Widerstandskämpferin Mélanie Berger-Volle gestorben

Die 1921 in Wien geborene Widerstandskämpferin Mélanie Berger-Volle ist in der Nacht auf Donnerstag wenige Tage nach ihrem 105. Geburtstag in ihrer Wahlheimat Frankreich gestorben. Das wurde u.a. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), dessen Ehrenmitglied sie war, bekanntgegeben. 2024 beteiligte sie sich in Saint-Étienne als älteste Teilnehmerin am Fackellauf im Vorfeld der Olympischen Spiele in Paris und besuchte ihre Heimatstadt Wien.
“Ich kann sagen, dass ich das Glück hatte in meinem Leben, immer das zu machen, was ich wollte”, sagte damals Berger-Volle, nachdem sie tief bewegt auf dem “Hitler-Balkon” am Heldenplatz gestanden war, im Interview mit der APA. Als 16-Jährige, die sich im Roten Wien engagierte und mit den Revolutionären Kommunisten sympathisierte, habe sie dort Adolf Hitlers Rede (“Er hat aber mehr geschrien als geredet.”) gehört und sofort gewusst, dass ein Krieg die Folge sein werde, erzählte sie.
“Achtung, es kann anders kommen!”
Als Jüdin und Kommunistin doppelt gefährdet, flüchtete sie nach in Frankreich, kehrte nach dem Krieg zunächst in ihre Geburtsstadt zurück, ging aber schließlich an der Seite des Journalisten Lucien Volle wieder nach Frankreich. Mit verantwortlich waren ihre Erlebnisse 1938 in Wien, wie die “Reibepartien”, zu denen jüdische Bürger von ihren langjährigen Nachbarn gezwungen wurden, oder andere Exzesse. “Diese Dinge konnte ich nicht vergessen.” Doch heute gebe es auch in Österreich “sehr viele, die etwas tun”. Diese wolle sie in ihrer Arbeit und ihrer Wachsamkeit gegenüber bedenklichen Entwicklungen bestärken: “Ich will nur sagen: Achtung, es kann anders kommen!”
Der deutsche Journalist Nils Klawitter hat in seinem Buch “Die kleine Sache Widerstand. Wie Melanie Berger den Nazis entkam” (Czernin Verlag) Berger-Volles Leben und abenteuerliches Überleben, das 1943 in Marseille in einer filmreifen Fluchtaktion aus dem Gefängnis kulminierte, bei der sie von als Gestapo-Kommando verkleideten anderen Widerstandskämpfern ihrer Gruppe befreit wurde, festgehalten. Die engagierte Frau, die zuletzt in einer Seniorenresidenz in Saint-Étienne lebte, hatte bei ihrem Wien-Besuch vor zwei Jahren eine klare Botschaft an die Jugend: “Ich kann euch nicht sagen, was ihr machen sollt. Aber ich kann euch sagen: Denkt nach, wie ihr leben wollt – in einer Diktatur oder in einer Demokratie?”
Ludwig: “Wien wird ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren.”
Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) würdigte am Donnerstag ihr Lebenswerk: “Mélanie Berger-Volle war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die schon in jungen Jahren großen Mut und Zivilcourage bewiesen hat. Ihr unermüdlicher Einsatz gegen Faschismus und Ausgrenzung bleibt uns Vorbild und Verpflichtung. Wien wird ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren.” Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) betonte insbesondere ihr Engagement in der Erinnerungsarbeit: “Mélanie Berger-Volle hat nicht nur Geschichte geschrieben, sondern sie auch über Jahrzehnte hinweg an junge Generationen weitergegeben.” In ihrer Heimatstadt war Berger-Volle u.a. mit der Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold gewürdigt worden. Im DÖW wünscht man sich, das Buch “Die kleine Sache Widerstand” möge einmal das Gratisbuch der Stadt Wien werden: “Mélanie, deine Stadt soll dich ehren, indem sie von dir und deinem Mut liest und erzählt. Das ist die beste Nachrede, die man haben kann.”