Müller: „Diese Erinnerungen bleiben für immer“

Interview. Welt- und Europameister Jonas Müller (28) blickt im großen Abschiedsinterview auf seine mit fünf Goldmedaillen so erfolgreiche Rennrodel-Laufbahn zurück.
Felix Gottwald, immerhin der erfolgreichste Olympionike Österreichs aller Zeiten, hat unlängst zu mir gesagt: Während der Karriere treiben einen die Ziele an, die Sehnsucht nach den Medaillen, aber was nach der Karriere vor allem bleibt, sind die vielen kleinen Erlebnisse, die Anekdoten, die Momente, in denen man gemeinsam mit den Teamkollegen lachen konnte. Das seien die Geschichten, die man immer wieder erzählen würde. Welche Geschichten fallen Ihnen spontan ein?
Jonas Müller: Da gibt es viele. Grundsätzlich sind die zwei Olympiamedaillen schon etwas sehr Spezielles für mich, und ich glaube auch, dass mir diese beiden Silbermedaillen von Cortina immer sehr viel bedeuten werden. Aber ich kann mir schon vorstellen, was Felix Gottwald meint – und es war mir Zeit meiner Karriere auch immer extrem wichtig, dass wir im Team ein gutes Miteinander hatten. Und das hatten wir. Wir hatten über all die Jahre hinweg ein super Team, ich habe vor allem mit Thomas Steu und meinem Bruder Yannick wirklich viel erlebt. Wir drei sind auf und neben den Rodelbahnen dieser Welt gemeinsam aufgewachsen.

Sowas verbindet natürlich.
Müller: Wir haben alle zur selben Zeit angefangen, Thomas vielleicht sogar noch ein bisschen früher, aber im Grunde genommen haben wir als Trio unsere gesamte Karriere miteinander verbracht. 21 Jahre lang waren wir über viele Monate hinweg ständig Seite an Seite, das ist der größte Teil meines Lebens – und ich habe es immer genossen, mit den beiden, aber auch all den anderen, den Rennrodelsport auszuüben. Da sind Freundschaften entstanden, die bleiben für immer. Und natürlich hatten wir es sehr oft sehr lustig, wie letztes Jahr, als wir ein Trainingslager in der Türkei hatten. Damals sind wir gemeinsam golfen gegangen, inzwischen haben wir eine kleine Golf-Gruppe. Das ist natürlich extrem cool. Wir haben auch viel bei den Übersee-Rennen erlebt. Es gibt da diese eine Geschichte, als wir in Amerika waren, es war das letzte Rennen von Weihnachten, damals sind wir an einem Abend gemeinsam ausgegangen und hatten echt eine schöne Zeit. Ja, Felix Gottwald hat wirklich recht, es sind die kleinen Erlebnisse, die einem in Erinnerung bleiben und von denen ich sicher noch in vielen Jahren erzählen werde, obwohl sie gar nicht so viel mit dem Sport zu tun haben. Der Rennrodelsport war harte Arbeit, es war eine riesige Herausforderung, im Vergleich mit all den herausragenden Rodlern die entscheidenden Tausendstel auf der Bahn und beim Material zu finden. Diese Tüftelei muss einem Spaß machen, sonst ziehst du das nicht über so einen langen Zeitraum durch, gleichzeitig musst du dich auch im Team wohlfühlen, sonst bist du nicht gut aufgehoben. Selbst, wenn ich an meine Olympiamedaillen denke, die mich als Ziel fast von klein auf angetrieben haben, ist eine der eindrücklichsten Erinnerungen, wie wir im Österreich-Haus gefeiert haben, diese Stimmung von damals werde ich nie vergessen, das war magisch.

Das ist genau meine nächste Frage: Wie legendär waren denn Ihre Medaillenfeiern in Cortina?
Müller: Die beiden Abende gehören zu den schönsten Momenten meines Lebens. Ich hatte bei meiner Einsitzer-Medaille auch ein bisschen Glück, weil das bei diesen Spielen die erste Medaillenfeier im Österreich-Haus war. Der Bundeskanzler war da, das Haus war voll. Ich hatte zuerst noch die Pressekonferenz, danach hat sich die Dopingkontrolle ewig hingezogen – eigentlich wollte ich nur noch kurz im Österreich-Haus vorbeischauen und mich dann relativ schnell zurückziehen. Als ich dann im Österreich-Haus angekommen bin, kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Die Leute sind Spalier gestanden für mich, ich bin durch diesen Tunnel durchgelaufen und überall waren Österreichfahnen. Der Abend ist dann deutlich länger geworden, als ich das ursprünglich geplant hatte, muss ich sagen. (lacht) Aber gut: Wann, wenn nicht nach einer Olympiamedaille feiern. Diese Erinnerungen bleiben für immer.
Erlebt man Erfolge im Team intensiver, weil andere eben mitjubeln können – ihre zweite Silbermedaille gewannen Sie ja im Team mit zum Beispiel Thomas Steu?
Müller: Ich für mich bin immer extrem gerne Teamrennen gefahren. Rodeln ist bei Einsitzern wie ich eigentlich ein Einzelsport, das bedeutet, du bist bei vielem auf dich alleingestellt. Auf der Bahn sowieso, aber auch bei vielen anderen Entscheidungen. Natürlich hast du ein Trainerteam, man darf sich das jedoch nicht wie bei den Skifahrern beim ÖSV vorstellen, dass ein Betreuerteam um dich herum für das Material zuständig ist und du fast nur Rückmeldungen zum Material geben brauchst. Sehr vieles machen wir Rodler mit uns selbst aus, vor allem eben die Einsitzer. Der Teambewerb war immer eine willkommene Abwechslung, weil da wirklich das Wir gewinnt. Es war für mich immer ein Riesen-Highlight, mit Thomas Steu oder meinem Bruder gemeinsam den Teambewerb zu bestreiten. Mir hat bei der Staffel auch immer die Stimmung im Team sehr gefallen, bei aller Anspannung herrschte auch eine gewisse Lockerheit. Dieser Mix war immer sehr leistungsfördernd.

