„Das Adrenalin macht den Unterschied aus“

Interview. Johannes Strolz hat mit einem Teil des ÖSV-Technikteams im Montafoner Hof in Tschagguns ein Trainingslager absolviert. Im Gespräch offenbart der 33-jährige Warther, für wen sein Fußballherz schlägt, welche Muster er bei seinen Formverläufen erkannt hat und wie er im kommenden Winter von Beginn weg am Punkt sein will.
Wie schwierig ist es für einen Wintersportler, bei solch hohen Temperaturen zu trainieren?
Johannes Strolz: (schmunzelt) Wir haben in all den Jahren ja das ein oder andere Interview geführt – und daher wird Ihnen meine Antwort bekannt vor kommen, wenn auch in anderen Zusammenhängen: Als Sportler gewöhnt man sich daran, all jene Dinge hinzunehmen, die du nicht beeinflussen kannst. Das ist während des Rennens mit den Sichtverhältnissen so, das ist mit den Leistungen der anderen so – und das ist zum Beispiel im Sommer mit den Temperaturen so. Ich könnte mich jetzt natürlich bitterlich über die Hitze beschweren, nur: Was würde es ändern? Gar nichts. Es gibt sicherlich Angenehmeres, als bei den Temperaturen ans Limit zu gehen. Du musst definitiv auf die Warnsignale hören, denn bei den Bedingungen wäre es kontraproduktiv, Grenzen zu überschreiten. Wenn du dich aus falschem Ehrgeiz bei einer Trainingseinheit total verausgabst, hängt dir das teilweise tagelang nach. Du musst im Grenzbereich trainieren, keine Frage, die Kunst liegt jedoch darin, zu wissen, wann es genug ist. Das gilt immer, aber erst recht bei den aktuellen Temperaturen. Den größten Einfluss hat die Hitze bei der Ernährung, du musst viel trinken, gut essen und noch besser regenerieren.
Dann frage ich anders nach: Sind Sie als Skirennläufer der klassische Wintertyp, dem es fast nicht kalt genug sein kann?
Strolz: Die Kälte bekommt mir besser als die Hitze, aber nur mal so am Rande: Sie würden staunen, wie viele Wintersportler gar nicht so gut mit der Kälte klarkommen. Mein Vorteil, dass es bei mir zu Hause in Warth auf 1500 Metern auch an Hitzetagen wie jetzt noch erträgliche Temperaturen hat. Hier im Tal brennt die Sonne schon sehr.
Was die perfekte Überleitung ist: Sie haben mit einem Teil des ÖSV-Technikteams im Montafoner Hof in Tschagguns ein Trainingslager absolviert. Wie fühlte es sich denn für Sie an, wenige Kilometer von zu Hause in einem Hotel mit ihren Mannschaftskollegen zu übernachten?
Strolz: Das hat sich gut angefühlt, weil da alte Kindheitserinnerungen in mir hochgekommen sind, ich bin einen Steinwurf vom Montafoner Hof entfernt in die Skihauptschule gegangen.
Ich habe zuletzt mit Felix Gottwald und mit Jonas Müller darüber gesprochen, ob Sie lieber in einem Einzelzimmer oder in einem Doppelzimmer untergebracht waren – und habe völlig verschiedene Antworten von den beiden bekommen.
Strolz: Was sagen die beiden?
Felix Gottwald hat ein Einzelzimmer augenzwinkernd mit Einzelhaft gleichgesetzt und offenbarte, dass er sehr gerne auf einem Doppelzimmer war. Jonas Müller hat die Vorzüge herausgestrichen, sich bei einem Einzelzimmer auch mal zurückziehen zu können. Sind Sie der Einzelzimmer- oder der Doppelzimmertyp?
