Top fünf bei der EM? „Das Niveau habe ich“

Hanna Devigili weiß, dass eine Medaille in der allgemeinen Klasse nur eine Frage der Zeit ist. Die Ex-Kadetten-Europameisterin aus Fraxern startet heute top vorbereitet bei der EM in Frankfurt. Die 22-Jährige konnte heuer schon einige Spitzenathletinnen schlagen und scheint in Europa an 13. Stelle auf.
Heute um 15 Uhr startet Hanna Devigili in ihr nächstes Großereignis: die 61. Karate-Europameisterschaften, die bis 24. Mai in der Frankfurter Eissporthalle stattfinden, schüren vor allem im Nachbarland große Hoffnungen auf weitere große Erfolge, was allein die Teilnehmerzahl von 24 verdeutlicht. Karate Austria reist mit sechs Kampfsportlern nach Hessen, vier – inklusive der 22-jährigen Fraxnerin – bereichern die Kumitebewerbe. Nach einem siebentägigen Trainingslager auf Gran Canaria fühlt sich Devigili bereit für die EM mit rund 600 Athleten aus über 50 Nationen, „ich bin fit – und schnell“, ergänzt die ehemalige Kadetten-Europameisterin, die in der zweitschwersten Gewichtsklasse (bis 68 Kilogramm) startet.
Klare Ziele
Hanna Devigili hofft, dass sie nicht „nur“ mit dem Team an den beiden Finaltagen (Samstag und Sonntag), an denen mit der vollen Auslastung der Heimstätte des Eishockey-Bundesligisten Löwen Frankfurt von 4900 geliebäugelt wird, noch im Einsatz sein wird. „Wir haben auf Gran Canaria an Situationen gearbeitet, mit denen wir uns schwertun, haben versucht, Lösungen zu finden und Fehler zu minimieren“, erzählt die Tochter des ehemaligen Karate-Weltmeisters Daniel Devigili, der, wie schon bei der WM in Kairo, freilich auch im sehr viel näheren Frankfurt am Main wie weitere Familienmitglieder und Freunde auf der Tribüne sitzen wird. Die Trainingseinheiten auf der Urlaubsinsel hätten der 22-Jährigen sehr wohl etwas gebracht, mit dem von Verletzungen gebeutelten rot-weiß-roten Team, das etwa auch auf Ex-U21-Europameisterin Lora Ziller aufgrund eines Kreuzbandrisses verzichten muss, wird eine erneute Teilnahme an den Medaillenkämpfen ob der fehlenden Erfahrung ein schweres Unterfangen. Auch weil die Plätze eins bis drei gleichbedeutend mit der Qualifikation zur Team-WM in China sind.
Hanna Devigili hat sich nach den letzten Erfolgen in der Premier League, wo sie heuer schon drei Mal auf sich aufmerksam machen konnte, auf Weltranglistenplatz 20 vorgearbeitet. Beim Premier-League-Auftakt in Istanbul, danach in Rom und auch in Leshan/China schrammte die Ex-U16-Europameisterin an einem Viertelfinaleinzug in der Königsklasse vorbei und wurde jeweils Neunte. Die Triumphe in ihren Gruppenduellen sind allerdings noch höher zu bewerten als die nackten Zahlen: So gab es Siege über die WM-Dritte Anastasia Velozo aus Chile, über die Olympiasiegerin Feryal Abdelaziz (EGY) sowie über die sechsfache Premier-League-Siegerin Silvia Semeraro (ITA).
47 Nationen am Start
„Viel einfacher als eine WM ist eine EM nicht, in Frankfurt sind 47 Nationen am Start. In meiner Klasse sind es 31 Nennungen aus 31 Nationen. Natürlich fehlen etwa Asiaten oder Südamerikaner, sie sind aber eher in den leichteren Gewichtsklassen stark. Bis und über 68 Kilo geben Athletinnen aus Spanien, Italien, Türkei, Ukraine oder Aserbaidschan den Ton an“, weiß die Kampfsportlerin des KC Götzis, die des Öfteren mit der Ravensburgerin Johanna Kneer, ihres Zeichens Weltmeisterin, mehrfache Europameisterin und World-Games-Siegerin in der Gewichtsklasse über 68 Kilogramm, in Kontakt ist.
