Weltklasse-Chor in Feldkirch

Das Vokalensemble Chanticleer aus San Francisco sorgte mit zwölf Stimmen für einen außergewöhnlichen Chorabend im Montforthaus.
Zwölf Männer singen und das Montforthaus bebt! Zu erleben war das beim Konzert von Chanticleer, dem Ensemble aus San Francisco, das im Rahmen seiner Europatournee auf Einladung des Vorarlberger Chorverbands auch in Feldkirch Station machte: Oskar Egle und Axel Girardelli waren ebenso im Glück wie die zahlreichen Sängerinnen und Sänger aus der Vorarlberger Chorszene, die sich von der Vielseitigkeit der Gruppe und ihrer abwechslungsreichen Performance begeistern ließen.

Höchste Sopranhöhen und tiefe Bassregionen
Zwölf Sänger, die in höchste Sopranhöhen aufsteigen und in tiefe Bassregionen abtauchen, die in der fließenden Renaissancemusik in großer und kleiner Besetzung zuhause sind, sich aber auch eigene Pop-Arrangements auf den Leib schreiben, Kompositionsaufträge erteilen und ihr Herzblut in die afroamerikanischen Spirituals legen: Die Sänger von Chanticleer machen ihrem Namen, der sich aus „Singen“ und „Klarheit“ zusammensetzt, alle Ehre, und es ist eine Freude, wie diese Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln und Stimmfarben zu einem wunderbar homogenen Klang verschmelzen.

Renaissance und Frühbarock zum Klingen bringen
Mit zwei Stücken aus dem 17. Jahrhundert erinnern sie zunächst daran, dass ihr Ensemble vor bald 40 Jahren gegründet wurde, um die Musik aus Renaissance und Frühbarock zum Klingen zu bringen. Die Größe des Ensembles und die Besetzungen haben sich geändert, geblieben ist die Reinheit und Vielschichtigkeit der Klänge. Interessant in ihrer etwas raueren Tongebung sind die Note-gegen-Note gesetzten homophonen Gesänge, eindringliche Hymnen, die auch archaisch klingen. In „Happy Shore“, von Trevor Weston für Chanticleer komponiert, gipfeln rhythmisches Klatschen, Stampfen und Glissandi in einem jubelnden „Glory Halleluia“. In zwei Spirituals singen sie im berührenden Wechsel von Solo und Begleitung von Vertrauen und Widerstandskraft, ausgeschmückt mit feinen Verzierungen und dargebracht mit seelenvoller Hingabe. Auch im letzten Stück vor der Pause, „The un-covered Wagon“ von Brent Michael Davids, wird klar, warum die Gruppe auch als „Orchester aus Stimmen“ bezeichnet wird – das Zischen einer Dampflok ist ebenso eingefangen wie Vogelrufe und näselndes Geschrei.

Virtuose Stimmakrobatik
Im zweiten, auswendig dargebotenen Teil bringen die Chanticleers einen wunderbaren Querschnitt durch ihr breites Repertoire: das reicht von der schlichten, im Pianissimo beginnenden, sich immer mehr verdichtenden Hymne über ein mächtig gesteigertes Alleluia zur virtuosen Stimmakrobatik in „I hear the Siren’s Call“ des chinesischen Komponisten Chen Yi. Ein „fun piece“ (Scherzstück) ist „Hee-oo-oom-ha“, in dem die Sänger einander vielgestaltig Raum geben und einen ihrer Tenöre im Spiel mit den Tonsilben in einer Art Minimal Music mit Obertönen, Bordunklängen oder Jodelfiguren einbetten. Eine herrlich schmachtende Romanze besingt ein „Mädchen mit hellbraunem Haar“, getragen von dem auf die Gruppe abgestimmten Satz und dem hingebungsvollen Tenorsolisten, bevor sich die sympathischen Sänger mit einem weiteren Scherzlied und dem in Clustern schwebenden, klangvoll aufgefächerten „Shenandoah“ verabschieden. Ein großartiger Abend, der noch lange nachklingt und den vielen Chören und Chorleitern im „Ländle“ mannigfache Anregung gibt!
Katharina von Glasenapp