Strolz: Womit wir wieder bei einer typischen Hannes-Mayer-Frage angekommen wären, und Sie wissen, dass meine ich überaus positiv: Solche Fragen kommen gefühlt nur von Ihnen. (lacht) Ich bin mittlerweile der Einzelzimmertyp, und ich verrate Ihnen auch den Grund: Ich schlafe hin und wieder sehr unruhig. Wenn ich dann wach werde, brauche ich einen Augenblick, um mich zu orientieren. Solche Momente hat wahrscheinlich schon jeder erlebt, bei mir kommen sie vielleicht etwas häufiger vor als bei anderen. Deshalb bin lieber auf einem Einzelzimmer. Ich glaube nicht, dass ich das schon jemals öffentlich erzählt habe, ich mache das jetzt aber einfach mal, weil unsere Gespräche immer spannende Verläufe nehmen. Da wird man als Befragter redseliger. (lacht)

Ich würde trotzdem sagen, dass wir das jetzt so stehen lassen und auch nur veröffentlichen, wenn das für Sie so in Ordnung ist.
Strolz: Falls es sich im Nachgang des Interviews nicht mehr stimmig für mich anfühlt, melde ich mich bei Ihnen. Ich gehöre aber auch aus anderen Gründen eher zur Fraktion Einzelzimmer. Wenn nämlich mein Zimmerkollege schnarcht, mache ich kein Auge zu. Außerdem tut es mir gut, wenn ich mich abends zurückziehen kann. Bei einem Trainingslager oder an einem Rennwochenende bist du den ganzen Tag über mit so vielen Leuten zusammen, es herrscht so ein Trubel, da bist du dann schon ganz froh, wenn du mal die Türe hinter dir zumachen kannst. Ich bin nicht zu Tode betrübt, wenn ich in einem Doppelzimmer bin, aber wenn ich es mir aussuchen kann, bin ich lieber für mich alleine.
Inwieweit spielt es während der Vorbereitung eine Rolle, dass zum dritten Mal in Folge ein Großereignis ansteht – dieses Mal die WM in Crans-Montana?
Strolz: Klarerweise hat es einen Einfluss auf dich als Athlet, wenn ein WM-Winter vor dir liegt. Doch die Heimrennen üben fast noch einen größeren Reiz auf mich aus. Wenn ich mich daran erinnere, wie Manuel Feller dieses Jahr in Kitzbühel gewonnen hat, löst das bei mir eine Gänsehaut aus. Für einen Österreicher ist es mit das Größte, in Kitzbühel oder Schladming zu gewinnen oder aufs Podest zu fahren. Das möchte ich mal erleben. Natürlich hat die WM einen noch höheren Stellenwert, aber daran denke ich im Moment noch überhaupt nicht. Das Ziel, bei einem Heimrennen zu performen, ist aktuell viel präsenter in meinem Kopf.
Ich kann Ihnen nicht die Frage nach der verpassten Olympia-Qualifikation ersparen: Wie lange haben Sie als Olympiasieger von Peking 2022 gebraucht, um zu verarbeiten, dass Sie in Italien nicht dabei waren?
Strolz: Es ist mir relativ schnell und überraschend gut gelungen, die verpasste Olympia-Qualifikation abzuhaken. Weil ich mir offen und ehrlich eingestanden habe, dass schon ein Stück gefehlt hat. Natürlich bist du trotzdem enttäuscht, und das nicht nur ein oder zwei Tage lang, gerade auch, weil ich mir sehr viel für den Olympiawinter vorgenommen habe.
Da schwingt ein riesengroßes Aber mit?
Strolz: Aber die WM 2025 in Saalbach verpasst zu haben, war viel schwieriger zu verarbeiten. Bei olympischen Spielen war ich schon – und das schon sehr erfolgreich. Und wer weiß, vielleicht tut sich 2030 nochmals eine Chance auf. Aber die Chance auf eine Heim-WM kommt nie wieder. Deshalb habe im Vorjahr ich wirklich lange gebraucht, um zu verkraften, dass ich es nicht nach Saalbach geschafft habe. Weil die Sache etwas Endgültiges hatte, denn damit war klar, dass ich es in meiner Karriere nicht erleben würde, im eigenen Land um Medaillen zu kämpfen. Das hat richtig weh getan. Ich wäre sehr gerne bei der Atmosphäre über die Piste gegangen.
