Sport

Eine Goldfahrt im Rückspiegel der Zeit

08.08.2025 • 13:53 Uhr
ABD0054_20240808 – PARIS – FRANKREICH: Lukas MŠhr und Lara Vadlau (AUT) am Donnerstag, 08. August 2024, wŠhrend. des Medal Race zur 470er-Klasse anl. der Olympischen Sommerspiele 2024, bei Marseille. – FOTO: APA/GEORG HOCHMUTH
Heute vor einem Jahr wurde Lukas Mähr zusammen mit Lara Vadlau Olympiasieger bei den 470er-Seglern. Das ist der Moment, in dem sie wissen, dass es Gold ist. APA

Heute vor einem Jahr wurde der Bregenzer Lukas Mähr zusammen mit Lara Vadlau in Marseille Olympiasieger bei den 470er-Seglern. Ein Rückblick auf den Goldtag 8. August 2024.

“Jaaaaaaa“, schreit Lukas Mähr immer wieder. Es ist 12.05 Uhr. Gerade eben haben Vadlau/Mähr beim Medal Race die Ziellinie überquert. Es herrscht Chaos in der olympischen Bucht vor Marseille. Noch ist das Endergebnis nicht offiziell. Mähr ist sich aber schon sicher, dass es eine Medaille für ihn und seine Kärntner Steuerfrau geworden ist. Dann bricht es wie als Bestätigung aus Vadlau heraus: „Wir haben eine Medaille.“ Die 30-Jährige lässt einen Urschrei folgen: „Jaaaa!!!“ Vadlau und Mähr umarmen sich, schlagen sich gegenseitig stolz auf den Rücken. „Jaaaaaa“, sprudelt es immer wieder aus dem Bregenzer heraus. Vadlau stößt einen Jauchzer aus. Mehr Glückseligkeit geht nicht.

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Vadlau/Mähr auf ihrer Fahrt zu Gold. Reuters

Ungewissheit
Doch welche Farbe hat die Medaille? „Die Spanier waren heute weit hinter uns, aber wie viele Punkte waren wir vor den Japanern?“, versucht sich das aufgekratzte Segelduo einen Überblick zu verschaffen. Die Gefühle der beiden fahren jedoch zu sehr Achterbahn, das Chaos ist viel zu groß, als dass sie Klarheit haben könnten.
An den beiden treiben Boote mit Pressefotografen vorbei, die unaufhörlich Fotos von ihnen schießen, aber keiner der Fotografen weiß mit letzter Sicherheit, welche Medaille Mähr und Vadlau gewonnen haben. Ganz kurz schnappt Vadlau im Trubel etwas auf und sagt: „We have Gold, warum sagt uns das keiner?“ Aber noch schwingt eine gehörige Portion Unsicherheit mit. Es ist 12.06 Uhr. Dann erklärt die Kärntnerin in Richtung Mähr: „Denken wir in Ruhe nach. Wie viele Punkte hatten die Japaner?“ Jetzt rechnet Zahlenmensch Mähr nach, die Anspannung ist regelrecht greifbar, ehe dem 34-jährigen Bregenzer klar ist: „Wir haben 38, Japan 41.“ Aus Vadlau sprudelt es heraus: „Wir sind Olympiasieger“, gefolgt von einem: „Alter Schwede!“ Beide lachen. Umarmen sich. Aber so ganz sicher? Nein, das sind sie sich noch immer nicht, die beiden wollen sich bloß nicht zu früh als Olympiasieger fühlen, zumal auch ihre Trainer im Beiboot nach wie vor am Rechnen sind.

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Am Strand angekommen werden die Goldmedaillengewinner gefeiert – auf Mähr warten zum Beispiel Gattin Christine und ihre beiden Kinder. Reuters

Sternstunde
12.08 Uhr. Aus dem Nirvana erklingt eine Ansage, die nur ein Wort enthält: „Austria“. Jetzt ist es amtlich. Vadlau/Mähr sind Olympiasieger, klatschen ab, umarmen sich, Mähr ballt die Faust, Vadlau winkt. Dann stößt das österreichische Begleitboot zum Goldduo, spätes­tens jetzt gibt es kein Halten mehr.
Vadlau/Mähr kentern unter Federführung des Bregenzers das Boot, drehen es also um – so, wie sich das in solch einer Sternstunde gehört. Die beiden Olympiasieger bekommen eine österreichische Flagge zugeworfen und posieren in Siegerpose für die Fotografen, die in Booten neben ihnen treiben.
Augenblicke später schippern die Japaner an Vadlau/Mähr vorbei und rufen den beiden zu: „Fantastic“, also „fantastisch“, denn Okada/Yoshioka haben Silber gewonnen. Bronze geht an die Schweden Dahlberg/Karlsson, die Spanier Xammar/Brugman, die vor dem Medal Race noch auf Platz zwei lagen, gehen nach einer völlig verpatzten Medaillenfahrt als Vierte leer aus.