Im Team kann man sich auch mal gegenseitig beruhigen?
Müller: Ganz genau. Unser großer Vorteil war, dass wir uns alle so gut verstanden haben. Daher mussten wir nie drumherum reden, sondern konnten immer alles direkt ansprechen. Wie Sie es richtig sagen: Mal lässt der eine den Druck etwas zu nahe an sich heran, mal muss man zum richtigen Zeitpunkt mehr Anspannung aufbauen. In solchen Situationen reichte oft ein Blick oder eine Geste, so gut kannten und verstanden wir uns. Wobei uns auch vereint hat, dass jeder immer gewusst hat, wie er in den Rennmodus kommt. Mit dem Team auf dem Podest zu stehen bedeutete, mit Freunden da oben zu stehen. Das war immer schön und besonders.
Die Konstellation war natürlich schon sehr speziell, dass Sie mit Ihrem Bruder Yannick und mit Thomas Steu, einem Ihrer besten Freunde, im Team waren.
Müller: Das wird mir ganz sicher sehr fehlen, denn besser kannst du es dir als Athlet nicht wünschen. Aber gut, wir sehen uns auch weiterhin sehr oft, wir waren jetzt in Graz zum Golfen und sind danach weiter nach Wien.
Entwickelt sich aber nicht gerade auch in so einer freundschaftlichen Teamatmosphäre ein ganz spezielles Konkurrenzdenken, auf eine lustige und lockere Art, im Sinne von: Hey, ich habe jetzt eine Medaille, wenn du keine machst, dann geht der nächste Teamabend auf dich?
Müller: (lacht) Doch, eigentlich war’s genau so. Es gibt eine Geschichte, das war in Oberhof bei der WM 2023. Die Doppelsitzer-Bewerbe mit Yannick standen immer vor den Einsitzern an. Zum Auftakt hat er zusammen mit Armin Frauscher im Sprint eine Medaille geholt. Da habe ich zu mir gesagt: Jetzt ist es alternativlos, jetzt muss ich auch eine Medaille im Sprint gewinnen, was ich dann auch geschafft habe. Dann hat Yannick auch im klassischen Doppelsitzerbewerb eine Medaille geholt, daraufhin war für mich klar, dass ich wieder nachlegen muss, ich bin dann sogar Weltmeister geworden. (lächelt) Am Ende haben wir im Team auch noch gemeinsam eine Medaille gewonnen. Das sind Erinnerungen, die bleiben ein Leben lang.

Die beiden Olympiamedaillen ragen natürlich heraus, aber welche Ihrer vielen Erfolge bedeuten Ihnen denn am meisten: Sie haben zehn Medaillen bei Großereignissen gewonnen, fünf davon in Gold, die Erfolge im U23-Lager gar nicht mitgezählt. Ist der Wert einer Medaille immer nur abhängig von der Farbe?
Müller: Nein, überhaupt nicht, auch wenn das vielleicht nicht für alle nachvollziehbar ist. Vor den Olympischen Spielen in Cortina war es nach der durchwachsen Saison 2024/25 so, dass ich einfach eine Medaille gewinnen wollte. Das war mein Ziel, über die Farbe habe ich nie nachgedacht, wahrscheinlich auch, weil ich 2022 die Spiele in Peking verpasst habe. Klar, als ich in Oberhof WM-Gold gewonnen habe, war das natürlich schon extrem cool. Es waren so viele Zuschauer an der Bahn, die WM hatte Olympia-Flair. Wenn du da ins Ziel hineinfährst und vor Tausenden Zuschauern leuchtet die Eins auf und du bist Weltmeister – das berührt dich natürlich sehr, da spielt die Farbe schon eine Rolle. Dieser Moment mit der Eins auf der Anzeigetafel war vielleicht mein speziellster Moment auf dem Rennschlitten überhaupt.
Wie kann man sich das eigentlich vorstellen: In einer Rennwoche stehen viele Trainingsläufe und am Wochenende die Bewerbe an. Hat man als Weltklasserodler da noch Raum für private Momente, sitzt man mit den Teamkollegen am Abend noch an den Tisch?
Müller: Mir war das sogar immer ganz wichtig. Klar, am Abend vor einem Weltcup-, und erst recht vor einem WM-Rennen, bereitet man zuerst seinen Schlitten vor und denkt in diesem Moment nur an den nächsten Tag. Aber wenn der Schlitten fertig ist und es ist noch nicht allzu spät, dann haben wir uns oft zusammengehockt und Karten gespielt. Ich brauchte diesen mentalen Abstand zum Rennen, das war nicht bei allen so. Manche wollten 24 Stunden vor einem Stunden in einem Tunnel sein, aber abgesehen von dem Tag vor einem Rennen, saßen am Abend in der Regel eigentlich immer alle zusammen.
Nächsten Sonntag: Jonas Müller über Hoppalas, seinen Abschied und seine Zukunft.
Jonas Müller
Geboren am: 4. Oktober 1997
Disziplin: Rennrodel-Einsitzer
Verein: RC Sparkasse Bludenz
Beruf: Heeressportler
Rücktritt: 31. Mai 2026
Größte Erfolge: Olympia: zwei Mal Silber (Einsitzer, Teamstaffel 2026);
WM: zweifacher Weltmeister (Einsitzer-Sprint 2019, Einsitzer 2023), drei
Mal Silber; EM: dreifacher Europameister (2024, 2025)