreative Arbeit mache immer noch ich selbst“, betont er. Sprachmodelle könnten zwar Texte korrigieren, ihnen fehle aber etwas Essenzielles:. „Der künstlichen Intelligenz fehlt dieser bewusste Mut. Sie ist so zahm, so unverbindlich und scheut jedes Risiko.“

Schreiben im Krankenhaus
Wie wichtig ihm das Schreiben geworden ist, zeigte sich während einer schweren Erkrankung. Nach einer Prostatakrebsoperation verbrachte er zehn Tage im Krankenhaus. Zwei oder drei Gedichte entstanden in dieser Zeit. Viele seiner Texte beschäftigen sich mit Beziehungen, Erinnerungen und persönlichen Erfahrungen. „Die Poesie hilft mir, ein traumatisches Erlebnis in etwas zu verwandeln, das unabhängig von meiner emotionalen Bindung daran existiert“, erklärt er.
Bislang wurden eingereichten Gedichte nicht veröffentlicht. Dennoch versucht er es weiter. „Ich habe so viele Gedichte zur Veröffentlichung eingeschickt und wurde noch nie veröffentlicht. Aber ich gebe nicht auf.“
Zumindest diesen Dienst können wir ihm von der NEUE am Sonntag erfüllen. Das Gedicht „Porto“ von Frank Blau veröffentlichen wir sehr gerne!

Und fall jemand Interesse daran hat, seine Schreibmaschine auf Herz und Nieren überprüfen zu lassen, hier wäre der Kontakt: fjblau@gmail.com.
(NEUE am Sonntag)