Zirkusluft schnuppern: Eine Halle voller Möglichkeiten

Mit der Zirkushalle Dornbirn hat der Verein Zack & Poing um Obfrau Raffaela Rudigier-Gerer einen Trainingsort und Bühne zwischen Sport und Kultur zugleich geschaffen. Neu ist eine erweiterte Kooperation mit dem Freudenhaus.
“Zirkus ist ein Gegenentwurf zu einer Welt, die oft sehr dramatisch und bedrückend wirkt. Freude am Tun und Spaß an der Freude stehen im Mittelpunkt“, legt Raffaela Rudigier-Gerer, Obfrau des Vereins Zack & Poing, mit spürbarer Begeisterung los. Was 2012 als Vision einiger Zirkusbegeisterter begann, ist heute mit rund 350 Mitgliedern zu einer festen Größe geworden.
Bevor sie die Zirkushalle mitbegründete, war die gebürtige Montafonerin sportlich auf ganz anderem Terrain unterwegs. Die studierte Germanistin war aktive Snowboarderin, fuhr bei der ISF World Tour mit und wurde österreichische Staatsmeisterin. „Während des Studiums habe ich zusätzlich an Freeride-Competitions teilgenommen.“ Parallel dazu entdeckte sie das Feuerspielen für sich – ihre eigentliche Disziplin. „Dabei jongliert und tanzt man mit brennenden Tools“, führt die Zirkusdirektorin und Kulturjournalisten aus. Mit der Feuergruppe „Tirasaru“, die sich in Innsbruck formiert hat, tourte sie national und international, bis nach Dubai.

Inspiration
Über die Feuershows lernte sie ihren Mann Sebastian Gerer kennen, Diabolo-Artist, Musiker und Zirkuspädagoge. Gemeinsam ließen sie sich von einem besonderen Ort inspirieren: dem „Circus Schatzinsel“ in Berlin-Kreuzberg, wo Gerer lange Zeit arbeitete. „Mitten in der Stadt, eine richtige Zirkusoase mit Wagen und Zelten. Das war für uns ein großes Vorbild“, so Rudigier-Gerer. „Wir dachten uns: So etwas wäre doch auch in Vorarlberg möglich.“
2012 gründeten sie gemeinsam mit anderen Zirkus-Enthusiasten den Verein Zack & Poing. Das Ziel: ein permanenter Trainings- und Schaffensraum für Zirkus- und Performancekünstler im Vierländereck. „Von Anfang an war unser Wunsch ein eigener Raum. Zirkus braucht Höhe und Platz, das bekommt man in Turnhallen nur stundenweise.“

Eröffnung 2018
Nach längerer Suche war es 2018 so weit: Die Zirkushalle Dornbirn öffnete ihre Tore. Ein Meilenstein. „Die Eröffnung der Halle war ein großer emotionaler Moment“, erinnert sich die Obfrau. Doch mit dem Raum kam auch die Verantwortung. „Mit der Halle stellte sich die Finanzierungsfrage. Daraus entstanden die Kurse und Sommercamps. Diese tragen heute die Halle.“ Mittlerweile verfügt der Verein am selben Standort über eine zweite Halle.

Treffpunkt
Heute ist die Zirkushalle Treffpunkt für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Profis und Anfänger. „Eigentlich wollten wir ursprünglich einen Trainingsort für Profis schaffen“, so die 44-Jährige schmunzelnd. „Durch die Kurse hat sich das Angebot erweitert. Heute bilden wir Amateure aus, und daraus entstehen wieder neue Profis.“ Zudem sei man stark im Vierländereck verankert. „Es gibt viele grenzüberschreitende Verbindungen.“
Zirkushalle Dornbirn
Die Zirkushalle Dornbirn wird vom Verein Zack & Poing betrieben und versteht sich als Treffpunkt und Heimat für die Mitglieder sowie als offener Ort für alle Bewegungs-, Artistik- und Kulturbegeisterte jeden Alters. Ziel ist es, Zirkus- und Performancekünstlern aus der Region und dem benachbarten Grenzgebiet einen dauerhaften Trainings- und Arbeitsraum zu bieten. Darüber hinaus soll die Halle als kreatives Zentrum und Freiraum wirken. Neben dem Trainingsbetrieb vermittelt der Verein auch Künstlerinnen und Künstler, bietet Showacts, Mitmachzirkus, Teambuildings und Firmen-Offsites an – sowohl vor Ort als auch direkt in Unternehmen. Zudem werden zahlreiche Schulprojekte umgesetzt, darunter auch grenzüberschreitende Initiativen, erklärt Obfrau Raffaela Rudigier-Gerer.
Zum Zirkushallen-Team gehören: Sebastian Gerer (Geschäftsführer und Leitung), Raffaela Rudigier-Gerer (Vereins-Obfrau), Pia Winter (Projektkoordination), Edith Tonweber (Vorstand), Franziska Hauser (Vorstand) und Brigitte Albu (Marketing) sowie das Trainer:innen-Team.
Weitere Informationen über Angebote und Programm gibt es auf www.zirkushalle.at.
Angebot und Programm sind breit gefächert: In der Zirkus-Werkstatt werden verschiedene Disziplinen ausprobiert, es gibt Luftakrobatik-Kurse für Einsteiger und Fortgeschrittene, ein Jugend-Ensemble, das eigene Choreografien entwickelt, sowie Eltern-Kind-, Großeltern-Kind- und Kleinkinder-Zirkus. Dazu kommen Sommercamps, in denen Kinder eine Woche lang in die bunte Zirkuswelt eintauchen, inklusive Abschlussaufführung. „Viele Kinder starten bei den Sommercamps. Sie probieren verschiedene Disziplinen aus und entscheiden sich dann für eine“, erzählt Raffaela Rudigier-Gerer. „Am Ende der Woche stehen sie im Rampenlicht und wachsen über sich hinaus.“

