Politik

“Es wird einen KI-Crash geben – die Frage ist nur, wie heftig er ausfällt”

02.11.2026 • 11:47 Uhr
"Es wird einen KI-Crash geben - die Frage ist nur, wie heftig er ausfällt"
Die NEUE traf die Journalistin und Autorin im Hotel Katharinenhof in Dornbirn zum Gespräch. Hartinger (6)

Autorin und “taz”-Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann im NEUE-Interview über die Zukunft von KI, Russland und China als Kriegsmächte und die geplante Verlängerung des Grundwehrdienstes.

Wie oft verwenden Sie KI im Alltag?
Ulrike Herrmann: Eigentlich gar nicht. KI kann hilfreich sein, etwa in der Programmierung. In meinem Fachgebiet, der Makroökonomie, kann sie mir jedoch nichts Interessantes liefern. Die Volkswirtschaftslehre ist ein stark umstrittenes Feld, das von der konservativen Neoklassik dominiert wird. Eine KI berechnet Wahrscheinlichkeiten. Wenn eine Denkrichtung 85 Prozent eines Fachs dominiert, erscheint sie der KI richtig. In der Volkswirtschaftslehre wird KI deshalb kaum etwas Interessantes liefern. Sie wiederholt vor allem die Standardsätze der Neoliberalen. Daher ist sie in meinem Feld unbrauchbar.

Österreichs ehemaliger Bundeskanzler Sebastian Kurz warnte in einem Interview mit dem „Stern“, wenige Menschen könnten mit KI innerhalb von Minuten eine ganze Stadt ausschalten oder ein Krankenhaus lahmlegen. Wie realistisch ist ein solches Szenario?
Herrmann: Zunächst zu einer möglichen KI-Apokalypse: Ich glaube nicht, dass KI in der Lage ist, die Menschheit auszurotten. Was aber stimmt: KI-Agenten können allerlei Unsinn anstellen, wenn sie sich verselbstständigen und zentrale Infrastruktur lahmlegen. Das Ergebnis davon könnte sein, dass bestimmte KI-Versionen einfach verboten beziehungsweise abgeschaltet werden. Niemand kann riskieren, dass die KI sinnlos Infrastruktur lahmlegt, auch die USA nicht. Es liegt daher im Interesse der KI-Firmen, für Sicherheit zu sorgen. Nur scheinen sie das im Silicon Valley noch nicht verstanden zu haben. Dort gibt es eine kleine Gruppe von Milliardären, die offenbar von männlichem Größenwahn erfasst ist und jetzt gemeinsam spinnt.

"Es wird einen KI-Crash geben - die Frage ist nur, wie heftig er ausfällt"
Im Silicon Valley gebe es eine Gruppe von Milliadären, die von “männlichen Größenwahn” erfasst sei, erklärt die Wirtschaftskorrespondentin.

Eine “KI-Anarchie” halten Sie also für unwahrscheinlich?
Herrmann: Es wäre Wahnsinn, seine eigene Zivilisation durch KI zu zerstören. Zudem haben die jetzigen Sprachmodelle ein ökonomisches Problem: Sie sind extrem teuer und gleichzeitig ist kein Geschäftsmodell in Sicht. Unternehmen, die KI einsetzen, ziehen oft den Schluss, dass sie die Abläufe nicht effizienter macht. Hinzu kommt der Widerstand gegen KI-Rechenzentren in der Bevölkerung, weil die Server zu viel Wasser und Strom verbrauchen. So wie es derzeit läuft, ist KI eine Totgeburt.

“So, wie es derzeit läuft, ist KI eine Totgeburt.”

