Sport

Zu Gast in Córdoba: Mehr als ein österreichisches Wunder

27.06.2026 • 22:33 Uhr
Das Wunder von Cordoba
Elisabeth Willi mit der österreichischen Flagge, die damals in Córdoba hing und ein ÖFB-Trikot von 1983. Elisabeth Willi

Das „Wunder von Córdoba“ ist nicht nur in Österreich, sondern auch in Córdoba selbst bekannt. Ein Museumsdirektor hat dem legendären Spiel in seinem Museum einen festen Platz gegeben. Von NEUE-Südamerika-Korrespondentin Elisabeth Willi.

Im Prinzip habe ich am Mittwoch, als ich das Landesmuseum für Sport im ehemaligen WM-Stadion in Córdoba in Argentinien besucht habe, einen richtigen Fußball-Zeitreise-Moment erlebt. Nicht nur wegen der Erinnerungen an das berühmte WM-Spiel Österreich – Deutschland von 1978 und nicht nur, weil während dieser Fußball-WM in Argentinien eine Militärdiktatur geherrscht hat – sondern auch: Ich wurde vom Neffen der argentinischen Fußballlegende Osvaldo Ardiles herumgeführt.
Letzteres hätte einem Fußballfreund viel Stoff für Fachsimpeleien geboten. Doch es ist so: Ich interessiere mich eigentlich nicht für Fußball – außer bei Welt- und Europameisterschaften. Spannender finde ich die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verflechtungen dieser Sportart sowie Spiele, die mehr sind als Fußball: so wie das „Wunder von Córdoba“.
Sollte es Menschen in Österreich geben, denen dieses Wunder nicht bekannt ist, kurz eine Erklärung: Es bezeichnet den 3:2-Sieg Österreichs bei der WM 1978 in Córdoba gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland, bei dem Hans Krankl das entscheidende Tor erzielte. Es war Österreichs ers­ter Triumph über Deutschland seit 47 Jahren. Der legendäre Radiomoment von Edi Finger „Tooor, Tooor, Tooor! I wer’ narrisch!“ machte das Spiel zusätzlich unsterblich.
Und nun sitze ich also im Museum in Córdoba, sehe ein Video über das Spiel und höre darin Edi Finger „Tooor, Tooor, Tooor!“ rufen. Das fühlt sich fast so an, als würde der Moment wieder lebendig werden. Das Video beginnt mit einer allgemeinen Einführung zur damaligen WM in Argentinien, in der auch der seinerzeitige Militärmachthaber Jorge Rafael Videla zu sehen ist.
Wenig später erscheint eine weitere historische Figur: Adolf Hitler. Das „Wunder von Córdoba“ wird in dem kurzen Film nämlich auch historisch eingeordnet: Im Jahr 1938 hatte Österreich eine starke Fußballmannschaft rund um Matthias Sindelar aufgestellt, die als Titelanwärter für die WM 1938 galt. Doch mit dem Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland hörte die Auswahl auf, als eigene Nationalmannschaft zu exis­tieren, und das „Wunderteam“ wurde schließlich nur noch eine Erinnerung.

Das Wunder von Cordoba
Museumsmitarbeiter Emiliano Adiles vor jenem Museumsteil, der Österreichs Sieg gegen Deutschland gewidmet ist. Auf einem Spielfoto ist der Lauteracher Bruno Pezzey abgebildet. I wer’ narrisch. Elisabeth Willi

