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Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“

30.12.2025 • 09:30 Uhr
Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“
Seit etwas mehr als einem Jahr ist Uta Bachmann Landespolizeidirektorin von Vorarlberg. Hartinger (6)

Mehr Cyberkriminalität, mehr Gewaltprävention, große Strukturreformen und so viele Polizeischüler wie seit Jahren nicht mehr: Landespolizeidirektorin Uta Bachmann zieht im Interview mit der NEUE am Sonntag eine Bilanz des Polizeijahres 2025.

Welche Entwicklungen haben die Polizeiarbeit in Vorarlberg 2025 aus Ihrer Sicht am stärksten geprägt?
Uta Bachmann:
Das Jahr 2025 wird mir vor allem wegen der hohen Zahl an Polizeischülern in Erinnerung bleiben. Nach ein paar mageren Jahren sieht man, dass der Polizeiberuf wieder attraktiver geworden ist. Auch die Bewerberzahlen für das kommende Jahr schauen sehr gut aus. Besonders wichtig für die Zukunft der Polizei war die Zusammenlegung der Dienststellen Rankweil und Sulz sowie Schruns und Gaschurn. Der Probebetrieb hat gezeigt, dass wir dadurch starke Dienststellen mittlerer Größe haben, die gut arbeiten können. Um Sicherheit heute und morgen zu gewährleisten, braucht es zeitgemäße Strukturen. Stillstand bedeutet Rückschritt.

Welche Erfahrungen gibt es mit der Zusammenlegung von Dienststellen?
Bachmann:
Viele kleine Dienststellen können nicht rund um die Uhr besetzt werden. Der Probebetrieb hat gezeigt, dass mittlere Dienststellen flexibler sind und mehr Streifentätigkeit ermöglichen. Die Reform stärkt die Präsenz im Außendienst und sichert die Qualität der Polizeiarbeit.

Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“

Wie beurteilen Sie die Sicherheitslage in Vorarlberg im Jahr 2025 insgesamt?
Bachmann:
Das vergangene Jahr hat erneut gezeigt, wie professionell unsere Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Der Vertrauensindex bestätigt das, der Bundespolizei wurde wieder das größte Vertrauen geschenkt. Gleichzeitig stehen wir vor neuen Herausforderungen. Die Gesamtkriminalität nimmt zu, vor allem weil immer mehr Straftaten ins Internet verlagert werden. Die Internetkriminalität steigt stark an. Dafür brauchen wir mehr Personal und speziell ausgebildete Experten. Die 2025 gestartete Schulungsoffensive wird deshalb fortgesetzt. Prävention und Zusammenarbeit mit der Bevölkerung sind in diesem Bereich zentral.

Hat sich das subjektive Sicherheitsgefühl der Vorarlberger Bevölkerung im vergangenen Jahr verändert?
Bachmann:
Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich das subjektive Sicherheitsgefühl nicht wesentlich verändert. Umfragen zeigen aber, dass objektive und subjektive Sicherheit nicht immer übereinstimmen. Uns ist wichtig, dass sich die Menschen in Vorarlberg sicher fühlen. Persönliche Gespräche und eine verlässliche Öffentlichkeitsarbeit sind dafür entscheidend. Social Media und falsche Informationen machen das jedoch schwieriger.

Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“
Landespolizeidirektorin Uta Bachmann im Gespräch mit der NEUE.

Im öffentlichen Raum kam es zu Überfällen, Schlägereien und Gefährdungsfahrten. Welche Muster oder Ursachen zeigen sich hinter diesen Delikten?
Bachmann:
Wir sehen kein klares Muster. Es handelt sich um einzelne Vorfälle ohne Zusammenhang. Die Kriminalstatistik liegt noch nicht vor, es ist aber von einem Anstieg bei Sachbeschädigungen und Körperverletzungen auszugehen. Teilweise werden viele Straftaten von einzelnen Personen begangen, das ist in der Statistik nicht immer sichtbar und muss genau analysiert werden.

