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Gewissheit in der drittletzten Kurve

14.02.2026 • 18:59 Uhr
Gewissheit in der drittletzten Kurve
APA

INTERVIEW. Rennrodler Jonas Müller hat seine erste Olympia-medaille gewonnen. Bei den Spielen in Mailand/Cortina eroberte er Silber im Einsitzer. Zudem fuhr er mit der Teamstaffel ebenfalls auf Platz zwei, was nochmals Silber bedeutete. Wie es ist, als Sportler am wichtigsten Sportbewerb der Welt teilzunehmen und was es ihm bedeutet, erzählt er im folgenden Interview.

Jonas Müller, erst einmal herzliche Gratulation zu den erfolgreichen Olympischen Winterspielen. Wie geht es Ihnen?
Jonas Müller:
Vielen Dank, es geht mir sehr gut.

Sie sind, aufgrund Ihrer bisherigen Saisonleistungen, als Medaillenkandidat nach Italien gefahren. Das Thema haben wir schon in unserem letzten Gespräch erläutert. Haben Sie also, wenn man so will, mit einer Olympiamedaille gerechnet?
Müller:
Nein, ich habe nicht mit einer Medaille gerechnet. Ich bin natürlich mit dem Ziel hierhergefahren, um eine Medaille zu holen. Ich glaube, selbst nach so einer guten Saison kann man nicht mit einer Medaille rechnen. Das Training war eigentlich nicht so gut.

Wann, oder in welchem Moment, war für Sie klar, dass es für eine Medaille reichen wird?
Müller:
Nach dem ersten Tag, als ich zwei Läufe, die ganz okay waren, ins Ziel gebracht habe und zwischenzeitlich auf Platz zwei gestanden bin, wusste ich, dass es funktioniert, um noch einmal zwei Läufe ins Ziel zu bringen. Ich wusste, wenn ich keine groben Fehler mache, geht sich eine Medaille aus. Dann im letzten Lauf, als ich aus der drittletzten Kurve rausgekommen bin, habe ich gewusst, das geht sich aus.

Sie haben in Ihrer Karriere schon viel gewonnen, unter anderem zwei Mal Gold bei Welt- sowie Europameisterschaften (plus einmal Gold in der U23-WM, Anm.). Nun haben Sie ihre ersten beiden Silbermedaillen bei Olympia geholt. ist das für Sie nochmals über alles andere zu stellen?
Müller:
Also Olympia ist definitiv nochmals eine ganz andere Liga. Ich glaube, für uns Rodler und auch für jede andere Sportart ist Olympia das Größte, das du erreichen kannst. Vom Stellenwert ist das, denke ich, für jeden Sportler das Highlight in seiner Karriere.

Sie sagten bereits im Interview vor den Olympischen Spielen, dass Sie eher ein ruhiger Typ sind und nicht so sehr mit Nervosität zu kämpfen haben. Wie war die Nacht vor den entscheidenden Läufen? Konnten Sie schlafen?
Müller:
Ja, wirklich sehr gut. Ich war selbst etwas überrascht, dass ich so ruhig geblieben bin. Eben auch vor dem dritten und vierten Lauf war ich überhaupt nicht nervös. Ich wusste, dass ich normal fahren muss und ja, es hat geklappt.

Gewissheit in der drittletzten Kurve
Ein emotionaler und stolzer Jonas Müller mit seiner ersten Olympia-Medaille. APA

Der deutsche Rennrodler Felix Loch war für Sie ein Favorit, Sie meinten, er wäre sehr schwer zu schlagen. Nun ist es für ihn doch nicht so gut gelaufen, aber sein Landsmann Max Langenhahn hat die Goldmedaille geholt. Und zwar mit Streckenrekord in allen seinen vier Läufen. Sie mussten sich ihm geschlagen geben. Wie ist das, wenn man selbst eine starke Leistung zeigt und einem dann die Rekorde eines anderen um die Ohren fliegen?
Müller:
Nun, wir wussten, dass es extrem schwer wird, die Deutschen zu schlagen – und auch die Italiener. Ja, ich habe Felix Loch vor den Spielen etwas stärker gesehen, aber er ist mit der Bahn nicht ganz klargekommen. Er hatte beim Start schon einen Fehler gemacht. Und Max Langenhahn war dann einfach da. Er hatte extrem saubere Läufe und ist sehr stark gerodelt. Ich hatte eben ein paar Fehler, die er nicht hatte. Darum ist er der verdiente Olympiasieger. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Er hat sich das verdient. Man muss erst einmal auf dieser Bahn vier Mal hintereinander den Bahnrekord fahren. Das ist eine Leistung, ja, Hut ab. Bei Langenhahn hat an diesem Tag einfach alles perfekt gepasst.