Neffe einer Fußballlegende
Erst nach dieser Erklärung rückt der Film wieder zum Spiel selbst vor und zeigt das entscheidende dritte Tor Österreichs. Es folgen Reaktionen auf das Match in Deutschland sowie eine kurze Botschaft von Hans Krankl auf Spanisch. Später ist in dem Film noch der österreichische Geiger Julian Rachlin – ein Freund Krankls – zu sehen. Der Musiker besuchte 2019 das Stadion in Córdoba und spielte am Rasen, wo das Wunder geschah, ein Stück von Tschaikowski. Nach dem Film betrachte ich im Museum, das sich vielen weiteren argentinischen Sportereignissen widmet, die originale österreichische Flagge, die während des Spiels im Pressekonferenzraum hing.
Außerdem wird ein Trikot der österreichischen Nationalmannschaft von 1983 ausgestellt. Danach geht es in den Umkleideraum von damals und von dort ins Stadion – genau auf dem Weg, den die österreichischen Fußballspieler 1978 nahmen. Auch wenn das Stadion mittlerweile erweitert und saniert wurde, kann ich mir gut vorstellen, wie es damals ausgesehen haben muss. Welche Gedanken den Spielern wohl durch den Kopf gingen, als sie hier entlangliefen, nur wenige Augenblicke vor dem Match?
Schließlich führt mich Emiliano Ardiles – der Neffe der argentinischen Fußballlegende – zum Spielfeld und zeigt mir den Ort, an dem das entscheidende Tor gefallen ist. Zum Abschluss besuchen wir noch die Reporterkabinen. Auch wenn sich nicht mehr sagen lässt, wo genau Edi Finger damals gesessen hat, sehe ich die Szene vor meinem inneren Auge. Unweigerlich höre ich seinen Ruf: „Tooor, Tooor, Tooor, i wer’ narrisch.“ Und genau dieser Satz bringt mich zu jemandem, der zwar kein Deutsch spricht, diesen Ausruf aber perfekt nachahmen kann: Gustavo Farías. Der Journalist und Historiker leitet das Museum, hat dem „Wunder von Córdoba“ dort einen festen Platz gegeben und kennt viele Details dieses Spiels. Er hätte es 1978 sogar im Stadion verfolgen können, eine Karte hatte der damals 13-Jährige bereits. Doch weil es sich mit der Schule überschnitt, erlaubte ihm seine Mutter nicht, hinzugehen.

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Begeisterung ist ansteckend
Leider ist Farías momentan nicht in Córdoba, sondern in Kanada, wo er über die aktuelle WM berichtet. Über WhatsApp haben wir uns dennoch rege und ausführlich ausgetauscht. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Spiels im Jahr 2008 nahmen einige österreichische Journalisten Kontakt mit Farías auf, um eine Sendung zu produzieren. „Damals wurde mir die Bedeutung dieses Spiels für Österreich erst richtig bewusst. Anschließend produzierte ich den kurzen Dokumentarfilm, den wir heute im Museum zeigen. Dabei hatte ich das Privileg, ein paar Worte von Hans Krankl zu bekommen“, schrieb mir Farías.
Das 2018 eröffnete Landesmuseum für Sport im ehemaligen WM-Stadion zieht seit dem ersten Tag viele Österreicher an. Deshalb beschloss Farías, den Dokumentarfilm im Museum zu zeigen und österreichische Exponate auszustellen. „Die österreichischen Besucher stecken mich jedes Mal mit ihrer Begeisterung an“, erzählte er mir. Und was ist mit den deutschen Gästen? „Sie sind das genaue Gegenteil der Österreicher und erzählen die Geschichte mit ernsten Mienen. Sie geben aber auch zu, dass ihre Nationalmannschaft in jenem Jahr schlecht gespielt hat.“ Rund 100 Österreicher besuchen jährlich das Museum. „Sie sind für unser Museum sehr wichtig“, teilte mir Farías mit.
In Córdoba selbst kannte das österreichische Wunder lange Zeit kaum jemand. Aber: „Das jüngste Spiel Österreich gegen Argentinien bei der aktuellen Weltmeisterschaft hat dazu geführt, dass die Geschichte, von der ich seit 18 Jahren erzähle, nun einem breiteren Publikum bekannt ist“, schrieb Farías. In unserem Austausch per WhatsApp ergab sich schließlich noch eine persönliche Randnotiz, die abermals zeigt, wie sehr der freundliche Argentinier von dem Ereignis begeistert ist. Als ich ihm erzählte, dass ich zwei Tage nach diesem Spiel geboren worden bin, antwortete er: „Unglaublich! Du hast also in deinen ersten 48 Stunden schon solch eine Freude erlebt.“
Und vielleicht ist genau das das eigentliche „Wunder von Córdoba“: dass ein Spiel Jahrzehnte später noch Menschen verbindet.