Sport

Der Mensch hinter der Olympiasiegerin Rädler

10.02.2026 • 22:46 Uhr
SKI ALPINE-OLY-2026-MILANO CORTINA-PODIUM
Ariane Rädler und Katharina Huber werden vom ÖSV-Team gefeiert. AFP

Ariane Rädler ist Olympiasiegerin! Wie es die Leiblachtalerin schaffte, die vielen Rückschläge zu meistern, die sie überwinden musste.

So viele Athleten hätten an der Stelle von Ariane Rädler irgendwann aufgegeben. Vier Mal hat sich die Head-Läuferin aus Möggers in ihrer Karriere das Kreuzband gerissen. Allein zwischen Februar 2015 und März 2016 erlitt sie mit Anfang 20 gleich zwei dieser so schweren Knieverletzungen.
Es wäre nur allzu verständlich gewesen, wenn Rädler zum Schluss gekommen wäre, dass ihr Körper nicht für die so hohen Belastungen des Skisports gemacht ist, wenn sie den Punkt erreicht hätte, an dem sie es leid gewesen wäre, wieder kämpfen zu müssen, wenn sie müde geworden wäre, immer wieder Stärke beweisen zu müssen. Doch Rädler hat ihren Glauben an sich nie verloren – oder zumindest nie ganz, denn als sie sich im Dezember 2019 zum vierten Mal einen Kreuzbandriss zuzog, fehlte ihr kurzzeitig die Hoffnung, dass ihre Karriere noch eine positive Wendung nimmt. Doch selbst in dieser dumpfen Stunde hat sie ihren Weg mutig fortgesetzt, im Vertrauen, dass alles seinen Sinn hat und die Hoffnung zurückkehrt. Gestern um 14.48 Uhr hat sich Rädler für ihr großes Kämpferherz belohnt. Als Slalom-Queen Mikaela Shiffrin mit Rückstand die Ziellinie querte, war die Leiblachtalerin Olympiasiegerin. Es ist wie ein Märchen, oder besser gesagt der Beweis dafür, dass Märchen wahr werden können, wenn der Glaube daran unerschütterlich stark bleibt. Die NEUE hat Rädler schon vor fünf Wochen für ihre sportlichen Erfolge sowie ihre Leistungsentwicklung im Jahr 2025, für ihren Sportsgeist und ihren Vorbildcharakter zur NEUE-Sportsfrau des Jahres 2025 gewählt. Die Begründung für die Auszeichnung war: „Rädler hat 2025 mit Herz, Mut und Ausdauer den Sprung zur konstanten Top-Ten-Läuferin im Skiweltcup geschafft.“

Der Mensch hinter der Olympiasiegerin Rädler
So feierten Rädler und Huber gestern im Austria-Haus ihren Olypmiasieg. APA

Wendepunkt
Schon bei der Olympia-Spezialabfahrt am Sonntag hat Rädler angedeutet, dass sie in Form ist und die nötige Lockerheit mitbringt, ihren Schwung durchzuziehen. Der achte Platz mit einer halben Sekunde Rückstand auf Rang drei war viel besser und wertvoller, als er sich von der Ergebnisliste her las. Die 31-Jährige erwischte zwar nicht alle Passagen perfekt, aber sie hatte den Mut zu riskieren und legte damit so ein bisschen den Fluch der Großereignisse ab, den sie mit sich schleppte: Bei den Winterspielen in Peking 2022 fuhr sie im Super-G nur auf Rang 20, bei ihren WM-Teilnahmen 2021 und 2025 war ein 16. Platz das Höchste der Gefühle.
Und das, obwohl sie im Weltcup den Schritt zur Top-Ten-Läuferin gemacht hatte, zwei Mal aufs Podium fuhr und als Sechste, Siebte, Achte oft nur ganz wenig für einen Platz auf dem Podest fehlte. Im NEUE-Interview vom 25. Jänner dieses Jahres betonte Rädler: „Wenn ich in Cortina am Start stehe, möchte ich eine gewisse Lockerheit spüren.“ Und genau darum war der achte Platz in der Spezialabfahrt ein Durchbruch. Rädler zeigte eine starke Leistung, auch wenn sie noch nicht ihr Limit erreicht hatte. Bei der gestrigen Kombinationsfahrt fuhr sie am Limit und kam auf Rang zwei, nur sechs Hundertstel hinter der Abfahrtsolympiasiegerin Breezy Johnson. Damit nahm ihre Kombipartnerin Huber, die beiden nannten sich ob ihres gemeinsamen Jahrgangs Team 95, ein Polster auf die Läuferinnen auf den Plätzen mit: Auf Paula Moltzan waren es knapp vier Zehntel, auf Katharina Truppe über eine halbe Sekunde, auf Emma Aicher genau 68 Hundertstel und auf Katharina Gallhuber – Kombipartnerin der Lecherin Nina Ortlieb – fast eine ganze Sekunde. Ortlieb/Gallhuber fehlten in der Endabrechnung 0,7 Sekunden auf Edelmetall.