Ulrike Herrmann

Erwarten Sie, dass die KI-Blase platzt?
Herrmann: Natürlich, es wird einen Crash geben. Die Frage ist nur, wie heftig er ausfällt. KI wird gerne mit dem Eisenbahn-Boom im 19. Jahrhundert verglichen. Damals baute jede Privatgesellschaft eigene Strecken, teilweise verliefen drei nebeneinander. Am Ende gingen viele dieser Privatgesellschaften pleite. Der Staat kaufte sie auf und koordinierte das Netz. Strecken, die man nicht brauchte, wurden teilweise stillgelegt. Danach funktionierte die Eisenbahn. Ähnlich wird es mit KI sein: Viele Anbieter werden verschwinden, aber die KI wird bleiben. Aber man wird sie effizienter gestalten, sich zum Teil von den Sprachmodellen lösen.

Wie viel KI steckt in den derzeitigen Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten?
Herrmann: KI ist dominant in der Auswahl der Ziele und in der Steuerung von Drohnen. Früher mussten Generäle stundenlang über Karten sitzen. Heute erledigt die KI das in Sekunden. Die Strategie – ob man den Angriff selbst wirklich durchführt – bleibt aber weiter menschlich.

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KI werde im Hintergrund bereits als Kriegswaffe genutzt, führt Herrmann aus.

Bleiben wir in der Ukraine: Wie lange kann sich Russland diesen Krieg noch leisten?
Herrmann: Der Krieg wird meiner Einschätzung nach erst enden, wenn Putin stirbt. Russland hat eine Kriegswirtschaft und die Rückkehr zu einer Friedenswirtschaft würde jahrelange Inflation, Arbeitslosigkeit und möglicherweise Gewalt bedeuten. Das wäre für Putins Machterhalt gefährlich. Leisten kann sich Russland den Krieg eigentlich nicht. Je nach Schätzung kostet er zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar pro Tag. Trotzdem kann Russland ihn fortsetzen. Für einen Krieg braucht es Soldaten, Öl, Nahrungsmittel, Waffen und Rohstoffe. Russland hat all das, im Notfall hilft China aus. Die Folgekosten sind dennoch enorm. Je länger der Krieg dauert, desto stärker wird Russland ökonomisch abgehängt. Dem Land fehlt Geld, um in Fabriken und die Infrastruktur zu investieren. Auch nach dem Krieg werden hohe Kosten bleiben, etwa für Veteranen und Arbeitslose. Mit der Fortsetzung dieses Kriegs hat Putin entschieden, dass Russland den Anschluss an den Westen und an China nie wieder finden wird. Da ist es auch unerheblich, ob die Sanktionen nach dem Krieg wieder aufgehoben werden.

Was bedeutet das für die Ukraine? Hält sie so lange durch, bis Putin stirbt?
Herrmann: Die Ukraine kann nur durchhalten, wenn sie vom Westen unterstützt wird. Da geht es nicht nur um die Finanzierung von Waffen, sondern auch um Beamtengehälter und Pensionen. Weil die Ukraine keine Luftabwehr hat, werden nun auch Fabriken zerstört. Die Wirtschaft schrumpft, das macht es für die Ukraine immer schwieriger. Ich glaube dennoch, dass sie durchhalten kann und wird. Die Umfragen zeigen: Die Ukrainer stehen mehrheitlich hinter dem Krieg. Viele im Westen haben noch immer nicht verstanden, dass jeder Ukrainer weiß, was eine russische Diktatur bedeutet. Das wäre ein Terrorregime. Wenn die Ukraine verlieren würde, bedeutete das nicht, dass 44 Millionen Ukrainer unter russischer Herrschaft blieben. 20 Millionen würden in den Westen fliehen.

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Die Autorin skizziert das Szenario einer gewaltigen Flüchtlingswelle für den Fall, dass die Ukraine von Russland eingenommen würde.

Ein mögliches Konfliktszenario, das Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist ein Angriff Chinas auf Taiwan. Wie wahrscheinlich ist ein solcher Angriff?
Herrmann: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass China einen Krieg beginnt. Ob es dabei um Taiwan geht, weiß ich nicht. Taiwan ist eine Art natürliche Festung mit einem bis zu 4000 Meter hohen Zentralmassiv. Die Insel einzunehmen wäre sehr schwierig. Xi Jinping könnte aber auch die Philippinen angreifen, die sich dagegen kaum wehren könnten.

