Argerichs Temperament ist ungebrochen

Die legendäre Pianistin Martha Argerich bewies gemeinsam mit EPOS ihre unverminderte künstlerische Präsenz.
Kaum zu glauben, seit fast acht Jahrzehnten beglückt die argentinische Pianistin Martha Argerich ihr Publikum mit ihrer Kunst. In Vaduz fand das erste Konzert in einer Reihe von Auftritten gemeinsam mit The European Philharmonic of Switzerland (EPOS) statt: Im Duo mit der russischen Pianistin Anastasia Voltchok und unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Charles Dutoit stand Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere auf dem Programm, eingebunden in Werke von Claude Debussy („Petite Suite“) und Rimski-Korsakows „Scheherazade“.

Pulsierendes Werk
Wenn die Künstlerin mit der unverkennbaren Haarpracht die Bühne betritt, wirkt sie wie die ältere Dame, die sie ist, doch am Flügel sitzend verfügt Martha Argerich über eine enorm spritzige, wache, temperamentvolle Präsenz, die von Anastasia Voltchok, der in Russland geborenen, in Moskau, Basel und Amerika ausgebildeten Pianistin gespiegelt wird. Poulencs Doppelkonzert ist ein ungemein mitreißendes, quecksilbrig pulsierendes Werk voller Farben, das im funkensprühenden Finale mit Tonrepetitionen und ironischem Tonfall glänzt. Die Verehrung für Mozart drückt sich im langsamen Satz aus, in dem die Pianistinnen einander mit feiner Anschlagskultur und Ausdrucksvielfalt die Bälle zuspielen. Kurz, aber auch kurzweilig ist das Konzert und die beiden Pianistinnen haben ebenso ihren Spaß an Poulencs transparenter Tonsprache wie das bestens eingespielte Orchester. Zur Zugabe von Rachmaninow tauschen die Solistinnen ihren Platz, so können auch die Hörerinnen und Hörer auf der rechten Seite Martha Argerichs so selbstverständlich und leicht wirkende Kraft und Klangfülle erleben.
Aufblühender Klang
Dass Musik wie ein Jungbrunnen wirken kann, zeigt sich nicht nur bei Martha Argerich, auch Charles Dutoit, ihr zeitweiliger Ehemann und Vater von einer ihrer Töchter, der im 90. Lebensjahr ist, gestaltet die Partituren mit beeindruckender Frische. Auch wenn er den rechten Arm nur minimalistisch einsetzt und den Klang überwiegend mit dem linken Arm formt: Hier bewährt sich die langjährige Arbeit mit dem Orchester, das aus früheren Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchesters besteht, die mittlerweile Positionen in großen Orchestern innehaben. In der so farbigen „Scheherazade“ mit ihren orientalischen Melismen treten zahlreiche Solistinnen und Solisten hervor und verbinden sich zu einem warm aufblühenden Klang, der von der silbrigen Solovioline überstrahlt wird.
Katharina von Glasenapp