Wenn man wie Sie zwei Winter in Folge ein Großereignis verpasst, erst die WM, dann Olympia: Versucht man da, ein Muster zu erkennen, das sich mitunter in beiden Wintern wiederholt hat oder hatte jede gescheiterte Qualifikation ihre eigene Geschichte?
Strolz: Du analysierst natürlich schon jede Saison für sich, aber genauso wichtig ist es, einen Schritt zurückzumachen und nach allgemeinen Tendenzen zu suchen. Und da ist bei mir schon auffallend, dass ich in den vergangenen Jahren immer sehr lange gebraucht habe, um im Winter in Schwung zu kommen. Ich habe mehrfach erst gegen Ende Jänner hin zu meinem Speed gefunden. Ich spreche von Speed und nicht von Ergebnissen, weil ich teils dann schon so unter Druck stand, dass ich meine gute Form gar nicht nutzen konnte, weil ich alles auf eine Karte setzen musste. Wir haben uns also gefragt: Warum bin ich in mehreren Wintern hintereinander so lange nicht in Schwung gekommen? Denn wenn dir das mehrfach passiert, ist das kein Zufall mehr. In diesem Winter soll das anders werden.
Dieser Wunsch leuchtet mir natürlich ein, und doch erinnert er mich an die Floskeln der Fußballer, die nach einer Niederlage sagen, dass sie mehr Tore schießen müssen. Nun, dass bei einer Niederlage die eigenen Tore gefehlt haben, ist ja offensichtlich, aber mehr Tore zu erzielen ist ja nichts, was du einfach so umsetzen kannst: Du kannst dir vornehmen, mehr in die Zweikämpfe zu gehen und meinetwegen öfter zu schießen. Aber mehr Tore zu erzielen? Entweder hast du Spieler mit einer guten Schusstechnik oder du hast sie nicht. Wie also können Sie Ihren Wunsch umsetzen, früher im Winter in Schwung zu kommen, ich stelle mir das extrem schwierig vor?
Strolz: Kompliment für den Vergleich, als langjähriger Fußballfan sind das Floskeln, die auch mich stören.

Kurze Zwischenfrage: Gibt es denn einen Fußballklub, dem Sie ganz besonders die Daumen drücken?
Strolz: Ich war früher mal ein glühender Chelsea-Fan, was aber mehr an den Spielern als an dem Verein lag. Mir hat Frank Lampard immer sehr imponiert, als er und die Generation um John Terry, Didier Drogba, Petr Čech, Joe Cole aufgehört haben, ging auch etwas meine Bindung zu Chelsea verloren; nicht ganz, aber so wie früher ist es nicht mehr. Ich bin generell jemand, der ganz gerne andere Wettkämpfe ansieht, auch um zu lernen, wie Spieler und Athleten mental mit Extremsituationen umgehen. Das Spannende dabei ist, dass so unterschiedlich die Sportarten auch sein mögen, die Athleten hinterher immer wieder dieselben Themen ansprechen. Mit den Jahren konnte ich da einiges für mich mitnehmen.
Ohne das jetzt zu weit zu spinnen, aber ich habe mal mit dem ehemaligen Chelsea-Torhütertrainer Christophe Lollichon über das Elfmeterschießen beim Champions-League-Finale 2012, dem berühmten „Finale dahoam“ der Bayern gegen Chelsea, gesprochen, als Čech im Elfmeterschießen zum Helden wurde. Lollichon erklärte mir, dass er sieben Jahre zurück alle Elfmeter der Bayern analysiert hätte. Sie hätten von jedem Bayern-Schützen gewusst, wo er hin schießt, die einzige Unbekannte sei gewesen, ob der Schütze flach oder hoch schießt.
Strolz: Gewaltig, genau das sind Herangehensweisen, von denen du als Athlet in der Beobachterrolle lernen kannst.
Wir waren bei der Frage stehen geblieben, wie Sie Ihren Wunsch umsetzen wollen, diesen Winter früher auf Zug zu kommen.
