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„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“

HEUTE • 18:45 Uhr
„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“
Dieter und Amy Kräutl, ein austro-amerikanisches Eheopaar in Dornbirn. Stiplovsek

Dieter und Amy Kräutl leben in Dornbirn die Rockabilly-Kultur und den US-amerikanischen Traum. Amy stammt aus Arizona, Dieter lernte die Liebe seines Lebens in den Staaten kennen. Ein NEUE am Sonntag-Interview über die USA, Präsident Donald Trump und warum Europa mehr denn je gefordert ist, zusammenzustehen.

NEUE am Sonntag: Sie äußern sich in sozialen Medien sehr kritisch zum Verhalten des US-Präsidenten. Wie ist es für Sie als US-Staatsbürgerin, die seit vielen Jahren hier lebt, auf Ihr Herkunftsland zu blicken?

Amy Kräutl: Ich möchte vorweg sagen, warum mich das alles betrifft. Ich lebe seit fünfzehn Jahren hier und sage oft, ich bin eigentlich keine Amerikanerin mehr, sondern so etwas wie eine “austro-immigrierte” Amerikanerin. Aber meine gesamte Familie lebt dort. Meine Eltern, Tanten und Onkel in Montana, meine Kinder und Enkelkinder in Arizona. Alles, was dort passiert, betrifft mich, weil es meine Familie betrifft. Auch viele Freunde leben noch dort.

„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“
Dieter Kräutl zeigt sich besorgt. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Wie erleben Sie die Stimmung bei Ihrer Familie und Freunden in den USA?

Amy Kräutl: Meine Tochter ist mit einem hispanischen Mann verheiratet. Sie leben in Phoenix und haben Angst, das Haus zu verlassen. Wegen der ICE-Einheiten und der Eskalation. Rassismus war immer da, aber jetzt ist er quasi legitimiert. Eine Freundin in Chicago, Amerikanerin mit mexikanischen Wurzeln, geht mit ihrer Familie kaum noch einkaufen. Alle haben Angst. Dazu kommt, wie dieser Mann die Wirtschaft zerstört, “Medicare” und “Medicaid” angreift. Die Versicherungsprämien meiner Eltern haben sich verdoppelt. Es ist in jeder Hinsicht beängstigend.

NEUE am Sonntag: Dieter, Ihr Blick auf die Situation. Trump tritt mittlerweile auch international sehr offensiv auf, zuletzt auch in Davos und mit Aussagen zu Grönland. Wie beurteilen Sie das, vor allem mit Blick auf Europa?

Dieter Kräutl: Was ein amerikanischer Präsident tut, betrifft Europa immer. Das war schon immer so, aber jetzt spüren wir es in einer neuen Qualität. Sein Auftritt in Davos war ein gutes Beispiel. Früher war das Weltwirtschaftsforum ein Ort für diplomatische Sprache, für zumindest den Versuch von Ausgleich. Trump nutzt solche Bühnen für Provokation, Drohungen und einfache Botschaften. Das richtet sich weniger an die Weltgemeinschaft als an sein eigenes Publikum zu Hause. Besonders beunruhigend finde ich die Aussagen zu Grönland. Das ist kein harmloser Sager, sondern Teil einer größeren Strategie. Wenn ein Präsident öffentlich darüber spricht, fremdes Territorium kaufen oder kontrollieren zu wollen, dann verschiebt das Grenzen im Denken. Für Europa ist das ein Alarmsignal. Sicherheitspolitisch, aber auch moralisch. Es zeigt, wie wenig Respekt er vor Souveränität und internationalen Regeln hat. Und was Amy nicht gesagt hat: Es ist auch peinlich. Als Amerikaner in Europa ist das beschämend. Man wird darauf angesprochen.

Amy Kräutl: Ich zögere manchmal zu sagen, woher ich komme. Deshalb sage ich scherzhaft, ich sei österreichisch geboren und hier politisch herangewachsen. Man wird darauf angesprochen. Ich zögere manchmal zu sagen, woher ich komme. Deshalb sage ich scherzhaft, ich sei österreichisch geboren und hier politisch herangewachsen.

„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“
Amy Kräutl stammt aus Arizona und ist um ihre Familie besorgt. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Trotzdem hat Trump weiterhin Unterstützung in den USA. Wie erklären Sie sich den noch immer großen Zuspruch?

Amy Kräutl: Statistisch gesehen kommt seine Basis überwiegend aus den unteren Bildungssegmenten. Das ist keine persönliche Meinung. Viele leben in einer sehr kleinen Informationsblase. Ich verstehe nicht, wie man jemanden unterstützen kann, der die Wirtschaft zerstört, das Gesundheitssystem angreift, mehrfach verurteilt wurde und dessen Verbindungen zu den Epstein-Akten bekannt sind.

NEUE am Sonntag: Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Dieter Kräutl: Eine sehr große. Er erklärt etablierte Medien zu Fake News, lügt offen und ohne Konsequenzen. Es ist nicht mehr wie früher, als Präsidenten diplomatisch gesprochen haben. Sein Auftreten ist unprofessionell, beleidigend, besonders gegenüber Frauen. Kritische Fragen beantwortet er nicht, sondern greift an. Das ist Ablenkung.

Amy Kräutl: Viele seiner Anhänger konsumieren ausschließlich rechte Medien. Selbst wenn man ihnen Videos zeigt, glauben sie es nicht, wenn es nicht von ihren bevorzugten Sendern kommt. Der Kern seiner Bewegung ist christlicher Nationalismus. Für mich wirkt das wie ein Kult.

„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“
Die NEUE am Sonntag traf das Ehepaar in Martins Bistro in Dornbirn zum Interview. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Sehen Sie hier Parallelen zu Europa und Österreich?

Dieter Kräutl: Ja. Rechtspopulistische Parteien sind vernetzt, auch mit Putin. Menschen sind wütend auf den Status quo, weil Politik lange weggesehen hat. Populisten liefern einfache Antworten. Schuld sind immer die anderen. Lösungen gibt es keine. Das ist das Gefährliche.

NEUE am Sonntag: Wie sprechen Sie als Paar über Politik?

Amy Kräutl: Wir versuchen, sachlich zu bleiben. Lösungen zu diskutieren. Nicht nur zu schimpfen. Das ist schwer, aber notwendig.

NEUE am Sonntag: Viele sehen Parallelen zu den Dreißigerjahren in Deutschland und zur Etablierung einer Diktatur. Wie schätzen Sie das ein?

Dieter Kräutl: Die Parallelen sind offensichtlich. Institutionen werden geschwächt, Gewaltenteilung ausgehöhlt. Das System der „Checks and Balances“ funktionierte nur unter der Annahme von „Goodwill“. Den gibt es hier nicht mehr.

„Wir haben schreckliche Angst um unsere Familie in den USA“
Die beiden Musikfans leben ihre Liebe und Leidenschaft für Rockabilly voll aus. Stiplovsek

Amy Kräutl: Richter, Politiker, viele haben ihre Ethik aufgegeben. Das steht so im Handbuch des Faschismus. Institutionen zuerst zerstören.

NEUE am Sonntag: Welche Rolle spielt China in diesem Machtgefüge?

Dieter Kräutl: China ist derzeit der große, stille Beobachter. Während Trump laut auftritt, provoziert und internationale Regeln infrage stellt, agiert China langfristig, strategisch und mit sehr klaren Interessen. Für Europa ist das eine heikle Situation. Einerseits verlieren wir die USA als verlässlichen Partner, andererseits dürfen wir nicht den Fehler machen, uns blindlings in neue Abhängigkeiten zu begeben. Aber es wird kein Weg daran vorbeiführen, mit China intensiver zusammenzuarbeiten, wirtschaftlich wie technologisch. Entscheidend ist, dass Europa dabei geschlossen auftritt und eigene Standards definiert.

NEUE am Sonntag: Dieter, Sie kommen aus einem technischen Umfeld. Wie kann Europa hier aufholen, sehen Sie hier auch eine Chance?

Dieter Kräutl: Ja, aber nur, wenn wir es wirklich wollen. Europa ist massiv abhängig von US-amerikanischen Technologien, von Software über Cloud-Dienste bis hin zu Plattformen. Das ist ein strategisches Risiko. Wenn politische Entscheidungen dazu führen, dass diese Zugänge eingeschränkt werden, stehen wir schlecht da. Deshalb müssen wir eigene Infrastruktur aufbauen und kontrollieren. Künstliche Intelligenz ist ein gutes Beispiel. Projekte wie Mistral zeigen, dass Europa sehr wohl das Know-how hat. Vielleicht sind wir nicht immer die Ersten, aber wir können schnell aufholen. Unsere große Stärke ist die Vielfalt. Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Denkweisen, unterschiedliche Herangehensweisen. Gerade in technischen Teams ist das ein enormer Vorteil.

NEUE am Sonntag: Wandern derzeit auch viele Fachkräfte aus den USA ab, oder werden sogar ausgewiesen?

Amy Kräutl: Es sieht sehr danach aus. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr willkommen oder sicher. Das betrifft nicht nur Minderheiten, sondern auch Wissenschaftler, Techniker, Künstler. Das erinnert an dunkle Kapitel der Geschichte, in denen Länder durch ihre Politik genau jene Menschen verloren haben, die sie eigentlich gebraucht hätten.

NEUE am Sonntag: Wie beurteilen Sie den Widerstand in den USA?