Mehr als Unterhaltung
Dass Zirkus weit mehr ist als Unterhaltung, betont die Mutter von zwei Kindern immer wieder. „Zirkus ist oft eine tiefe persönliche Arbeit. Wenn man eine Disziplin lernt, trainiert man Fokus, Geduld und den Umgang mit Rückschlägen.“ Scheitern sei fixer Bestandteil des Lernprozesses. „Man scheitert oft, aber man hat auch schnelle Erfolgserlebnisse, die einen motivieren, dranzubleiben.“
Gerade für Kinder sei das wertvoll: „Sie lernen, miteinander auszukommen, gemeinsam eine Show zu gestalten, zu kommunizieren und Fehler zu akzeptieren. Da laufen viele wichtige Prozesse im Hintergrund.“ In einer Zeit von Digitalisierung und Leistungsdruck sieht sie die Halle als wichtigen Gegenpol. „Kinder verbringen viel Zeit vor Bildschirmen. Sie brauchen bewegungsorientierte, wettbewerbsfreie Angebote. Bei uns können sie einfach Freude an Bewegung erleben. Und das freiwillig und mit Begeisterung.“ Der Zirkusunterricht unterscheidet sich bewusst von klassischen Wettkampfsportarten. Konkurrenz spielt kaum eine Rolle, stattdessen zählt die gemeinsame Leistung.

Schnittstelle
Wo verortet sie die Zirkushalle: im Sport oder in der Kultur? „Wir sind an der Schnittstelle. Es gibt sportliche Höchstleistungen, etwa bei Luftartistik oder Jonglage. Gleichzeitig geht es immer um den künstlerischen Kontext: Musik, Inszenierung, Auftreten. Das ist die Verschmelzung von Sport und Kultur.“ Im zeitgenössischen Zirkus steht – im Gegensatz zum klassischen – der Mensch im Mittelpunkt, nicht mehr Tiere oder reine Sensationsnummern. „Es geht nicht um die größte artistische, sondern um die größte künstlerische Leistung. Ausdruck, Inszenierung und Persönlichkeit zählen genauso viel wie Technik.“
Besonders prägend sei für sie die Clownerie gewesen. „Dort lernt man, dass Fehler Geschenke sein können. In unserer perfektionistischen Welt ist das eine sehr befreiende Haltung.“

Zirkus verbindet
Zirkus kann noch mehr: Er verbindet. „Ja, absolut“, antwortet sie auf die Frage nach Integration. „In Hohenems läuft seit Jahren unser interkulturelles Kinderatelier. Social-Circus-Projekte richten sich gezielt an Kinder mit schwierigen Lebensumständen.“ Ihr Wunsch? „Mehr Unterstützung für den Social Circus. Dafür braucht es finanzielle Mittel, um Plätze zur Verfügung stellen zu können.“ Inklusion sei ebenfalls ein großes Thema. „Mein Mann Sebastian beginnt eine Ausbildung im inklusiven Zirkus in Berlin.“

Kooperation mit dem Freudenhaus
Ein neues Kapitel schlägt der Verein mit dem Projekt „ZxF – Zirkushalle mit Freudenhaus“ auf. Dahinter steckt eine eigene Veranstaltungsschiene mit rund zehn Produktionen pro Jahr. „Ab März zeigen wir Profiartisten aus Österreich, Deutschland und Frankreich. Die Tickets gibt es über das Freudenhaus“, erklärt Raffaela Rudigier-Gerer. Die Kooperation ist für sie ein Glücksfall. „Das Freudenhaus war und ist für uns ein wichtiger Partner. Solange es keinen neuen Standort gefunden hat, zeigen wir einige Produktionen bei uns in der Halle.“ Damit wird die Zirkushalle auch zur Bühne für zeitgenössischen Zirkus auf professionellem Niveau und stärkt ihre Rolle als kreatives Zentrum in der Stadt Dornbirn.

Die emotionalsten Momente? „Eigentlich sind es die Aufführungen. Zu sehen, mit wie viel Freude Kinder, Jugendliche oder Erwachsene auf der Bühne stehen – das berührt mich jedes Mal.“ In fünf Jahren, so hofft sie, werde die Zirkushalle „weiter wachsen und eine pulsierende Stadtoase bleiben. Ein Ort, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene begeistert zusammenkommen.“ Für Raffaela Rudigier-Gerer ist klar: „Zirkus ist weit mehr als Unterhaltung. Er ist ein Ort der Freude, der Gemeinschaft und der persönlichen Entwicklung.“