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Unter der Federführung von Mähr kentern die beiden Olympiasieger ihr Boot. Reuters

Rennverlauf
Vadlau/Mähr gingen mit sieben Punkten Vorsprung auf Xammar/Brugman in die Medaillenentscheidung. Beim Medal Race zählen die Punkte doppelt – die Punkte ergeben sich aus der Platzierung, ein dritter Platz kostet im Medal Race sechs Punkte, ein zweiter Platz vier Punkte, ein Sieg zwei Punkte. Das bedeutete, dass die beiden Österreicher mit einem Platz unter den Top vier den Olympiasieg sicher hatten. Mit einem sechsten Platz war ihnen Silber nicht zu nehmen, Bronze war bei einem achten Platz fix. Dementsprechend brauchten Vadlau/Mähr nicht das letzte Risiko einzugehen. Das Medal Race nahm jedoch einen schwierigen Anfang für das rot-weiß-rote Duo. Denn der für seine kompromisslosen Aktionen bekannte spanische Steuermann Jordi Xammar versuchte beim Start, Vadlau/Mähr zu blockieren. Dadurch lagen die beiden Österreicher zunächst an letzter Stelle. Immerhin: Die Aktion ­kostete auch den Spaniern einen guten Start, die als Vorletzte keinen Nutzen aus ihrer Taktik ziehen konnten.

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Das rot-weiß-rote Segelduo muss beim Medal Race eine Aufholjagd starten. Reuters

Gelassenheit. An die Spitze setzte sich Frankreich, die Gesamtdritten Okada/Yoshioka zeigten von Start weg ein starkes Rennen und waren in der Frühphase als Zweite virtuell sogar Olympia­sieger. Vadlau/Mähr ließen sich vom Rennverlauf nicht beunruhigen. Die Kärntnerin sagte nach der ersten Wende wortwörtlich zu Mähr: „Lass sie fahren!“ Diese Gelassenheit war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Die beiden wurden nie hektisch, selbst, als man einige Bootslängen hinter den Spaniern deutliches Schlusslicht war.
Vadlau/Mähr blieben stattdessen ihrer Linie treu – und setzten, wie so einige Male in den vergangenen Tagen, zu einer Aufholjagd an. Das rot-weiß-rote 470er-Duo überholte nach der zweiten Zwischenzeit Boot um Boot, fuhr bis auf Platz sechs vor. Damit waren Vadlau/Mähr wieder auf Goldkurs; wobei die beiden das noch nicht mal ansatzweise erahnen konnten. Schon klarer war, dass sie auf Medaillenkurs waren. Denn die Spanier, und manchmal ist das Leben eben doch fair, blieben am vorletzten Platz stecken, nahmen nie wirklich Tempo auf und rutschten durch ihre Aktion aus den Medaillenrängen.

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Emotionen pur beim Olympiasiegerduo, nachdem Gold um ihren Hals hängt. AFP

Gänsehaut. Vadlau/Mähr büßten vor der letzten Zwischenzeit im Zweikampf mit Australien noch einen Platz ein. Weil an der Spitze jedoch die in der Gesamtwertung aussichtslosen Franzosen Lecointre/Mion einen Start-Ziel-Sieg feierten, reichte Platz sieben zum Olympiasieg.
Bis Vadlau/Mähr das nach ihrer Zieleinfahrt um 12.05 Uhr klar war, vergingen drei lange Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Dann aber kannte der Jubel der beiden keine Grenzen mehr. Lukas Mähr konnte seinen Sieg im Hafen mit seiner Frau Christine, ihren beiden Söhnen und seinen Eltern feiern. Was für ein Tag. Was für ein Triumph. Einfach Gänsehaut pur.