Sport

„Ich hatte immer ein Gefühl und Talent dafür“

12.12.2021 • 08:17 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Seinen letzten Auftritt auf großer Bühne hatte Viktor Pfeifer bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. Nun könnte er als Trainer in Peking dabei sen. <span class="copyright">ap</span>
Seinen letzten Auftritt auf großer Bühne hatte Viktor Pfeifer bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. Nun könnte er als Trainer in Peking dabei sen. ap

Viktor Pfeifer gibt sein Wissen im größten Trainingszentrum der USA weiter.

Seit seinem Karriereende 2014 ist es um Vorarlbergs Aushängeschild im Eiskunstlauf ruhiger geworden. Eigentlich unberechtigt, blieb Viktor Pfeifer doch zu jeder Zeit seiner Sportart treu und hat auch in der aktuellen Phase alle Hände voll zu tun. Seit einigen Jahren gibt der dreimalige Olympiateilnehmer sein Wissen als Fachmann weiter und ist dabei im größten Trainingszentrum der USA beschäftigt. In Colorado Springs betreut der 34-jährige Frastanzer unter anderem die amerikanische Hoffnung Nummer eins auf die Teilnahme für die Olympischen Spiele.

Gefühl und Talent

Mit dem Trainerwesen begann Pfeifer in jener Phase, als er selbst noch bei Bewerben in Erscheinung trat. Damit vereinfachte sich die Überleitung vom aktiven Sport zur Weitergabe des Wissens. Allerdings stellte es keine Gewissheit dar, dass der Vorarlberger künftig seine Brötchen als Übungsleiter verdienen würde. „Ich hatte immer ein Gefühl und Talent dafür. Ich habe es auch immer genossen, aber ich wollte es mir wohl nicht eingestehen, dass ich es machen will“, gibt er Einblicke.
Deswegen eröffnete sich der Wintersportler bereits früh ein zweites Standbein und absolvierte zunächst einen Bachelor in Finanzwesen. Er wollte den Master folgen lassen, merkte aber bald, dass die Tage mit der Doppelbelastung zu wenig Stunden bereithielten und der Fokus auf dem Trainerwesen liegen sollte. Mit dem Einsetzen der Coronapandemie vervollstän­digte der umtriebige Mann sein Studium 2020 doch noch. „Ich habe mir gesagt, ich habe den Master angefangen, jetzt muss ich ihn auch beenden, obwohl eigentlich dafür nie Zeit war. Es war manchmal echt streng“, meint der Vorarlberger.

Mittlerweile gibt Pfeifer sein Wissen als Trainer weiter. <span class="copyright">GEPA</span>
Mittlerweile gibt Pfeifer sein Wissen als Trainer weiter. GEPA

Viel Konkurrenz

Das vergangene Jahr hielt noch weitere Veränderungen im Leben des Eiskunstläufers parat. Bis zum Juni 2020 unterrichtete Pfeifer seine Schüler an der Ostküste in Wilmington, einer Stadt in North Carolina. Dann kam eine Anfrage aus dem Trainingszentrum im Bundesstaat Colorado. Das Timing war perfekt, gingen doch einige Schüler ans College. Damit war die Entscheidung für den in Graz geborenen Pfeifer gefallen, was gleichbedeutend mit einem karrieretechnischen Aufstieg zu verstehen ist. „Definitiv ist es ein großer Aufstieg. Aber es haben mich auch viele gewarnt, weil ich in Wilmington machen konnte, was ich wollte. Ich hatte ein Team, und jetzt sind da auch die Toptrainer. Das bedeutet viel Konkurrenz, aber meiner Meinung nach auch viel Möglichkeit zum gegenseitigen Lernen und Zusammenarbeiten“, erklärt er seinen Schritt.
Von einer der Haupttrainerinnen, Tammy Gambill, wurde ihm viel Vertrauen geschenkt, und der Neuankömmling erhielt als Aufgabenbereich auch die Arbeit mit ihren Schülern. Darunter befinden sich auch Athleten, die als WM-Teilnehmer in Erscheinung traten.

Alysa Liu wird seit einigen Wochen von Viktor Pfeifer trainiert. <span class="copyright">ap</span>
Alysa Liu wird seit einigen Wochen von Viktor Pfeifer trainiert. ap