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Rädler zeigte eine ganz starke Abfahrt. GEPA

Lange Sekunden
Huber geht als Vorletzte ins Rennen – und zeigt auf dem von ÖSV-Trainer Robert Berger tückisch gesetzten Lauf einen ganz starken Slalom, die Niederösterreicherin kann vor allem im unteren Teil noch zulegen und trifft die Spur im Zielhang perfekt. Als Huber im Ziel ist, liegen Rädler/Huber in der Gesamtaddition ihrer Zeiten fünf Hundertstel vor dem deutschen Duo Kira Weidle-Winkelmann und Emma Aicher. Damit haben die beiden Freundinnen Silber sicher – die zwei kennen sich seit Schülerzeiten. Unfassbar.
Rädler, die eine Österreich-Flagge um den Hals trägt, nimmt erst Freudensprünge und läuft dann in den Zielraum zu Huber, die beiden fallen sich in die Arme und strahlen eine Freude aus, die nur einem Stein nicht ans Herz gehen kann. Jetzt liegen die wohl längsten Sekunden ihres Lebens vor den beiden. Denn jetzt entscheidet der Lauf von Mikaela Shiffrin darüber, welche Farbe ihre Medaille hat: Silber oder gar Gold. Der US-Star nimmt sechs Hundertstel Vorsprung mit in den Lauf: Mehr als eine Pflichtaufgabe, hätte man meinen können, würde das für die Slalomgroßmeisterin nicht sein, die Goldmedaille abzuholen. Doch Shiffrin fährt verhalten, zeigt Respekt vor dem schwierigen Lauf und der Verantwortung, auch für die Teamkollegin zu fahren. Shiffrin liegt bei allen Zwischenzeiten zurück und fährt schlussendlich nur die 15.-beste-Slalomzeit, womit die US-Girls nicht nur Gold verpassen, sondern gar nur Vierte werden.
Das bedeutet: Rädler und Huber sind Olympiasieger! Die zwei umarmen sich, die Vorarlbergerin streckt die geballte Faust in die Luft, beide haben sichtlich Tränen in den Augen, nehmen erste Glückwünsche an.

Der Mensch hinter der Olympiasiegerin Rädler
Rädler stürmt zu Huber – die beiden haben eine Medaille sicher. APA

Hymne. Um 15.09 Uhr steht der größte Augenblick in der Karriere von Ariane Rädler an: Die Leiblachtalerin und Huber besteigen Hand in Hand das oberste Podest des Siegerpodiums, hüpfen dort siegestrunken auf und ab, strecken ihre Hände in die Höhe, umarmen sich, strahlen Glückseligkeit aus, bis der Dornbirner Karl Stoss als ehemaliger ÖOC-Präsident erst Rädler und dann Huber die Goldmedaille umhängt. Um 15.10 Uhr spielt die österreichische Bundeshymne für die beiden. Jetzt ist es feierlich besiegelt: Rädler und Huber sind als Olympiasieger für alle Zeit im Olymp des Sports angekommen. Was für ein Tag!