Strolz: Das ist eine Herausforderung, keine Frage, etwas einfacher macht es der Umstand, dass ich nicht noch mehr Aufwand betreiben muss, sondern es eher darum geht, was ich nicht mehr tun sollte. Ich und meine Trainer konnten nämlich wirklich ein Muster erkennen, das sich immer wieder wiederholt hat: Ich bin Ende Jänner schneller geworden, weil ich mich dann als Slalomläufer auf ein, zwei Kernpunkte konzentriert habe und alles, was nicht mehr relevant war, sowohl im Trainingsalltag als auch bei den Rennen, losgelassen habe. Und daraus ziehe ich in diesem Winter meine Schlüsse. Ich werde mein Pensum, was die Breite des Spektrums angeht, eher etwas reduzieren, aber die Basics umso konsequenter umsetzen.
Damit kann ich was anfangen.
Strolz: Sehr gut. Ich hatte in den letzten Jahren das Problem, dass ich zu Saisonbeginn zu viele Themen im Blick hatte. Deshalb werden wir in der Vorbereitung das ein oder andere im Training anpassen, das werden keine weltbewegenden Änderungen sein, weil ich grundsätzlich auch in den vergangenen Jahren sehr gut auf die Saison vorbereitet war. Aber das Ziel ist, dass ich mental dieses Mal von Beginn an so am Punkt bin, dass ich mich beim Skifahren auf das Wesentliche konzentriere, auch, was die Kommunikation mit den Trainern betrifft.
Um es mit eigenen Worten zusammenzufassen: Mehr als 100 Prozent geht nicht – ist das ihr neues Motto in der kommenden Saison?
Strolz: Das ist ein Aspekt, ja. Im Grunde genommen geht es auch um die richtige Einordnung. Du willst an jedem Trainingstag auf Schnee das Maximum herausholen. Aber: Wenn ich bei einem Wettkampf starte, habe ich eine andere Energie, und dieses Mehr an Energie muss ich so kanalisieren, dass ich mir damit nicht im Weg stehe. Man sagt ja immer, Training und Wettkampf seien das Gleiche. Es ist überhaupt nicht das Gleiche! Die große Gemeinsamkeit ist, dass ich mich auf meinen Bewegungsablauf konzentrieren muss, und wenn ich das schaffe, ist schon viel gewonnen. Aber das Drumherum ist natürlich nicht das Gleiche. Wenn du in Kitzbühel oder Adelboden im zweiten Durchgang am Start stehst, dann geht es um alles – so eine Situation hast du im Training nicht. Trotzdem, und das ist das Schizophrene, darfst du nicht an die Zuschauer denken, du darfst dir nicht vornehmen, dich beweisen zu wollen, du darfst nicht an ein Ergebnis denken, sondern du musst bei der Besichtigung die Linie finden, die du fahren willst und die dann umsetzen. Das alles ist im Training nicht anders, den Unterschied macht aber das Adrenalin aus.
Sind es vielleicht sogar Signalwörter, die Sie bei einem Rennen überdrehen lassen. Zum Beispiel: Ich will attackieren. Kann es sein, dass unter Adrenalin ein Wort wie Attackieren falsche Prozesse auslöst?
Strolz: Das ist ein spannender Gedanke, letztendlich geht es darum, dass ich mir bewusst sein muss, dass ich im Rennen mehr Power auf die Ski bringe als im Training und diese Kraft muss ich mir zu Nutze machen.
Inwieweit kann Ihnen Ihr Materialboss, Head-Rennsportleiter Rainer Salzgeber, dabei helfen, am Punkt zu sein?
Strolz: Er ist eine wichtige Bezugsperson, weil er fachlich so eine hohe Expertise hat und gleichzeitig nicht im Detail im Tagesgeschehen verankert ist. Das heißt, er bringt eine gewisse Distanz mit und damit einen anderen Blickwinkel, was oft sehr wohltuend ist. Ich schätze an ihm, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt, er kommuniziert offen und ehrlich, Rainer ist einer, der alles geradeheraus anspricht.