Wien Modern bringt Zikadenklänge in die Zacherlfabrik

07.11.2026 • 13:18 Uhr

Wie klingt Natur? Vielstimmig jedenfalls – vom Rauschen der Wälder und der Wellen über das Brüllen der Löwen und das Rasseln der Klapperschlangen bis zum Zirpen der Zikaden. Motten verrichten ihr die Menschen nervendes Tun dagegen lautlos. “Zacherl’s Insecten tödtende Tinktur”, ein Mottenpulver namens “Zacherlin”, sollte ihnen den Garaus machen. Hergestellt wurde es einst in der Zacherlfabrik. Dort waren am Freitag bei Wien Modern Insekten zumindest klanglich wieder präsent.

Der französische Komponist Jean-Luc Hervé hat sich für sein Projekt “Un Monde Peuplé” (Eine bevölkerte Welt) weniger von der bezaubernden Architektur dieses Ende des 19. Jahrhunderts im orientalisierenden Stil in Wien-Döbling errichteten Gebäudes, sondern von seiner Geschichte inspirieren lassen. Mit einer 45-minütigen Klanginstallation holte er Geräusche in einen leeren Saal der seit langem stillgelegten Fabrik zurück.

Sessel und Sitzpolster

“Sitzkonzert mit Wandelmöglichkeit. Warme Kleidung wird benötigt”, war der Abend im Vorfeld beschrieben worden. Gewandelt sind jedoch einzig die vom Band kommenden Töne – nämlich via im ganzen Raum verteilten und von Toningenieur Camille Giuglaris an einem auf einer Zwischendecke installierten großen Mischpult gesteuerten Lautsprechern. Die Zuschauer dagegen suchten gleich nach Einlass mehrheitlich die am Saalrand aufgestellten Sessel auf, nur wenige platzierten sich auf den im Raum verteilten Sitzpolstern.

Im Zentrum des kontemplativen Soundteppichs stand das Zusammenspiel der drei in Raumecken positionierten Schlagwerker Igor Gross, Hannes Schöggl und Sofia Garzotto miteinander und mit der Multikanal-Elektronik, das allerdings nicht auf Natur-Imitate setzte. Nur wer die Augen schloss und viel Fantasie besaß, konnte sich auf einer sommerlichen Blumenwiese wähnen. Da half auch die vorherige Verkostung des angebotenen und von Bienen des Areals stammenden Honigs nichts.

“Neue Musik und Ökosysteme”

Und dennoch fügt sich dieses originelle Experiment, das am Samstag und Sonntag jeweils um 17 und um 20 Uhr wiederholt wird, perfekt in die Programmatik des heurigen Festivals: “Neue Musik und Ökosysteme” – da ist viel Platz fürs Erforschen und Erkunden. Da muss nicht aus jeder Raupe ein atemberaubender Schmetterling werden und aus jedem Ei ein prächtiger Singvogel schlüpfen. Hauptsache, es entkommt kein invasiver Schädling. Japankäfer und Tigermücke reichen.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – )