Sport

Andere nicht abwerten: „Aber das Hypomeeting gehört aufgewertet“

12.07.2026 • 07:30 Uhr
Hypomeeting 2026 Walter Weber
Walter Weber auf der Seite des Sees, von der alljährlich Tausende Leichtathletikfans nach Götzis pilgern. Jochen Dedeleit

Walter Weber wandte sich mit einem Brief an den Weltverband. Der Sportliche Leiter des Götzner Hypomeetings hat Argumente, dass das Mehrkampfmekka nicht hinter Hallenweltmeisterschaften eingeordnet gehört. Und der Feldkircher verrät, dass die Teilnahme von Weltmeister Leo Neugebauer auf der Kippe stand.

Noch im Vorfeld des 51. Hypomeetings wurde fleißig für das Starterfeld des Mehrkampfmeetings in Ratingen, einer weiteren Station der World Athletics Combined Events-Tour, geworben, während die Weltklasse in Götzis vor allem im Zehnkampf mit einer wahren Absagenflut zu kämpfen hatte.

Walter Weber, der Sportliche Leiter und Finanzchef des Götzner Mehrkampfmeetings, schaute schon fast etwas argwöhnisch auf die veranstaltenden Kollegen in Deutschland, hatte da aber auch schon Bedenken, was das schlussendliche Feld der Starter nahe Düsseldorf angeht. Und tatsächlich: Als er mit der Götzner OK-Präsidentin Alexandra Giesinger Ende Juni in Ratingen eintraf, waren von der Olympia-Dritten Emma Oosterwegel (Niederlande), der zweimaligen Weltmeisterin Katarina Johnson-Thompson (Großbritannien) oder Europameister Johannes Erm (Estland) nichts mehr zu sehen. Auch nicht von U20-Vizeeuropameister Matthias Lasch (Zehnkampf-Union) und der Ex-WM-Dritten Verena Mayr (Union Ebensee), die einen Start geplant hatten. Hallen-Welt- und -Europameister Sander Skotheim (Norwegen) beendete seinen Wettkampf nach vier Disziplinen, die dreimalige Olympiasiegerin Nafissatou Thiam aus Belgien begnügte sich gar mit zwei Disziplinen und packte hernach schon wieder die Koffer. Ein Umstand, der Walter Weber allerdings aus einem ganz bestimmten Grund sauer aufstieß.

Internationale Bestimmungen

Erst einmal wurde jedoch ein Umstand publik, der doch überrascht: Ab 2027 scheint es für das IOC wieder in Ordnung, dass russische oder weißrussische Athleten wieder an internationalen Wettbewerben teilnehmen (unter neutraler Flagge), für den Leichtathletik-Weltverband World Athletics (WA) allerdings nicht. „2027 fällt bereits in den Qualifikationszeitraum für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, dies sollten wir also in Birmingham klären“, sagt Walter Weber, der alljährlich im September die Einladungsliste an die für das kommenden Jahr infrage kommenden Athleten verschickt und mit Alexandra Giesinger und Hypomeeting-Wettkampfleiterin Verena Wiederin in wenigen Wochen zu den Europameisterschaften nach Großbritannien (10. bis 16. August) aufbricht. „Für unser Starterfeld betrifft das allerdings nur ein, zwei Athleten, vor allem aber Maksim Andraloits wäre ein möglicher Kandidat – und wir wollen nicht gegen internationale Bestimmungen verstoßen.“

48 Starterinnen und Starter?

Die x-ten Gespräche hinsichtlich eines Team-Events führte Weber, der dies in der Vergangenheit schon des Öfteren ins Spiel brachte, daraufhin mit dem Olympia-Dritten von 2000 und jetzigem Coach Chris Huffins, dem US-Amerikaner schwebt ein Wettbewerb aus acht Teams, die aus je drei Zehnkämpfern und Siebenkämpferinnen bestehen, vor, wobei Walter Weber zu bedenken gibt, „dass dann erst einmal ein Verband gefunden werden muss, der einen Bewerb mit 48 Startern austrägt. Denn der kostet Geld. Es wäre zwar ein schöner Wettkampf für die zweite und dritte Garde einer Nation – die Topstars bekommst du hierfür sowieso nicht –, jedoch haben auch nicht gerade viele Nationen außer den USA, Deutschland oder Estland eine derart große Anzahl an Mehrkämpfern. Österreich schon mal gar nicht.“

Neben Einzelkämpfern wie Walter Weber haben vor allem die USA und Deutschland Interesse an einem derartigen Vergleich, da der Thorpe Cup (benannt nach dem Olympiasieger von 1912 Jim Thorpe gegründet 1993 durch den damaligen deutschen Bundestrainer Claus Marek und US-Cheftrainer Harry Mara) doch ein Schattendasein fristet und lediglich in diesen Ländern Interesse hervorruft. Der Feldkircher regte gegenüber der NEUE bereits grenz­überschreitende Titelkämpfe an, „Österreich, Ungarn, Tschechien, die Slowakei und die Schweiz könnten abwechselnd veranstalten, wobei die Schweiz so­eben einen Hype erfährt“.