Die Medaillenfeier im Austria House war am Donnerstag, also Sie konnten dann auch die zweite Silbermedaille mit dem Team feiern. Wie wars?
Müller:
Ich hatte ja schon am Sonntag eine Feier im Österreich-Haus nach meiner Medaille im Einsitzer. Das war extrem geil. Am Donnerstag war es etwas sehr Spezielles, weil man nicht alleine auf der Bühne steht, sondern mit dem ganzen Team gemeinsam. Wenn man die Freude mit den Teamkolleginnen und Teamkollegen teilen kann, ist das doch nochmal etwas anderes.

Man hat in der Öffentlichkeit mitbekommen, dass sich die Feierlichkeiten nach Ihrer Medaille im Einzelbewerb noch etwas länger hingezogen haben. Sie sind in diversen Schlagzeilen als „Partygott“ bezeichnet worden. Zu Recht?
Müller:
Ich würde mich nicht als „Partygott“ bezeichnen (lacht). Ich glaube, wir Rodler können es schon ganz gut, ich habe lange durchgehalten. Auch am Donnerstag haben wir uns alle, glaube ich, sehr gut geschlagen (lacht).

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Das Team beim Empfang im Austria House nach dem Gewinn der Silbermedaille im Staffelbewerb. APA

Sie sagten, dass Ihre Familie sowie Ihre Partnerin nach Italien kommen würden. Sie alle haben also auch mitgefeiert?
Müller:
Ja das stimmt. Am Sonntag war meine ganze Familie, meine Geschwister mit Partnern, mein bester Freund mit Partnerin da. Am Donnerstag waren meine Eltern und meine Freundin dabei im Österreich-Haus. Dort drinnen ist es wunderschön, eine super Location zum Party machen.

Gab es sonst noch Reaktionen aus der Heimat?
Müller:
Natürlich. Mein Handy vibriert die ganze Zeit. Ich freue mich über jede Nachricht. Es ist schön, zu sehen, wie viele Leute das Ganze verfolgt und mitgefiebert haben. Ich bin stolz darauf, auch der Bludenzer Bürgermeister Simon Tschann hat gleich angerufen. Und jetzt freue ich mich auf ein großes Fest in Bludenz.

Vor zwei Wochen sagten Sie, es sei geplant, mit Thomas Steu beim Curling zuzusehen sowie beim Teambewerb der Damen – in dem Ariane Rädler und Katharina Huber ja die Goldmedaille geholt haben. Waren Sie dort?
Müller:
Nein, eben nicht, wir wollten gerade in den Bus einsteigen und dann hatten wir Materialbau. Genau bei Ariane wollten wir zuschauen – da haben wir wirklich etwas verpasst. Ich habe leider gar nichts anschauen können.

Wie lange bleiben Sie denn noch in Italien?
Müller:
Wenn wir einen Bus zusammenbringen, noch heute Nacht (Freitag, Anm.) oder sonst morgen (Gestern, Samstag, Anm.).

Was steht denn auf dem Programm, wenn Sie wieder zu Hause sind?
Müller:
Ich werde für ein paar Tage nach London fliegen, nächstes Wochenende komme ich zurück. Am Montag ist dann der Empfang beim Olympischen Komitee in Innsbruck und danach geht es für uns ganz normal zum nächsten Weltcup in St. Moritz weiter.

Zum Abschluss: Die österreichischen Rodler waren laut Statistik seit 1992 bei den Spielen in Albertville nicht mehr so erfolgreich wie bei den Olympischen Winterspielen in diesem Jahr. Sie sind Teil des Erfolges, wie ordnen Sie das ein?
Müller:
Ich mache mir nichts aus Rekorden oder Statistiken. Ich bin einfach froh, dass es in dieser Saison so gut läuft. Und es ist nicht nur mein Erfolg, das ganze Team ist daran beteiligt. Die ganzen Trainer, die Leute in der Entwicklung, Schlittenbau und viele mehr. Wie gehabt, es ist nicht nur mein Erfolg. Ich bin einfach nur stolz, dass ich in diesem Team sein darf.