Warum?
Herrmann: China steht aus meiner Sicht kurz vor einer Explosion. Von außen wirkt das Land stabil, im Inneren ist die Lage verheerend. Das zeigt sich unter anderem an der hohen Jugendarbeitslosigkeit: Obwohl es wegen der Ein-Kind-Politik nur wenige Jugendliche gibt, finden viele keine Arbeit. Das nach außen kommunizierte Fünf-Prozent-Wachstum ist offensichtlich gelogen. Die Kommunistische Partei ist eine Diktatur, die ihre Macht mit dem Versprechen begründet, für Wohlstand zu sorgen. Dieses Versprechen kann sie nicht mehr erfüllen. Die Frustration darüber ist enorm. Ein Krieg könnte für Xi Jinping eine Möglichkeit sein, davon abzulenken.

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Ein Krieg könne für Xi Jinping eine Möglichkeit sein, von innerstaatlichen Problemen abzulenken, so Herrmann.

Könnte Europa in einem solchen Fall ähnliche Sanktionen gegen China verhängen wie gegen Russland?
Herrmann: Sanktionen gegen China könnten wir aufgrund unserer Abhängigkeit nicht verhängen. Auf einer EU-Liste stehen mehr als 200 Produkte, von seltenen Erden bis hin zu Antibiotika, bei denen wir auf China angewiesen sind. Wenn China seine Nachbarn angreift und daraufhin wahrscheinlich die Straße von Malakka geschlossen wird, wäre das ein Super-GAU für die Weltwirtschaft. Dann ginge es nicht mehr um Sanktionen, sondern um einen Einbruch der Weltwirtschaft, der noch stärker wäre als während der Corona-Zeit.

Die österreichische Bundesregierung plant, den Grundwehrdienst zu verlängern. Die Wehrdienstkommission schlägt eine Verlängerung von bisher sechs auf acht Monate plus zwei Monate verpflichtender Milizübungen vor. Ist das ein richtiger Schritt?
Herrmann: Waffen werden immer komplexer. Um sich in einer Waffengattung einigermaßen auszukennen, braucht man Zeit, um sich damit auseinanderzusetzen. Acht Monate wären dafür noch kurz. Ich bin aber keine Militärexpertin, die Wehrdienstkommission ist für diese Einschätzung besser geeignet. Was man verstehen muss: Es geht nicht darum, die Wehrpflichtigen in den Krieg zu schicken, sondern um Abschreckung: Wenn man genug Soldaten hat, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krieg ausbricht. Dafür müssen sie aber auch gut ausgebildet sein. Sie dürfen nicht nur in der Kaserne sitzen und Wände anstreichen.

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Bei einer Verlängerung des Wehrdienstes gehe es um Abschreckung, erklärt die Wirtschaftsjournalistin.

Wie bewerten Sie den Wahlkampfauftritt von Audi-Chef Gernot Döller bei US-Präsident Donald Trump?
Herrmann: Das war keine gute Idee. Trump ist kein Demokrat, er hat Europa zum Feind erklärt. Da kann man sich bei ihm nicht so anbiedern. Wenn alle Unternehmen nur ihren kurzfristigen Eigeninteressen folgen, schwächt das Europa. Man muss eine gemeinsame Front haben. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ich glaube nicht, dass er noch lange Audi-Chef sein kann.

Wird Audi personelle Konsequenzen ziehen?
Herrmann: Sagen wir so, ich hoffe es.

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Zur Person

Ulrike Herrmann (*1964 in Hamburg) ist Bestsellerautorin und Wirtschaftskorrespondentin der deutschen Zeitung “taz”. Mit ihrem neuesten Buch “Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet” war Herrmann vergangene Woche unter anderem im Weltladen Wolfurt und in der Stadtbibliothek Dornbirn zu Gast.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)