Das neue Regelwerk könnte die WM mitentscheiden

Matthias Winsauer kommentiert die WM 2026. Zum Auftakt erklärt der ehemalige FIFA-Schiedsrichterassistent die neuen Regeln.
Es freut mich sehr, dass ich euch während der Weltmeisterschaft aus der Sicht des Schiedsrichters begleiten darf. Gerade bei einem Turnier dieser Größenordnung, mit fast einer Verdoppelung der Spiele, werden die Schiedsrichter automatisch öfter im Fokus stehen.
Schon der Auftakt zur WM 2026 hat gezeigt, dass diese Perspektive wichtiger denn je ist. Das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika begann regeltechnisch mit einem echten Paukenschlag: drei Rote Karten. Ich möchte aber zuallererst mit den neuen Regeln für die Weltmeisterschaft beginnen. Ein zentrales Thema der Regelhüter ist seit Jahren das Zeitspiel. Wer regelmäßig Fußball schaut, kennt die Situationen: Einwürfe werden verzögert, Abstöße dauern auffällig lange, Auswechslungen werden in Zeitlupe durchgeführt, und auch bei Standardsituationen vergeht oft mehr Zeit, als dem Spiel guttut. Die Netto-Spielzeit – also jene Minuten, in denen der Ball tatsächlich rollt – liegt im Spitzenfußball aktuell bei etwa 60 Minuten. Genau hier setzen die neuen Regeln an.
Zeitspiel
Die FIFA ist mit der 8-Sekunden-Regel, die das Zeitspiel von Torhütern unterbinden soll, sehr zufrieden. Daher wird diese Regel nun auf Einwürfe und Abstöße erweitert. Hat der Schiedsrichter den Eindruck, dass die Ausführung bewusst verzögert wird, kann er einen sichtbaren Fünf-Sekunden-Countdown starten. Wird der Ball danach nicht rechtzeitig ins Spiel gebracht, wechselt beim Einwurf der Ballbesitz. Bei einem zu lange verzögerten Abstoß erhält der Gegner einen Eckball. Für Spieler und Zuschauer ist das leicht verständlich, und ich bin überzeugt, dass diese Regeln die Nettospielzeit erhöhen werden.
Behandlungen
Neu ist auch der Umgang mit Behandlungen auf dem Spielfeld. Wer behandelt werden muss oder durch eine Verletzung eine Unterbrechung verursacht, darf nicht automatisch sofort wieder weiterspielen. Grundsätzlich muss der Spieler nach der Behandlung eine Minute außerhalb des Spielfelds bleiben. Er darf dann aber nicht sofort nach einer Spielminute wieder auf das Spielfeld, sondern muss eine Spielunterbrechung abwarten. Wird das Spiel also länger nicht unterbrochen, kann es vorkommen, dass eine Mannschaft sogar einige Minuten in Unterzahl agieren muss. Damit soll verhindert werden, dass Verletzungen nur vorgetäuscht oder übertrieben werden, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Gleichzeitig bleibt aber ein wichtiger Schutz bestehen: Wird die Verletzung durch ein verwarnungs- oder feldverweiswürdiges Foul verursacht, darf der betroffene Spieler auf dem Spielfeld behandelt werden und danach direkt weiterspielen. Dies finde ich sinnvoll, denn ein Team darf nicht auch noch dadurch benachteiligt werden, dass ein eigener Spieler nach einem klaren Foul vorübergehend vom Feld muss.

