Vorarlberg

IV-Präsident Hartmann: “Wir haben einen massiven Reformstau”

29.06.2026 • 19:00 Uhr
IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"
Elmar Hartmann (IV Vorarlberg) nimmt die Regierung in die Pflicht. Stiplovsek

Nach Ranking-Analyse der Wettbewerbsfähigkeit vom Standort: IV-Präsident Elmar Hartmann sieht Vorarlberg im Gespräch mit der NEUE unter starkem Zugzwang.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Analyse der Wettbewerbsfähigkeit Vorarlberg: Was zeigt Ihre Auswertung?

Elmar Hartmann: Wir haben alle 234 europäischen Regionen analysiert und zusätzlich ein eigenes Ranking vergleichbarer Industrieregionen erstellt. Vorarlberg ist zwar bei den absoluten Indexwerten leicht besser geworden, fällt im Ranking aber zurück. Das bedeutet, wir entwickeln uns zwar, andere Regionen entwickeln sich jedoch deutlich schneller.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Welche Regionen dienen dabei als Vorbild?

Hartmann: Besonders stark sind Regionen in Skandinavien, aber auch Bayern. Es gibt also durchaus Beispiele in unserem Umfeld, an denen wir uns orientieren können.

IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"
Simon Kampl und Elmar Hartmann beim Gespräch in der NEUE-Redaktion. Stiplovsek

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wo liegen die größten Stärken Vorarlbergs?

Hartmann: Wir verfügen über eine gute Infrastruktur, eine hohe Arbeitsproduktivität und Lebensqualität. Auch bei höheren Bildungsabschlüssen und in der Forschungslandschaft stehen wir grundsätzlich gut da.

IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wo die größten Schwächen?

Hartmann: Vor allem bei den Grundkompetenzen, den MINT-Fächern und den digitalen Kompetenzen. Außerdem gelingt es uns zu wenig, Innovation rasch in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen. Genau dort verlieren wir gegenüber anderen Regionen an Dynamik.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Sie sprechen von Reformstau. Was meinen Sie konkret?

Hartmann: Es fehlt nicht an Konzepten, sondern an Entscheidungen. Wir brauchen Leadership und den Mut, Reformen tatsächlich umzusetzen. Sonst droht Wohlstandsverlust.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Sie nennen Dänemark immer wieder als Beispiel. Warum?

Hartmann: Dänemark hat viele Strukturreformen umgesetzt. Das betrifft etwa die Gemeindestruktur, die Krankenhauslandschaft oder das tatsächliche Pensionsantrittsalter. Dadurch entstehen finanzielle Spielräume für Investitionen in die Zukunft.

IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Braucht es dafür tiefgreifende politische Reformen?

Hartmann: Demokratie steht für uns außer Frage. Aber wir brauchen Transparenz, Ehrlichkeit und einen klaren Fahrplan. Die Menschen verstehen durchaus, dass Reformen notwendig sind, wenn sie nachvollziehbar erklärt werden.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen wären jetzt besonders wichtig?

Hartmann: Eine Senkung der Lohnnebenkosten wäre ein wichtiger Schritt. Vor allem brauchen wir aber Strukturreformen und einfachere Verfahren. Bürokratie kostet Zeit und verhindert Investitionen.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Viele Industrieunternehmen setzen verstärkt auf Automatisierung und künstliche Intelligenz. Müssen Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze fürchten?

Hartmann: Technologische Umbrüche haben in der Vergangenheit meist zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Entscheidend ist aber das Ausbildungsniveau. Wenn wir bei Bildung und digitalen Kompetenzen zurückfallen, werden Arbeitsplätze verloren gehen.

IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Wie beurteilen Sie die Novelle des Naturschutzgesetzes?

Hartmann: Wir brauchen eine vernünftige Balance. Familienunternehmen haben selbst großes Interesse daran, ihre Umwelt zu erhalten. Gleichzeitig dürfen bereits getroffene Widmungen nicht ständig neu infrage gestellt werden.

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Europa verliert bei Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz an Boden. Worin liegt das Problem?

Hartmann: Europa verfügt durchaus über Innovationskraft. Das Problem ist, dass wir Innovationen zu langsam in wirtschaftlichen Erfolg umsetzen. Gleichzeitig entstehen die führenden KI-Modelle derzeit vor allem in den USA und China.

IV-Präsident Hartmann: "Wir haben einen massiven Reformstau"
Hartman sieht großes Potenzial, wenn die Reformbereitschaft wächst. Stiplovsek

NEUE Vorarlberger Tageszeitung: Was braucht Vorarlberg, um wieder in der Spitzenliga mitzuspielen?

Hartmann: Wir müssen die Herausforderungen offen ansprechen, eine klare Roadmap entwickeln und diese konsequent umsetzen. Es braucht Mut, Entscheidungen zu treffen und Reformen tatsächlich anzugehen.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)