Die größte Hoffnung der USA

Die wohl größte Bestätigung für seine Arbeit erhielt der Österreicher allerdings erst vor rund drei Wochen. Er wurde als einer der Haupttrainer für die 16-jährige Alysa Liu auserkoren. Dabei handelt es sich um die zweifache amerikanische Meisterin, die zudem die größte Hoffnung für die Olympische Spiele im Februar in Peking aus Sicht der Vereinigten Staaten darstellt. Als weiterer Beweis ihrer fachlichen Qualitäten sei angeführt, dass sie als erste Amerikanerin den vierfachen Lutz in einem Bewerb stand. „Es war schon überraschend, dass ich den Auftrag der Topläuferin in Amerika bekommen habe. Ich glaube, da waren einige andere Personen auch überrascht, schließlich sind ganz viele Toptrainer hier“, beschreibt es Pfeifer.
Gemeinsam mit dem Choreografen Drew Meekins bildet der Vorarlberger das Haupttrainerteam. Der Betreuerstab wird von Physiotherapeuten, Pirouettentrainern, weiteren Choreografen und Trainern erweitert. Zwei Zoommeetings pro Woche sollen das umfassende Team über Entwicklungen der Athletin auf dem Laufenden halten. Pfeifer selbst zeichnet für die Trainingsplanung, eislaufspezifisches Trockentraining, Technikarbeit, Sprungtechnik und das Programm verantwortlich. Zusätzlich soll von Pfeifer und Meekins alles koordiniert werden. „Jetzt ist eine ganz wichtige Phase in ihrer Karriere. In drei Wochen haben wir die Olympiaquali, und sie ist eine der Hauptfavoritinnen. Unsere Challenge ist es, das 16-jährige Mädchen mental und körperlich darauf vorzubereiten, damit sie bei den Nationals gut abschneidet und für Olympia nominiert wird“, verdeutlicht der Verantwortliche die Aufgabenstellung.

Die erst 16-Jährige gilt als die größte Hoffnung der USA bei den Eiskunstläuferinnen für die Olympischen Spiele. <span class="copyright">APA</span>
Die erst 16-Jährige gilt als die größte Hoffnung der USA bei den Eiskunstläuferinnen für die Olympischen Spiele. APA

Enormer Druck

Der Druck ist dabei immens, wird Liu doch von einer großen Fangemeinschaft beäugt, der Trainerwechsel so kurz vor den entscheidenden Wettkämpfen für Olympia kam für viele überraschend und zog daher ein großes mediales Echo nach sich. Auch wenn Pfeifer viel von dieser Last, abliefern zu müssen, verspürt, lastet zumindest der mediale Druck auf Christy Krall. „Offiziell haben wir drei Trainer gelistet. Die berühmte Trainerin arbeitet eher nebensächlich, bekommt aber den Druck der Fans ab. Das haben wir so angelegt, damit nicht Drew und ich den ganzen Druck abbekommen“, erklärt Pfeifer den strategischen Schachzug. Doch alles andere als die Qualifikation für die Bewerbe in Peking wäre ein herber Rückschlag. Dazu muss Liu unter die Top Drei kommen.
Im wünschenswerten Fall könnte der Vorarlberger dann als Trainer in China mit von der Partie sein. Eine Entscheidung diesbezüglich muss allerdings erst noch fallen, da nur ein Trainer die Athletin auf der größten sportlichen Bühne begleiten darf. „Mir geht es darum, wer am besten für die Läuferin ist, der soll hingehen. Nach den Nationals im Jänner haben wir ein besseres Bild, was am besten für die Athletin ist“, dämpft der Übungsleiter die Erwartungshaltung für seine Mitreise.

Workaholic

Das eislaufspezifische Training mit Liu nimmt für Pfeifer rund eineinhalb Stunden pro Tag in Anspruch. Die restliche Auslastung kommt von anderen Athleten her und hat es in der Tat in sich. Denn für den Vorarlberger beginnt der Tag im Regelfall um fünf Uhr in der Früh. Nach Video­telefonaten mit Schülern von der Ostküste geht es ab 6.30 Uhr in die Eishalle. Zunächst werden Nachwuchssportler, die noch vor dem schulischen Unterricht eine Einheit einschieben, dann hauptberufliche Athleten von Pfeifer betreut. Der Arbeitstag endet dann um 17.30 Uhr, wenn nicht noch online Trockentrainings oder Papierkram ansteht. „Meiner Meinung nach kann man es in Amerika auf dem höchsten Level nur voll oder gar nicht machen. Als Trainer auf dem höchsten Level brauchen die Topathleten Aufmerksamkeit und immer jemanden in der Halle“, erklärt der Übungsleiter die langen Tage und gesteht dabei auch ein, ein bisschen ein Workaholic zu sein.

Als Aktiver war Pfeifer bei drei Olympischen Spielen dabei. <span class="copyright">ap</span>
Als Aktiver war Pfeifer bei drei Olympischen Spielen dabei. ap

Die nächsten Stufen

Dass muss er allerdings wohl auch sein, zumindest dann, wenn er noch die höchsten Sphären als Trainer erreichen will. In seinen Anfangsjahren hat er Athleten bereits zu internationalen Bewerben und den Nationals geführt. Mit Liu könnte Olympia folgen. Doch darüber hinaus gibt es noch weitere Stufen für ihn zu erklimmen. „Es ist natürlich interessant, einen Läufer zu Olympia zu bringen. Ich finde es zudem spannend, wenn man jemanden von einem jüngeren Alter dorthin bringt. Das ist etwas, das ich erreichen möchte. Die höchste Stufe wäre wahrscheinlich ein Olympiasieg. Es gibt noch ein paar Stufen zu erreichen“, führt es der Fachmann aus.
Somit ist nicht davon auszugehen, dass dem Vorarlberger in naher Zukunft die Arbeit ausgehen könnte. Wie es zudem mit seinem weiteren Engagement für Liu aussieht, wird sich erst weisen müssen. Genauso wie eine mögliche vierte Teilnahme bei den Spielen. Nur dieses Mal wäre es eben nicht als Aktiver, sondern als Unterstützer von der Bande.

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