Sport

„Langfristiges Denken steht im Mittelpunkt“

14.06.2026 • 08:00 Uhr
„Langfristiges Denken steht im Mittelpunkt“
Sportlandesrätin Martina Rüscher läuft vor dem Olympiazentrum in Dornbirn an den Plakaten mit den Vorarlberger Olympiamedaillen-Gewinnern vorbei. Klaus Hartinger

Interview. Das Land Vorarlberg präsentierte im Frühjahr die Sportstrategie 2030. Im mehrteiligen Interview erklärt Sportlandesrätin Martina Rüscher gemeinsam mit Philipp Groborsch vom Sportreferat die Maßnahmen, Rüscher lud zum Gespräch auch Gastgeber Sebas­tian Manhard vom Olympiazentrum ein.

Wir sprechen gleich ausführlich über die neue Sportstrategie. Aber zu Beginn sollten wir auf die Winterspiele zurückblicken, die mit zwei Goldmedaillen und vier Silbermedaillen außergewöhnlich erfolgreich für die Vorarlberger Athleten und Athletinnen verliefen. Wie bewerten Sie diese Leistungen?
Martin Rüscher:
Diese herausragenden Erfolge machen mich stolz, denn sie sind wirklich keine Selbstverständlichkeit für ein so kleines Bundesland. Das zeigt auch ein Blick auf den Medaillenspiegel der österreichischen Bundesländer, bei dem wir den zweiten Platz belegen.
Sebastian Manhart: Vor vier Jahren in Peking war Vorarlberg sogar das erfolgreichste österreichische Bundesland.
Rüscher: Danke Sebastian, dass du das erwähnst. Diese Erfolge sind das Ergebnis von jahrzehntelanger Aufbauarbeit, insbesondere der zurückliegenden 10, 15 Jahre. Alle Beteiligten haben in dieser Zeitspanne sehr hart für die Weiterentwicklung des Vorarlberger Sports gearbeitet, seit einigen Jahren dürfen wir nun die Erfolge ernten. Das ist die Bestätigung dafür, dass die Sportstrategie des Landes Vorarl­berg, die wir jetzt zum dritten Mal verlängern, zielführend ist. Die Grundparameter der ersten Strategie aus dem Jahr 2009 haben wir in den wesentlichen Grundzügen beibehalten und gleichzeitig mit vielen sinnvollen Erweiterungen stetig weiterentwickelt. Die Sportstrategie zielt nicht darauf ab, kurzfristig so viele Medaillen wie möglich abzusahnen, sondern auf die perspektivische Entwicklung der Strukturen, Maßnahmen und nicht zuletzt der Athletinnen und Athleten. Kurzfristige Erfolge nehmen wir natürlich gerne mit, die sind oft eine sehr erfreuliche Begleiterscheinung von langfristig ausgerichteten Konzepten wie der Sportstrategie. Aber das langfris­tige Denken steht bei unserem Konzept klar im Mittelpunkt.
Manhart: Ich bin recht froh darüber, dass wir das Gespräch mit einem Thema aus der Praxis beginnen. Denn was die Sportstrategie an sich betrifft, sind wir vom Olympiazentrum ja nicht diejenigen, die Entscheidungen treffen, sondern gehören wie andere zu denen, die ihre Wünsche geäußert haben und nun in den kommenden Jahren die Strategie mit Leben erfüllen. Die Sportstrategie funktioniert. Wir erleben aktuell die erfolgreichste Phase in der Geschichte des Vorarlberger Sports. Bei allen großen Sportlern, die das Land Vorarlberg hervorgebracht hat wie Toni Innauer, Hubert Strolz oder Klaus Bodenmüller – aber mit den Erfolgen der aktuellen Athleten-Generationen sind wir, gerade auch was die Breite der Erfolge betrifft, in eine neue Dimension vorgestoßen. In einer kombinierten Medaillenwertung der Winterspiele von 2022 in Peking und 2026 in Mailand und Cortina führt Vorarlberg die Bundesländerwertung an. Und es wird noch besser: Ich habe vor einiger Zeit einen globalen Vergleich der Regionen zugeschickt bekommen, bei dem die Erfolge bei den Spielen 2026 in Mailand, Cortina und Livigno in Verhältnis zur Einwohnerzahl gestellt werden. Bei diesem Vergleich lag Vorarlberg noch vor Graubünden an erster Stelle. Das heißt: Vorarlberg ist in Relation zur Einwohnerzahl die erfolgreichste Region der Welt. Das muss man erst mal einen Moment sacken lassen, so beeindruckend ist dieses Ergebnis. Nun weiß ich schon, dass Statistiken oft das aussagen sollen, was der Ersteller gerne vermitteln will. Aber die Statistik macht Sinn, weil Vergleiche in absoluten Zahlen die Erfolgsquote ausblenden. Dass Regionen mit zig Millionen Einwohnern, die eher vergleichbar mit Österreich als mit Vorarlberg sind, mehr Medaillengewinner stellen als Vorarlberg, ist keine Überraschung. Aber dass Vorarlberg heruntergebrochen auf die Einwohnerzahl als doch sehr kleine Region weltweit die erfolgreichste Region ist, das ist ein Ausrufezeichen. Das zeigt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Ich sage das nicht nur als Geschäftsführer des Olympiazentrums, sondern auch stellvertretend.

