Als eine Götznerin die weltbeste Ringerin war

Exakt heute ist es 30 Jahre her, dass die ehemalige Weltklasse-Ringerin Nikola Hartmann (48) einen wohl beispiellosen Erfolgslauf starten konnte.
“Ich war in meiner Funktion als Männer-Bundestrainer auf einem Turnier in Prag, dem Grand Prix von Tschechien, und habe einen Anruf bekommen, dass Niki Weltmeisterin geworden ist“, erinnert sich Bruno Hartmann – und wird sogleich von seiner Tochter korrigiert: „Du hast von einer Raststelle auf der Autobahn angerufen, du hattest ja noch kein Handy!“ Beide müssen lachen.
Heute ist es genau 30 Jahre her, als eine in Vorarlberg vielleicht beispiellose Erfolgsgeschichte der internationalen Sportszene ihren Anlauf nahm. Und was für eine. Am 8. August 1993 wurde die gebürtige Götznerin das erste Mal Weltmeisterin, bis zum Jahr 2000 wurde die heute 48-Jährige in jedem Jahr Welt- oder Europameisterin, in den Jahren 1998 und 2000 gar Welt- und Europameisterin.

Langer Weg
Bruno Hartmann, der zweifelsohne als der Macher des österreichischen Frauenringens bezeichnet werden kann, saß beim ersten großen Erfolg seiner Tochter also gar nicht an der Matte, sondern Michael Häusle. Was seiner Tochter in der so erfolgreichen Karriere verwehrt bleiben sollte, erlebte der Götzner 1972, als er an den denkwürdigen Olympischen Spielen in München teilnahm. Und auch als Bundestrainer war der mittlerweile 77-Jährige bei Olympia im Einsatz. Das Frauenringen forcierte der Götzner schon vor 1990. „Mädchenringen! Gibt es das überhaupt? Sie zweifeln? Die Weltmeisterschaften der Frauen in Martigny in der Schweiz waren ein voller Erfolg für alle Beteiligten. Fünf Mädchen besuchen nun schon seit geraumer Zeit das Schüler-Nachwuchstraining, sie trainieren für die WM 1995!“

Nikola Hartmann war auf dieser Mitteilung, wohl im Gemeindeblatt, nicht mit von der Partie, mit einem Quintett starteten Bruno Hartmann und Co. nach der WM 1989 das Unternehmen Frauenringen. Das spätere Aushängeschild widmete sich lieber dem Speerwurf, „dort bin ich bei der Junioren-WM in Seoul allerdings untergegangen. Da ich nebenher Judo betrieben habe und auch schon mit Jungs gerungen habe, wechselte ich komplett in den Kampfsport“. Den Vater hat’s gefreut, schließlich hatten ihn die Chinesinnen in Martigny fasziniert, „und das Frauenringen, wo 1987 die erste WM zur Austragung kam, wurde in Österreich weder akzeptiert noch groß gefördert“. 1992 war es in Frankreich, wo auf eigenen Kosten hingefahren wurde, noch WM-Rang zwölf, die Junioren-WM 1993 fand dann in Götzis statt. Eine heimische Titelträgerin wäre spätestens jetzt gut gewesen, um das Umdenken in der rot-weiß-roten Verbandsspitze voranzutreiben.

