Vielumjubelte Siege nicht in der Wertung

Österreichs Auswahl West mit sieben Boxern des BC Dornbirn begeisterte in den meisten Kämpfen die rund 350 Zuschauer in der Schorenhalle. Im Rahmen der sechsten Auflage des Bodensee Cups war das deutsche Box Team Süd aus Kaufbeuren der Kontrahent, von dem man sich 6:6 trennte. Dies hatte einen besonderen Grund.
Es ruft nur ein weiteres Kopfschütteln hervor, der Freude und der Siegesfeiern im Lager des gastgebenden BC Dornbirn tat dies aber keinen Abbruch: Mittelgewichtler Alu Abubakarow und Schwergewicht Marko Prodanovic hatten nahezu die gesamte Schorenhalle mit ihren – trotz herrlichstem Sommerwetter und Fußball-WM – 350 Boxfans hinter sich, als sie ihre Gegner Sandro Vidovic und Eldin Aletovic in die Schranken wiesen. Die vielumjubelten Siege waren jedoch nicht Teil der sechs Wertungskämpfe, die in die Wertung des Bodensee Cups gelangten.
Der Grund ist zwar simpel, doch sind hier Spekulationen wieder Tür und Tor geöffnet: Weil der Kontrahent am vergangenen Samstag, in diesem Fall das Box Team Süd aus Kaufbeuren, die beiden Aushängeschilder des Gastgebers nicht besetzen konnte und diese auf Landsleute des Leistungszentrums West (beide vom BC Steinadler Tirol) trafen, konnten beide Duelle nicht als Wertungskämpfe herangezogen werden. Bereits in den letzten Auflagen des Cups kam es zwischen den teilnehmenden Parteien immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten (die NEUE berichtete ausführlich).
Sariays riesige Freude
„Wir haben zwei super Kämpfe gesehen, was das Wichtigste ist. Wenn man nur auf den Cupsieg aus ist, muss man sagen, dass auf diese Art und Weise einfach die besten Boxer des Gegners nicht besetzt werden und diesen so aus dem Weg gegangen werden kann“, erklärte Dornbirns Sportdirektor Walter Hermann, der der Staffel aus dem bayerischen Allgäu keinen Vorwurf machen wollte, „das nächste Mal können vielleicht wir ihre Boxer oder die der Schweiz nicht bedienen, da wir mit wenigen Ausnahmen nur Aktive mit einer geringen Kampfanzahl haben“. Ebenfalls nicht in die Wertung kam die Punkteteilung des österreichischen Nachwuchsvizemeisters Dragan Mikulovic (bis 52 Kilogramm), der mit Mustafa Raie ebenfalls auf einen Steinadler-Boxer traf.
Wenigstens war der Triumph von Bedirhan Sariay (bis 80 Kilogramm) Teil des 6:6-Unentschiedens, Eduard Neustett wurde in einem hitzigen Gefecht durch RSC in Runde zwei bezwungen, was bei dem Dornbirner eine unbändige Freude auslöste (die vom Ringrichter allerdings gerügt wurde). Schwergewicht Aliev Shinasi vom BC Innsbruck, der schon in einem ÖM-Finale Michael Fares Derouiche besiegen konnte, bevor dieser ein Jahr später WM-Dritter wurde, kam zudem zu einem klaren 3:0 gegen Vladyslav Nuzhdenko. Ohne Punkte blieb Srdjan Barjamovic (bis 65 Kilogramm), der durch RSC in Runde zwei Bohdan Rastiehaiev unterlag.