So etwa beim Trainingslager über Ostern in Ludwigsburg, als mit der deutschen Mannschaft trainiert wurde. Fehler ausmerzen stand auch hier ganz oben auf der Prioritätenliste, „in den Trainings sind Fehler erlaubt, wo, wenn nicht hier“, sagt die Bronzemedaillengewinnerin der U18-Europameisterschaften. Unter anderem Johanna Kneer wurde heuer vom deutschen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. Die Ravensburgerin sagte in einer bemerkenswerten Rede, „dass wir alle es zu schätzen wissen, mit der höchsten sportlichen Auszeichnung in Deutschland ausgezeichnet zu werden – weil einige unserer Sportarten abseits der großen medialen Aufmerksamkeit stattfinden und unsere Leistungen nicht immer die Sichtbarkeit erhalten, die sie verdienen“.

Kein Konkurrenzgedanke
In den Trainingslagern, etwa mit den Deutschen, würde kein Konkurrenzgedanke herrschen, „wenn du etwas gut oder eben besser als andere beherrscht, wendest du diese Spezialität eigentlich trotzdem an. Es kennt sie ja eh jeder“, sagt Devigili und lacht. Nur unterbewusst würde man vielleicht nicht so oft auf diese eine Stärke zurückgreifen, eine Spezialität wie den Yoko Geri, den Fersenschlag zur Rippe. Gegen die dreifache Weltmeisterin Iryna Zaretska konnte die 22-Jährige drei Mal damit scoren, es gab in China zwar ein 6:9, doch „es ist auch wichtig zu sehen, dass ich gegen die 13-fache Premier-League-Siegerin, gegen die ich noch im Vorjahr bei der WM mit 0:8 verloren hatte, mithalten konnte“. Auch weiterhin ein Verdienst des belgischen Trainers Luca Costa, der ein Mal im Monat in Vorarlberg im Olympiazentrum weilt, oder auch von Sportpsychologin Andrea Keplinger aus Imst, der Devigili vertraut. Dazu gehören auch Monate, in denen nicht wie im Jänner, März oder April Vollgas gegeben wird. „Das war schon tough“, gibt die Zweite des Bratislava-Grand-Prix zu, die EM in Frankfurt ist gleichzeitig auch die erste Qualifikation für die European Games in Istanbul in genau einem Jahr. „Es ist schon immer eine lange, harte Saison, mit regelmäßigen Großereignissen. Aber es ist mein Job, und solange der Spaß und Erfolg da ist, mache ich es gerne.“ Hanna Devigili ergänzt: „Und das Bundesheer, ohne das dieser Aufwand nicht betrieben werden könnte.“
Offensive gefragt
Ex-Welt- und Vizeweltmeister Daniel Devigili („Offensiver Stil ist die Grundvoraussetzung, um gewinnen zu können.“) leitet als Vizeleutnant das Dornbirner Heeresleistungssportzentrum und weiß, dass die Erfolgsbilanzen der österreichischen Sportler ohne derartige Einrichtungen bei Weitem nicht so aussehen würden, wie sie es tun. „Unser Nationaltrainer Juan Luis Benítez Cárdenes sagt, dass ich nahe an einer Medaille bin. Es sei nur eine Frage der Zeit“, sagt die 22-Jährige, die in einem Europaranking an 13. Stelle aufscheint (13 Europäerinnen sind in den Top 20 der Welt gelistet). Hanna Devigili sagt selbst, „ich habe die letzten Jahre große Schritte gemacht. Natürlich bin ich noch nicht am Ende angekommen, aber das werde ich wahrscheinlich nie.“ Mit einer Top-fünf-Platzierung wäre sie zufrieden, „denn dieses Niveau habe ich. Darum ist es möglich.“
Von Jochen Dedeleit