Ohne Erwartungen
Es wurde Silber, „und Vater meinte, ich solle zur WM nach Norwegen. Ich antwortete nach der Finalniederlage, was soll ich da?“ Aber der Vater wusste es besser, er sah schließlich, wie Niki im Training die Jungs einen nach dem anderen besiegte und diese deprimiert von dannen zogen. „Undenkbar in den gesellschaftlichen Vorstellungen, und nach den biologischen Erkenntnissen sind Mädchen ab dem 14. Lebensjahr nun einmal benachteiligt“, erklärt Bruno Hartmann, der seine Tochter im Frühjahr 1992 zu einem Turnier nach Utrecht mitnahm. „Dieses wurde im Freistil ausgetragen, bisher hatte ich aber immer im griechisch-römischen Stil gerungen. Auch das war aber kein Hinderungsgrund, um ins Finale einzuziehen“, lässt die Dornbirnerin wissen. Trotz starker internationaler Konkurrenz, „denn die Norwegerinnen und Schwedinnen begannen früh mit dem Ringsport, da die Emanzipation dort einfach weiter fortgeschritten war“, sagt der 77-Jährige.
„Ich fuhr ohne Erwartungen zur WM 1993. Ich habe einfach gerungen, und auf einmal stand ich im Finale gegen die Französin Isabelle Dourthe. Da wurde ich dann nervös“, erinnert sich die zwölffache österreichische Meisterin, die 2010 für ihre Verdienste um den Ringersport in die FILA International Wrestling Hall of Fame aufgenommen wurde. Vom Kampf wisse sie nicht mehr viel, lediglich von den Feierlichkeiten danach mit den Italienerinnen, aber dass es Jahr für Jahr immer schwerer wurde, Titel um Titel einzufahren. „
Der Druck wurde größer und größer, die Trainingslager in allen möglichen Ländern umfangreicher. Aber wir haben uns offen mit unseren Konkurrentinnen unterhalten, größere Geheimnisse gab es nicht.“ Bruno Hartmann entdeckte in Kuba eine Trainingspuppe, die von der Decke hing, damit ließen sich spezielle Techniken üben. Und vor allem waren mit ihr auch Trainings alleine möglich, „vormittags hatten wir oft keine Partner. Und am 24. Dezember gingen wir vormittags in die Halle, weil an diesem Tag dort genügend Platz war“, erinnern sich die Hartmanns.

Willenskraft
1994 und 1995 war Helmut Postai mit Nikola bei den Großereignissen an der Matte, ab 1996 dann der Vater. „Er war ein brutal ruhiger Trainer, das Konzept wurde auch im Vorfeld besprochen. Und obwohl er natürlich auch Vater war, wusste er vor allem in den Trainings immer, wie weit er gehen konnte“, so die 48-Jährige, die sich an einen weiteren großen Triumph auf anderer Ebene erinnert. „2001 war mein Knie total kaputt, mein Arzt Hartmut Häfele sagte, ich werde nie mehr ringen können. Ich sagte ihm, gib mir ein Jahr Zeit, und ich hole die nächste Medaille. 2003 wurde ich hinter der Norwegerin Lene Aanes Vizeeuropameisterin.“ Eine unheimliche Kampf- und Willenskraft zeichnete die Wahl-Dornbirnerin immer aus, umso erstaunlicher ist es, dass die mit viel Schweiß und Nerven errungenen Medaillen noch immer „in irgendeiner Schachtel“ liegen. Schon vor Jahren meinte sie, „ich hab’ die Erinnerungen im Kopf, das reicht. Ich muss keine Medaillen auslegen“.
Sportler-Pension
Die Frage ist freilich auch, wie lange die Vitrine sein müsste. Seit 1997 wurde in Götzis 16 Mal das renommierte Weltklasseturnier „Austrian Ladies Open“ ausgetragen, auch dieses gewann die fünffache Welt- und Europameisterin in den Klassen bis 61, 62 und 63 Kilogramm vier Mal. Äußerst bitter war für die Trägerin des Silbernen Ehrenzeichens der Republik Österreich, die seit 2000 mit halber Lehrverpflichtung am Bundesgymnasium Blumenstraße in Bregenz Psychologie, Philosophie, digitale Grundbildung und natürlich Sport unterrichtet, dass sie nach knapp verpasster Olympia-Qualifikation 2008 vom Weltverband eine Wildcard bekommen hatte, vom ÖOC aber nicht mit nach Peking genommen wurde.

„So wollte ich nicht aufhören, darum bin ich noch einmal zur WM nach Dänemark gefahren“, meint Nikola Hartmann, die nach dem elften Platz in „Sportler-Pension“ gegangen ist, gar auch beim KSV Götzis nach deren Streit mit ihrem Vater ausgetreten ist, und nun vor allem ihrem elfjährigen Sohn Noah beim FC Dornbirn die Daumen drückt. Und hofft, dass der FCD noch ein paar Jahre in einer der beiden oberen Ligen spielt, dass sich Noah vielleicht (s)einen Traum erfüllen wird können. „Die Familie ist wichtiger!“