Tumultartige Szenen
Dass Aushängeschilder oder auch Vizemeister außen vor blieben, führte zu dem Umstand, dass ein Trio der Hausherren in die Wertung kam, das null beziehungsweise erst einen Kampf in der Bilanz stehen hatte. Jamal Kitole (bis 70 Kilogramm) und Isa Nadaev (bis 80 Kilogramm) vom BC Dornbirn bekamen es mit Besher Alkhatab und Anthony Tchaya-Yonkwa zu tun. Kitole, der zwar äußerst aktiv agierte, jedoch seinen Punch vermissen ließ, musste sich trotz riesiger Fangemeinde 1:2 geschlagen geben, Nadaev kam nicht über die zweite Runde hinaus, da sein Kontrahent nach Treffern sofort nachsetzte und der Ringrichter alsbald abbrach.
Danach kam es – was in der Schorenhalle bei Boxveranstaltungen äußerst selten passiert – zu Tumulten auf den Rängen nahe dem Haupteingang, die jedoch recht schnell beigelegt werden konnten. Taha Ali Al-Taie (Steinadler/bis 80 Kilogramm) steuerte gegen Bogdan Tendzhov einen weiteren 2:1-Erfolg für die Gastgeber bei. In einem weiteren Kampf, der nicht in die Wertung gelangte, unterlag Sarray Dhulfigar (bis 60 Kilogramm) vom Gringo Boxstall aus Feldkirch dem Kaufbeurer Ali Ibrahim.
Boxsport fördern
Deutschland wird heuer beim Bodensee Cup also vom BC Kaufbeuren vertreten, eine Stadt im bayrischen Allgäu rund 100 Kilometer vom Bodensee entfernt, wie in einer Entfernungstabelle nachzulesen ist. „Nein, es sind 150 Kilometer“, korrigiert Roman Slobodyanikov, Vorstand der Kaufbeurer und mittlerweile auch Vizepräsident des bayerischen Verbands, und lacht. Swissboxing, die den Cup 2015 initiiert haben, um den Boxsport im Bodenseeraum zu fördern, habe ihn kontaktiert und angefragt, ob Interesse an einer Teilnahme bestünde. Das Box Team Langenargen, Sieger der ersten Auflage, wollte sich das Chaos nicht mehr antun, auch weitere Vereine auf deutscher Seite waren nicht bereit. „Wir finden das eine coole Sache, es ist ja gleich um die Ecke“, meint Slobodyanikov, dessen Team auch mit Shirts antrat, auf denen „Bodensee Cup 2026“ prangte. Mit sieben eigenen Boxern sowie zwei Kampfrichtern war Kaufbeuren nach Dornbirn gereist – und hatte somit zwei Kampfrichter mehr am Ring sitzen als die Gastgeber.

Guinnessbuch der Rekorde
„Wir müssen wieder Punkt- und Kampfrichter ausbilden, derzeit müssen wir das gesamte Kampfgericht bezahlen, was sich auch in der Vereinskasse niederschlägt“, so Walter Hermann, der sich wie Cheftrainer Toni Schrott überaus zufrieden zeigte, dass zehn eigene Akteure (drei in Sparringskämpfen) eingesetzt werden konnten, und der begonnen hat, mit seinen Boxern mehr in die Schweiz auszuweichen, wie zuletzt nach St. Gallen, Wil und Bad Ragaz, „dahin sind es nur wenige Kilometer, da ist es auch nicht so tragisch, wenn wir mit zehn anreisen und nur drei zum Einsatz kommen“. Nicht zum Einsatz gekommen gegen Kaufbeuren ist auch der Bruder des zuletzt in der Schorenhalle triumphierenden Profiboxers Edin, Esad Avdic, da sich sein Gegner tags zuvor verletzt hatte.
Suleyman Kubat, Sportdirektor des Boxclub Steinadler (vormals BC Unterberger), konnte der NEUE derweil von einem Unterfangen berichten, das wohl weltweit für Schlagzeilen sorgen dürfte – wenn es denn zustande kommt: Supermittelgewichtler Edin Avdic (29) wird am Samstag in Sarajevo gegen den Kolumbianer Juan Narvaez um die Intercontinental-Titel der WBA und WBO boxen. So weit, so normal. Doch der WBA-Titelverteidiger aus Innsbruck, in 15 Kämpfen unbesiegt (davon zwölf durch K.o.), wird gegen den in zwölf Kämpfen 21-jährigen ebenfalls unbesiegten Narvaez (alle zwölf Siege durch K.o.) auf einem Hubschrauberlandeplatz auf einem Hochhaus antreten. 200 Zuschauer sollen zugelassen sein, der Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde dürfte so gesichert sein – wenn es denn von offizieller Seite überhaupt grünes Licht für die Austragung des Duells geben wird.
Von Jochen Dedeleit