Welche Rolle spielte die Initiative Vokus 2025?
Bachmann:
Die Initiative Vokus läuft weiter. Es gibt Schwerpunktkontrollen, etwa in Zügen der ÖBB und der Westbahn. Die Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Jugendkriminalität führt verstärkt Kontrollen durch. Auch an öffentlichen Orten zeigt die Polizei mehr Präsenz, um Gefahren früh zu erkennen. Das stärkt die tatsächliche Sicherheit und das Sicherheitsgefühl. Wichtig ist die Zusammenarbeit von Polizeieinheiten sowie der Austausch mit Behörden, der Offenen Jugendarbeit und privaten Sicherheitsdiensten.

Welche Entwicklungen sehen Sie bei Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt?
Bachmann:
Auffällig ist die stark steigende Zahl an Betretungs- und Annäherungsverboten. Im Schnitt spricht die Polizei in Vorarlberg mehr als eineinhalb solcher Verbote pro Tag aus. Anfang Dezember haben wir bereits die Zahlen des gesamten Vorjahres erreicht. Ein Grund ist die laufende Schulung und Sensibilisierung der Polizisten. Gleichzeitig wurden Angebote der Opfereinrichtungen ausgebaut, wodurch Betroffene leichter Hilfe bekommen.

Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“

Welche Maßnahmen waren 2025 besonders wirksam gegen Gewalt und gefährliches Verhalten?
Bachmann:
Erfolgreich sind Maßnahmen, die Prävention, Polizeiarbeit, gesellschaftliche Sensibilisierung und rechtliche Rahmenbedingungen verbinden. Öffentliche Kampagnen zur Gewaltprävention und Förderung von Zivilcourage tragen dazu bei, dass Gewalt gar nicht erst entsteht. Unsere Sicherheitskoordinatoren arbeiten laufend mit Opferschutzeinrichtungen. Der nationale Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen und Mädchen unterstreicht die Bedeutung strukturierter Schutzmaßnahmen.
Im Verkehr verstärken wir Kontrollen, besonders bei Alkohol und Suchtmitteln. Kontrollen finden zu jeder Tages- und Nachtzeit statt.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Unfall- und Kontrollbilanz 2025?
Bachmann:
Neben Schwerpunkten wie Drogen im Straßenverkehr, Schwerverkehr und Raserei lag heuer ein Fokus auf E-Bikes und E-Scootern. Mit einer modifizierten Mopedrolle können wir prüfen, ob die erlaubten 25 Stundenkilometer eingehalten werden. Geschwindigkeitsüberschreitungen bleiben hoch. Durch verstärkte Radarmessungen konnten mehrere Raser gestoppt werden. Ein Lenker fuhr 240 Stundenkilometer auf der A14 bei einem Limit von 110. Das Fahrzeug wurde beschlagnahmt. Die Fahrzeugbeschlagnahme hat sich bewährt, wir werden konsequent weiter vorgehen.

Welche Cybercrime-Phänomene standen 2025 im Vordergrund?
Bachmann:
Neue Phänomene gab es nicht, aber bekannte Betrugsformen werden verstärkt mit künstlicher Intelligenz umgesetzt. Betrugs-Mails sind optisch besser, Chats fehlerfreier, Webseiten schneller erstellt. Die Täter entwickeln sich ständig weiter.

Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“

Welche Bedeutung hat das Cybercrime-Trainingscenter?
Bachmann:
Es schafft mehr Kompetenz bei der Aufnahme von Cyberdelikten und reduziert die Angst vor Fehlern. Beweismittel können schneller gesichert werden, einfache Ermittlungsschritte direkt auf den Inspektionen erfolgen.

Wie gelingt die Integration neuer Polizisten?
Bachmann:
Die Ausbildung ist der erste Schritt. Entscheidend ist die gute Betreuung auf den Inspektionen. Dafür gibt es Betreuungsbeamte. Der Teamgeist ist eine große Stärke, auch wenn Ausbildung und Tagesbetrieb eine Herausforderung sind.

Polizeichefin Bachmann: „Stillstand bedeutet Rückschritt“

Zur Person

Uta Bachmann startete ihre Karriere nach ihrem Jus-Studium 1999 bei der Gendarmerie. Ab 2006 leitete sie die sicherheits- und kriminalpolizeiliche Abteilung der Sicherheitsdirektion für Vorarlberg, ab 2010 das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Seit 1. September 2024 ist sie Vorarlberger Landespolizeidirektorin.