Werberevoluzzer und Revolutionswerber: Brechts Todestag naht

Er galt als geniales Großmaul. Von seinem Nachruhm hatte er ganz klare Vorstellungen: “Schreiben Sie, daß ich unbequem war und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke”, sagte Bertolt Brecht wenige Wochen vor seinem Tod zum Pfarrer und Publizisten Karl Kleinschmidt. “Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten”, so der Dramatiker. Mit der Prophezeiung sollte der dichtende Sozialrevolutionär Recht behalten. Am Freitag (14. August) nun jährt sich der Todestag zum 70. Mal.
Bis heute werden Brechts Theaterstücke in aller Welt gespielt, seine Gedichte gelesen und seine Bühnentheorien gelehrt, und ist der Unbequeme weiterhin einer der meistinszenierten Autoren an deutschsprachigen Theatern. Neben dem antikapitalistischen Singspiel “Die Dreigroschenoper” gehören “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” und “Der gute Mensch von Sezuan” zu den beliebtesten Stücken. “Ändere die Welt, sie braucht es”, lautete Brechts Motto. Mit künstlerischen Mitteln kämpfte er für eine gerechte Welt ohne Ausbeutung. Mit schwarzer Lederjacke, Kappe, frechem Grinsen, Zigarre und Nickelbrille inszenierte sich der Dichter als Kultur-Bolschewist schlechthin.
Tod im Alter von 58 Jahren
Dabei starb Brecht jung – 58 Jahre alt war er, als er am 14. August 1956 in Ostberlin die Augen für immer schloss. Nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil hatte sich Brecht für die DDR als neue Heimat entschieden. Der SED-Staat empfing Brecht, der nie Parteimitglied wurde, in den ersten Jahren keineswegs mit offenen Armen. Brecht, Sohn eines Papierfabrikanten, schuf 48 Theaterstücke, mehr als 2.300 Gedichte und zahlreiche Prosawerke.
Das von Brecht und Helene Weigel gegründete Berliner Ensemble erhielt zunächst Gastrecht am Deutschen Theater Berlin, wo es Brechts Idee von einem sozialistischen Theater zwischen Belehrung und Vergnügen verwirklichte. 1954 zog das Berliner Ensemble in das nahe gelegene Theater am Schiffbauerdamm um, wo heute Oliver Reese der Hausherr ist.
Erfinder des epischen Theaters
Brecht gilt als Erfinder des epischen Theaters, das den Zuschauer durch verfremdende Mittel – das Heraustreten des Schauspielers aus seiner Rolle oder Lieder und Texttafeln – in ein kritisch-beobachtendes Verhältnis zum Geschehen auf der Bühne versetzt. So sollen die auf der Bühne gezeigten Verhaltensweisen als gesellschaftlich bedingt und deshalb veränderbar gezeichnet werden. Selbst Thomas Mann als Schöngeist und Antipode Brechts musste einräumen: “Das Scheusal hat ja Talent.” Was wohl in erster Linie auf die Lyrik und Prosa Brechts von der “Hauspostille” über die “Geschichten vom Herrn Keuner” bis zu den “Buckower Elegien” bezogen war.
Doch die neue Gesellschaftsordnung, auf die Brecht trotz der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR gesetzt hatte, blieb ein Traum. Während das Berliner Ensemble in der DDR oft in der Kritik stand, gaben die Theaterleute im Ausland umjubelte Gastspiele. Zu Weltruhm gelangte das Ensemble nicht nur mit der legendären Inszenierung des Kriegsgewinnler-Stücks “Mutter Courage und ihre Kinder” mit Helene Weigel in der Titelrolle, sondern auch mit “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui”.
Ein Frauenschwarm
Die “Unbeständigkeit der menschlichen Natur” faszinierte Brecht. Eine Unbeständigkeit, die er auch an sich selbst beobachten konnte, zum Beispiel in seinem ausbeuterischen Umgang mit Frauen. Zeitweise hatte der Künstler Beziehungen mit zwei oder drei Frauen gleichzeitig. Hier war Brecht unbeständiger als sein Nachruhm.
Der ORF feiert
Das nahende Jubiläum des Autors wird auch im ORF umfassend gewürdigt. So widmet Ö1 dem Kunstrevoluzzer einen eigenen Schwerpunkt. Den Auftakt macht hier am Donnerstag (11.05 Uhr) die Erzählung “Der Mantel des Ketzers”, gelesen von Günter Einbrodt, der sich Samstag und Sonntag um 17.10 Uhr die Doppelsendung “Bert Brecht – die Kunst, die Welt zu verändern” anschließt. Und auf ORF III spricht am Freitag (14. August) Heinz Sichrovsky über Brechts Wirken und Bedeutung.