Sprint von Lustenau über Rieti nach Dakar

Hürdenspezialist Zsombor Klucsik von der TS Egg macht seinem Trainer Sven Benning derzeit nur Freude. Er reist als Vierter der Europa-Rangliste nach Rieti zur EM und wird sicher auch zu den Youth Games nach Dakar fahren. Chiara-Belinda Schuler hofft auf ein Ende ihrer Verletzungsmisere.
Da kann es noch so heiß sein, es macht den Anschein, dass Zsombor Klucsik der Hitze einfach davonsprintet. Und es scheint als käme bei gefühlt jedem Rennen, bei dem der Lauteracher antritt, eine neue persönliche Bestleistung oder ein Limit für ein weiteres Großereignis heraus.
So auch bei den dreitägigen Vorarlberger Meisterschaften im Lustenauer Parkstadion, als „Zsombie“ erst über die 400 Meter Hürden in 52.48 Sekunden einen neuen Vorarlberger U18-Rekord aufstellt und dann über die 400 Meter flach auch noch das EM-Limit (49.07) für die Titelkämpfe der U18 vom 17. bis 19. Juli in Rieti erzielt. In Italien wird der 16-Jährige bei voraussichtlich nicht weniger heißen Temperaturen und Vorlauf, Halbfinale und Finale jedoch „nur“ die Hürdenstrecke in Angriff nehmen – zumal er dort als Vierter der bereinigten Europa-Rangliste nur allzu gerne wohl ein Wörtchen bei der Medaillenvergabe mitreden möchte.

Vornominierung entlastet
Offiziell nennt Zsombor Klucsik eine Platzierung besser als Platz acht als Ziel. Hintergrund ist der achte Platz beim Europäischen Olympischen Jugendfestival (Eyof) in Skopje, den der Lauteracher bei seiner Finalteilnahme erreichte und die er unter allen Umständen verbessern wolle. Der Hürdenläufer – oder besser -sprinter, auch wenn die 110 Meter nicht gemeint sind – der erfolgreichen TS Egg empfindet die EM-Teilnahme als „sehr cool“ und war froh, vom ÖLV aufgrund der starken Zeiten vornominiert gewesen zu sein – „das entlastet schon“. Aber freilich macht auch einem 16-Jährigen die schon so früh im Sommer (der ja gerade erst begonnen hat) herrschende Hitze zu schaffen, „das Aufwärmen und Dehnen fällt einem schon schwer, wenn die Luft wie hier im Stadion steht“.
Die Trainings derzeit sind freilich nicht weniger kraftraubend, da ist es hilfreich, wenn der Athlet weiß, was er kann. Unter VLV-Landestrainer Sven Benning wird „altersgemäß“ trainiert, Kraft, Schnelligkeit, Rhythmus in entsprechenden Dosierungen. Gut wäre es, „wenn das Finale nicht auf den letzten Drücker herausgepresst wird, um dort noch Luft nach oben zu haben“, wie es der Deutsche ausdrückt. Dass speziell die 400-Meter-Hürden im Gastgeberland eine ganz besondere Bedeutung zu haben scheinen, beweist die Tatsache, dass bei den italienischen U18-Meisterschaften sechs Vorläufe über diese Distanz absolviert wurden und im europäischen Ranking zwei Italiener mit vorne zu finden sind. Allerdings unterbot bei den Titelkämpfen nur ein Läufer in 51.88 die pB Klucsiks. „Es ist auf jeden Fall eine Hassliebe. Es ist meine Disziplin, ich habe Lust auf die 400-Meter-Hürden, auch wenn es einfacher wäre, bei 35 Grad 100 Meter zu laufen“, sagt der gebürtige Ungar, dessen erste „Landesrekorde“ noch keinen Eintrag in die Rekordlisten fanden, weil er zu diesem Zeitpunkt noch kein österreichischer Staatsbürger gewesen ist.