Beim Vorarlberger Rodelverband wissen sie zum Beispiel sehr genau, was sie tun. Die Verantwortlichen dort wissen, wie Spitzensport funktioniert und was zu tun ist, um Erfolge zu produzieren. In diesem Zusammenhang ist es auch ganz wichtig, die Initiative „Going for Gold“ von Patrick Ortlieb und Walter Hlebayna beim Vorarlberger Skiverband zu nennen. Es ist auch unverzichtbar, den Vorarlberger Landes-Segel-Verband um Präsident Markus Sagmeister sowie den positiv verrückten Fritz Trippolt zu erwähnen. Ein Schüsselerlebnis für den Vorarlberger Sport war sicherlich die Bronzemedaille von Bettina Plank in Tokio 2021.

„Langfristiges Denken steht im Mittelpunkt“
Im Anschluss an das Interview unterschrieb Rüscher noch ein Papier für das Olympiazentrum . Klaus Hartinger

Das wollte ich gerade anmerken. Mit der Medaille von Bettina Plank kehrte der Glauben zurück, dass Olympiamedaillen für Vorarl­berger Athleten möglich sind. Davor hat Katharina Liensberger zwar schon Silber gewonnen, aber im Team. Planks Medaillengewinn war bewusstseinsverändernd.
Manhart:
So ist es. Bettis Olympiamedaille hat die Perspektive einer ganzen Athletengeneration verändert. Im Kleinen bewirkt auch unser Transparent mit den Vorarlberger Olympia­medaillengewinnern an der Hauswand beim Olympiazentrum fast schon überraschend viel, was mir so erst nach einem Erlebnis mit einer Mama bewusst geworden ist. Auf dem ersten Transparent stand unter den Fotos die Frage: Who’s next? Also: Wer ist der Nächste? Nach dem Olympiasieg von Lukas Mähr brauchte es ein zweites Transparent, nach den Spielen in Cortina mussten wir aus Platzgründen die Frage nach dem nächsten Vorarlberger Medaillengewinner bei Olympischen Spielen verdecken. Bis mir eben eine Mama erzählte, dass ihre Kinder sie gefragt hätten: Was muss ich tun, dass mein Foto an dieser Wand hängt? Und dass es darum sehr schade sei, dass die Frage nicht mehr zu lesen ist. Daraufhin haben wir eine andere Lösung gefunden, denn die Frage nach dem nächsten Vorarlberger Olympiahelden beschäftigt die jungen Athleten, die Kinder, die an dem Gebäude vorübergehen. Ich bekomme diese Gespräche regelmäßig mit, mein Büro befindet sich ja bei der Rampe vor dem Gebäude und damit unmittelbar unterhalb der Transparente – und in den Sommermonaten ist meine Türe meist geöffnet. Allerdings will ich auch keine Illusionen wecken, das aktuelle Niveau werden wir kaum halten können.

Was eine perfekte Überleitung ist: Macht die Sportstrategie 2030 solche Erfolge in Zukunft wahrscheinlicher?
Rüscher:
Wenn man davon ausgeht, dass die bisherigen Strategien – ich kann zu jenen der Jahre 2015 und 2020 Stellung nehmen, weil ich bereits zu diesen Strategien beigetragen habe – ein Baustein waren, dann gehe ich auch davon aus, dass auch die 2030er-Strategie ein Baustein sein kann. Wir versuchen von Strategie zu Strategie zu prüfen: Was sind die wertvollen Projekte, die wir unbedingt fortführen müssen, wo sind Adaptionen nötig und welche Projekte hatten vielleicht nicht den gewünschten Effekt? Eine Erkenntnis, die bei der Erstellung der 2030er-Strategie eine große Rolle spielte, war, dass wir bei der Förderung früher ansetzen müssen, um die Talente an die Spitze zu bringen. Die Athletinnen und Athleten bringen nämlich einen hohen Ballast mit, wenn sie mal so weit sind, im Olympiazentrum anzukommen. Teilweise wird in den Vereinen beim Nachwuchs nicht optimal trainiert, weil vertieftes Wissen in der Trainingslehre nicht überall in gleichem Umfang verbreitet ist. Deshalb müssen wir die Strukturen stärken und einen Wissenstransfer zum Breitensport hin schaffen. In Zeiten wie diesen müssen wir unsere Investitionen genau abwägen. Beim Sport haben wir den Vorteil, dass Investitionen nicht nur den Athletinnen und Athleten dabei unterstützen, den Weg an die Spitze in Angriff zu nehmen, sondern wir fördern damit gleichzeitig die Kinder und Jugendlichen, die einfach mal mit dem Sport beginnen, sich bewegen und damit Gutes für ihre Gesundheit tun. Sport ist mit Blick auf die Gesamtbevölkerung ein großes Gesundheitsthema, weil Bewegung ein wichtiger Baustein für ein gesünderes Leben ist. Um zurück auf die Auswirkungen der Sportstrategie auf die Erfolgschancen unserer Athletinnen und Athleten zu kommen: Ja, die Strategie soll und kann auch wieder einen wesentlichen Baustein darstellen. Wobei wir da differenzieren müssen: Die Erfolge, die wir hoffentlich in den kommenden Jahren feiern dürfen, also vor allem bei den Spielen 2028 in Los Angeles und 2030 in Frankreich, hängen nur sehr bedingt mit der neuen Sportstrategie zusammen, weil die Auswirkungen einer Strategie immer erst zeitversetzt einsetzen.

Ob wir die richtigen Maßnahmen und Akzente gesetzt haben mit der Sportstrategie 2030, werden wir wahrscheinlich erst in sechs, acht oder sogar erst zehn Jahren final wissen. Dass es, wie Sebastian offen angemerkt hat, eine Herausforderung wird, die Erfolge der aktuellen Epoche zu wiederholen ist sicher richtig, aber die Grundlage dafür ist vorhanden.

Fortsetzung nächsten Sonntag