Vielleicht wäre irgendein Bewerb etwas für Nafissatou Thiam, die Ratingen mit ihrem Kurzauftritt zwar einen Gefallen tat (das Meeting wurde vom Weltverband mit 120 Bonuspunkten aufgewertet, weil die Mehrfach-Olympiasiegerin teilnahm), jedoch ist es wohl kaum im Sinne des Erfinders, wenn eine Siebenkämpferin in einem Mehrkampfmeeting nach zwei Disziplinen wieder von dannen zieht. Das Hypomeeting in Götzis, das heuer von 14.000 Fans besucht wurde, ist vom Weltverband WA in der dritthöchsten Kategorie GL eingestuft, gleichauf mit den kontinentalen Wettbewerben wie die Europameis­terschaft und wie das Meeting Decastar Talence, das heuer Mitte September seine 50. Auflage feiert. „Für die jeweiligen Kategorien müssen bestimmte Mindesterfordernisse, etwa beim Preisgeld, der Unterkunft, den Medien, erfüllt werden, das Meeting in Arona eine Woche nach uns oder den Multistars in Brescia vier Wochen zuvor, wo nun die zweite und dritte Garde der internationalen Mehrkampfszene auftritt, standen einmal auf gleicher Stufe mit uns. Dass wir da verärgert reagiert haben, wenn Veranstalter sehr viel weniger Geld aufwenden und dennoch auf Augenhöhe eingestuft wurden, dürfte verständlich sein“, so Walter Weber, der gerne sein Beispiel mit den Utensilien der offiziellen Zeitnehmung anführt: „In Brescia tragen sie die Geräte in zwei Koffern aus dem Stadion, bei uns sind es drei Lkw-Ladungen.“

„Wollen ein Upgrade“

Die Meetings der World Athletics Combined Events-Tour in Arona und Brescia scheinen nach deren Abstufung mit Bronze- bzw. Silberstatus auf, wobei der Versicherungsspezialist klar betont: „Wir haben nicht darauf gepocht, die anderen abzuwerten, sondern wir wollen ein Upgrade.“ In der zweithöchsten Kategorie GW befinden sich einzig die Hallenweltmeisterschaften, die im Competition-Ranking in schöner Regelmäßigkeit hinter dem Hypomeeting einlaufen – nur etwa nicht heuer, als Publikumsliebling Simon Ehammer aus dem benachbarten Appenzell in Polen ein sensationeller Hallenweltrekord gelang, was den Titelkämpfen 120 Extrapunkte brachte und Götzis diesmal somit mit 10.461 Competitionscores gegenüber 10.467 (!) vor der kommenden EM auf Platz zwei verdonnerte. „Ich habe es mehrmals nachgerechnet, ob die sechs Punkte nicht irgendwo zu finden sind, aber es stimmt alles“, sagt Weber und lacht, etwas gequält.

Die höchste Kategorie OW bilden Olympische Spiele und Weltmeisterschaften. Die Rankingpunkte bei den Athleten für ein einzelnes Wettkampfresultat (Performance Score) setzen sich aus der Punktezahl für die konkrete Leistung (Result Score) und für die erreichte Platzierung (Placing Score, wo der Stellenwert des Wettkampfs berücksichtigt wird) zusammen.

Weber verfasste ein Schreiben an World Athletics, in dem er den Vorschlag machte: „Macht es so wie im Fußball, dort gibt es die Champions League, Europa League und Conference League – die Ligen sehen auch nicht jede Saison gleich aus. So wie jetzt verfahren wird, kann kein Zehnkämpfer im Gesamtranking der Leichtathleten die Nummer eins sein. Und eigentlich sind dies die Könige der Leichtathletik. Unser Upgrade käme den Athleten zugute, darum auch noch einmal: wir sind nicht darauf aus, die anderen abzuwerten.“

Klare Linie

In Ratingen (Kategorie A des Gold-Label-Status, eine Stufe unter Götzis und Talence mit der jeweiligen Veranstaltungskategorie GL) freuen sie sich nach dem Sieg von Weltmeister Leo Neugebauer (8573 Punkte) und acht weiteren Ergebnissen über 8000 Zähler sowie der Weltjahresbestleistung der Schweizer Götzis-Siegerin Annik Kälin (6819) und neun weiteren Resultaten über 6000 vor insgesamt 4500 Zuschauern über das beste Ergebnis in 28 Jahren, „das ist gut. Aber wir lagen, seit es das Rankingsystem gibt (2001), nur einmal hinter dem aktuellen Ergebnis von Ratingen“, weiß Weber, dem zu Sieger Neugebauer noch etwas einfällt – wobei der deutsche Rekordhalter direkt kaum etwas damit zu tun haben dürfte. „Aus seinem Team wollte man für ihn einen persönlichen Videografen ins Infield schicken, um die sozialen Medien bedienen zu können. Das haben wir abgelehnt mit der Begründung, wir können nicht 60 Videografen in den Innenraum lassen. Indirekt haben sie dann damit ,gedroht’, dass Leo Neugebauer nicht in Götzis starten könnte. Wir haben sie daraufhin emotionslos wissen lassen, dass wir auf die Planungen der Athleten keinen Einfluss haben“, macht Weber die klare Linie des Hypomeetings deutlich und verweist auf zwei Videografen, einen vom Weltverband, der die einzelnen Athleten schließlich mit ausreichendem Bild- und Tonmaterial für ihre jeweiligen Kanäle versorgt.

Von Jochen Dedeleit