Auswechslungen
Auch bei Auswechslungen wird der Kampf gegen Spielverzögerungen fortgesetzt. Spieler sollen das Spielfeld innerhalb von zehn Sekunden verlassen. Wer sich dabei zu viel Zeit lässt, riskiert, dass seine Mannschaft in Unterzahl weiterspielen muss, da der einzuwechselnde Spieler erst bei der nächsten Spielunterbrechung wieder am Spiel teilnehmen darf. Auch hier lautet die Botschaft: Wer Zeit schinden will, soll daraus keinen Vorteil ziehen. Eine besonders wichtige Änderung betrifft den VAR. Künftig kann auch eine zweite Gelbe Karte überprüft werden, wenn sie zu einem Platzverweis führen würde. Das ist aus Schiedsrichtersicht ein bedeutender Schritt, da Gelb-Rote Karten den Spielverlauf stark beeinflussen können. Dabei ist aber zu beachten, dass immer nur die zweite Gelbe Karte überprüft wird; die erste Gelbe Karte wird in dieser Situation nicht mehr herangezogen.
Karte zurücknehmen
Nicht neu, aber erstmals beim Spiel USA gegen Paraguay vom VAR sichtbar umgesetzt, wurde die Regel, dass eine Gelbe Karte zurückgenommen werden darf, wenn sie dem falschen Spieler gezeigt wurde. Dabei leistete sich Paraguays Miguel Almirón eine oscarreife Schwalbe, die selbst Andi Möllers legendäre Schwalbe 1995 in den Schatten stellt. Leider ist der Schiedsrichter darauf reingefallen und hat den „foulenden“ Spieler verwarnt, was dann aber durch den VAR richtigerweise korrigiert wurde.
Auch bei falschen Eckstößen soll der VAR in Zukunft eingreifen, aber nur, wenn dies zügig korrigiert werden kann. Das Spiel darf dadurch nicht verzögert werden. Grundsätzlich finde ich es den richtigen Weg der FIFA, dass dem VAR mehr Kompetenzen zugesprochen werden.
Beleidigungen
Noch stärker als bisher greift das Regelwerk auch beim Verhalten der Spieler ein. Wer in einer Konfrontation den Mund abdeckt, wird mit einer Roten Karte bestraft. Der Hintergrund ist klar: Beleidigungen, Diskriminierungen oder Provokationen sollen nicht dadurch verborgen werden können, dass Spieler ihren Mund verdecken. Auch das Verlassen des Spielfeldes aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung kann künftig Rot nach sich ziehen. Dasselbe gilt für Teamoffizielle, wenn sie Spieler zu einem solchen Protest auffordern.

Eröffungsspiel
Ich möchte auch noch kurz auf das Eröffnungsspiel der WM eingehen. Eine unrühmliche Premiere war dabei, dass der brasilianische Schiedsrichter gleich drei Spieler vom Platz stellte. So viele Rote Karten hatte es in einem WM-Eröffnungsspiel noch nie gegeben. Mehr Rote Karten als Tore – das sollte nicht vorkommen. Auch wenn alle Ausschlüsse durch die Regeln gedeckt sind, wissen diejenigen Leser, die meine Beiträge regelmäßig lesen, dass die FIFA auffällige Schiedsrichterleistungen nicht sehen möchte.
War die erste Rote Karte nach einer klaren Torchancenverhinderung noch für alle in und außerhalb des Spielfelds klar, so hatte die zweite Rote Karte nach einer Tätlichkeit einen speziellen Moment. Nach einem VAR-Eingriff wurde die Entscheidung auf Feldverweis getroffen, was so weit akzeptiert werden muss. Für viel Erstaunen und auch Lacher hat allerdings die live auf den Bildschirm übertragene Begründung des Schiedsrichters gesorgt. In einem kaum verständlichen Englisch erklärte er die Entscheidung – und nicht nur der vom Feld verwiesene Spieler aus Südafrika runzelte die Stirn, was nun tatsächlich der Grund für den Feldverweis gewesen sein soll.
Auch die dritte Rote Karte, dann erstmals für einen Mexikaner, war höchst diskutabel. Aus meiner Sicht hätte hier auch die Gelbe Karte ausgereicht. Der Schiedsrichter war sich seiner Sache nicht sicher: Zuerst griff er in die Brusttasche zur Gelben Karte und wechselte erst einige Sekunden später zur Roten Karte, vermutlich nach einem verbalen Eingriff des Assistenten. Wie gesagt, eine sehr harte Entscheidung. Dieser Schiedsrichter wird nun nach diesen Aufregern bei der WM nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.
Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, ich konnte einen ersten Eindruck geben, was uns bei der WM erwartet. Ich freue mich schon auf den ersten Auftritt unserer Österreicher am Mittwoch und drücke unserer Nationalmannschaft die Daumen für einen guten Auftakt.
Von Matthias Winsauer