Ziel Rieti ausgegeben
Überhaupt läuft der Lauteracher („Ich starte für Egg, weil ich ohne diesen Verein nicht dort sein würde, wo ich jetzt bin.“) erst seit anderthalb Jahren auf der in der Leichtathletik wohl mörderischsten Distanz, da liegt die Frage nahe, ob es nicht auch dem Trainer zu rasant vonstatten geht? „Ich wusste, was er auf den langen Hürden zu leisten imstande ist, dass es allerdings derart abgehen würde, war nicht abzusehen“, meint Sven Benning. Und: „Es wäre arrogant gewesen, diesen Lauf so vorherzusagen.“
Dennoch hatte der langjährige VLV-Coach bereits im Herbst 2024 das Ziel Rieti ausgegeben, „allerdings die Teilnahme an der EM, nicht das Finale“. Zwei Mal Bronze bei zwei aufeinanderfolgenden rot-weiß-roten U16-Meisterschaften über 300-Meter-Hürden zeichneten den Weg „Zsombies“ ab, mittlerweile hat er den zweitbesten Österreicher um zweieinhalb Sekunden distanziert („Die Italiener treiben sich gegenseitig an, das haben wir nicht.“) und ist somit auch heißer Kandidat für den ersten Vorarlberger bei den Olympic Youth Games, die heuer im November in Dakar stattfinden. „Das sollte schon klappen“, sagt der 16-Jährige, der für Vereinskollegin Teresa Geser im Weitsprung der U20 den Coach gab (und die hier eine ihrer vier Goldenen gewann) und dessen großes Ziel einmal die Olympischen Spiele sind. Und auch wenn eine EM höher einzuschätzen ist als die Youth Games, sagt Klucsik: „Das wäre noch cooler. Ein anderer Kontinent, eine andere Welt.“
Cooler wäre es für Siebenkämpferin Chiara-Belinda Schuler, wenn es mal nicht mehr irgendwo zwicken würde. Bei den Landesmeisterschaften war es wie schon bei den nationalen Mehrkampftitelkämpfen vor wenigen Wochen der Rücken, auch wenn dieser nun keine großen Probleme mehr zu bereiten scheint. Darum ist die Hörbranzerin, die bereits fünf Mal am Hypomeeting teilgenommen hat, guter Dinge, was die Landesmeisterschaften im Mehrkampf Mitte Juli in Lustenau betreffen. „Die Staatsmeisterschaften und das Hypomeeting lagen nur zwei Wochen auseinander, das war schon etwas viel. Da musste ich erst einmal damit umgehen“, gibt die 25-Jährige mit einer pB von 5916 Punkten zu. Für die Landestitelkämpfe bekam die Zweite der nationalen Siebenkampfmeisterschaften das Okay ihres Physios. Bei vier Starts (Weit, Kugel, Speer und Hürden) sprangen vier Goldene heraus, wobei erwähnt werden darf, dass die Konkurrenz auch heuer bei vielen Disziplinen oder Alterskassen a) meist nur aus zwei, drei Athletinnen bestand und b) etwa im Hürdensprint der Abstand zur Zweitplatzierten über zwei Sekunden betrug. So ist es auch zu erklären, dass einige Teilnehmer mit fünf bis sieben Medaillen im Gepäck das Stadion verließen.
6000 Punkte
Für die Mehrkampf-LM am 11./12. Juli erwartet die ehemalige U18-EM-Dritte einen „entspannten“ Wettkampf – nicht etwa, weil auch hier die Konkurrenz wohl kaum in Scharen im Parkstadion einfallen wird, sondern „weil nicht wie sonst nach jeder Disziplin gerechnet wird“. Schuler selbst denkt, dass – wenn der Rücken hält – die langersehnte Marke von 6000 Punkten unter diesen Umständen ein Thema werden könnte. Nach den Einzel-Staatsmeisterschaften Ende Juli dürften die Highlights für 2026 zu Ende sein, „für Talence, die heuer Jubiläum feiern, werde ich keinen Startplatz im Siebenkampffeld bekommen. Und für das jetzt anstehende Meeting in Polen bekam ich zwei Wochen zuvor die Einladung“. Die gebürtige Bregenzerin hofft weiter darauf, dass ÖLV-Mehrkampftrainer Rudy Bourguignon auch einmal nach Vorarlberg durchdringt, für 2027 stehe auf jeden Fall eine Umstrukturierung des Trainings an. Ab September wird Chiara Schuler dann ihre Teilzeitstelle als Pädagogin der Spielgruppe Lochau aufnehmen.

Salzgeber nicht im Rhythmus
In einem noch größeren Loch befindet sich derzeit eines der größten Mehrkampftalente Vorarlbergs. Amy Salzgeber fand nach gesundheitlichen Problemen zum Saisonstart nicht in den Rhythmus, bei sechs Starts in der U18 in Lustenau gab es „nur“ in der Paradedisziplin, den 100-Meter-Hürden, Gold. Ob der Umfang an Starts oder Trainings reduziert werden müsse oder die Anzahl der Trainer (einschließlich Stützpunkttrainer), wisse die bald 16-jährige Dornbirnerin von der TS Jahn Lustenau auch nicht, „das ist eben die aktuelle Situation“.
Salzgeber selbst spricht davon, derzeit keine gute Disziplin zu haben, mit dem Speer funktioniere es im Training, „im Wettkampf kann ich es aber nicht umsetzen. So hat es leider mit der EM in Rieti nicht geklappt“, sagt die immer noch eifrige Medaillensammlerin. Die hofft, dass sie bei der U18-Einzel-ÖM in Rif und der Mehrkampfmeisterschaft in Lustenau wieder mehr Gold um den Hals hängen hat, ehe es wohl auch für sie 2027 ein paar Umstellungen geben könnte.

Jahresweltbestleistung
Beim Mehrkampf-Meeting in Ratingen bei Düsseldorf gewann Götzis-Siegern Annik Kälin mit neuer Jahresweltbestleistung und neuem Schweizer Rekord von 6819 Punkten. Mit ihrer neuen Bestleistung über die 100-Meter-Hürden (12.60) liegt die eigentliche Weitsprungspezialistin (diesmal 6,75 Meter) derzeit auf Platz vier in der europäischen Bestenliste. Beim 51. Hypomeeting erreichte sie schon starke 6726 Punkte.
Den Zehnkampf gewann der Götzis-Zweite und Weltmeister Leo Neugebauer (VfB Stuttgart) vor den Augen der Götzner OK-Präsidentin Alexandra Giesinger und Walter Weber, dem Sportlichen Leiter des OK-Teams, mit 8573 Punkten vor Makenson Gletty (FRA), der auf 8458 Punkte kam und unter ÖLV-Mehrkampftrainer Rudy Bourguignon in Linz trainiert. Auch das Meeting der World Athletics Combined Events Tour in Deutschland litt im Vorfeld unter einer gewaltigen Absagenflut. Zudem mündete der Auftritt der dreifachen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam aus Belgien in lediglich zwei Starts in Einzeldisziplinen des ersten Wettkampftages.
Von Jochen Dedeleit