Amy Kräutl: Er ist stärker, als man von hier aus oft denkt. Viele Menschen engagieren sich lokal, gehen auf die Straße, organisieren sich in Netzwerken. Der Widerstand richtet sich nicht nur gegen Trump als Person, sondern gegen ein ganzes System, das Angst erzeugt und Menschen einschüchtert. Trump ist die sichtbare Spitze, aber darunter arbeiten viele andere Akteure, die mindestens genauso gefährlich sind.

NEUE am Sonntag: Amy, wie erklären Sie sich, dass viele Frauen Trump unterstützen?

Amy Kräutl: Ich kann es schwer nachvollziehen. Vielleicht ist es für manche ein nostalgisches Bild von klaren Rollen und vermeintlicher Sicherheit. Aber niemand sollte seine Lebensweise anderen aufzwingen. Ich will produktiv in der Gesellschaft sein, nicht nur im Haushalt. Wenn Frauen bewusst ein anderes Leben wählen, ist das ihre Entscheidung. Aber diese Entscheidung darf nicht zur Norm erklärt werden.

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Für ihre kritischen Äußerungen könnte Amy ein Einreiseverbot in den USA blühen. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Gemeinsam leben Sie den Rockabilly-Lifestyle, eine sehr US-amerikanische Kultur. Was bedeutet das heute für Sie, wenn dies mit Füßen getreten wird?

Dieter Kräutl: Für mich zeigt sich hier der größte Widerspruch. Rockabilly, Rock’n’Roll, diese Kultur steht für Freiheit, Individualität und Aufbruch. Trump verkauft Nostalgie, aber er bedroht genau diese Werte. Er hat den amerikanischen Traum verraten, indem er Angst schürt und ausgrenzt.

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NEUE am Sonntag: Wie steht es in den USA um das Thema Meinungsfreiheit?

Amy Kräutl: Das, was er propagiert, ist keine echte Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit endet dort, wo andere systematisch mundtot gemacht oder bedroht werden. Was hier passiert, ist keine offene Debatte, sondern Einschüchterung.

NEUE am Sonntag: Wie wird Donald Trump in den US-Medien dargestellt?

Amy Kräutl: Die Medienlandschaft in den USA ist extrem gespalten. In linken Medien ist er eine Witzfigur oder eine Gefahr für die Demokratie, in rechten Medien ein Heilsbringer. Dazwischen gibt es kaum Raum. Ich versuche deshalb, mich über möglichst unabhängige Quellen zu informieren.

NEUE am Sonntag: Befürchten Sie innere Unruhen oder einen Bürgerkrieg in den USA?

Amy Kräutl: Ein offener Konflikt wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Genau das würde ihm helfen, noch härter durchzugreifen. Viele Menschen haben deshalb Angst, weil jede Eskalation gegen sie verwendet werden könnte.

Dieter Kräutl: Die Midterms im November sind entscheidend. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Diese Monate werden zeigen, wie belastbar die demokratischen Institutionen wirklich noch sind.

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Teilweise fassungslos reagiert Amy Kräutl auf die Aussagen von Donald Trump. Stiplovsek

NEUE am Sonntag: Haben Sie aktuell Angst, in die USA zu reisen?

Amy Kräutl: Ja. Aufgrund meiner öffentlichen Stellungnahmen in sozialen Medien gehe ich davon aus, dass ich bei einer Einreise Probleme bekommen würde. Aber es geht mir auch um eine bewusste Entscheidung. Ich möchte diese Politik nicht indirekt unterstützen und diese Wirtschaft derzeit nicht finanzieren.

NEUE am Sonntag: Wie erleben Sie Ihren Alltag hier in Dornbirn?

Amy Kräutl: Sehr ruhig und positiv. Die meisten Menschen reagieren verständnisvoll, manche sogar entschuldigend, wenn sie erfahren, woher ich komme. In der Musikszene erleben wir viel Solidarität.

NEUE am Sonntag: Was möchten Sie den Menschen mitgeben?

Amy Kräutl: Gebt die Hoffnung nicht auf. Schweigen hilft nur denen, die von Angst und Spaltung profitieren. Wenn man Unrecht sieht, sollte man den Mut haben, es anzusprechen.

Dieter Kräutl: Europa muss enger zusammenrücken. Probleme lassen sich nur lösen, wenn wir miteinander reden, auch über Themen wie Migration oder soziale Ungleichheit. Ohne Schuldzuweisungen, ohne Feindbilder. 

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Dieter und Amy Kräutl. Stiplovsek

Zur Person

Amy und Dieter Kräutl leben seit 15 Jahren in Dornbirn. Dieter lernte seine große Liebe Amy während eines Aufenthalts in den USA, genauer gesagt in Arizona, kennen. Gemeinsam teilen sie die große Leidenschaft für Rockabilly-Musik, organisierten viele Konzerte und gründeten die Band Rhine Valley Ramblers.

(NEUE am Sonntag)