Puschnik mit noch einem Eishockey-Wunder

Reportage. VEU-Legende Gerhard Puschnik ist als Trainer mit dem HC Prättigau-Herrschaft Ostschweizer Meister geworden. Die NEUE war dabei.
Donnerstag, 18.45 Uhr vor der Eishalle der Schweizer Gemeinde Grüsch, die knapp eine Autostunde von Bregenz entfernt ist. Um 20 Uhr beginnt das vierte Finalspiel der vierten Schweizer Spielstufe 1. Liga zwischen dem ortsansässigen HC Prättigau-Herrschaft und dem EC Will. Die Gastgeber führen in der Best-of-Five-Finalserie mit 2:1 gegen den haushohen Favoriten Wil und sind damit nur mehr einen Sieg vom Ostschweizer Meistertitel entfernt. Was ein kleines Miracle on Ice, also ein Eishockeywunder wäre. Das ist deshalb interessant, weil es VEU-Legende Gerhard Puschnik als Trainer zum HC Prättigau-Herrschaft verschlagen hat. Eigentlich hatte Puschnik seine Trainerkarriere schon beendet und wechselte als Café-Betreiber in die Gastronomie. Doch nach der Beendigung dieses Kapitels wollte er zurück an die Bande. Und das bewusst nicht im Rampenlicht, davon hatte er im Verlauf seiner großartigen Karriere genug. Ähnlich ist es bei Puschniks Assistenztrainer Thomas Sticha, auch er gehörte der großen VEU-Mannschaft der 1990er-Jahre an. Die Schweizer 1. Liga ist eine Amateurliga, die in zwei Divisionen aufgeteilt ist: Ost und West. Dementsprechend beschaulich ist die Szenerie vor der Eishalle Grüsch.

Plastic money
Aber ob Profiliga oder Amateurebene: Vor einem Spiel, das den Meistertitel bringen kann, ist die Anspannung und Vorfreude allerorts groß. Dementsprechend sind 75 Minuten vor Spielbeginn schon vergleichbar viele Fans bei der Halle angekommen. Präsident Stephan Weber empfängt das NEUE-Team im klubfarbenen, grasgrünen Anzug. „Schön, dass ihr da seid“, begrüßt uns Weber, der jedoch sofort weiter muss. Der Mann ist gefragt.
Wie das halt oft an solchen außergewöhnlichen Tagen ist, der Abend beginnt mit einer Panne: Beim Imbissstand vor der Halle funktioniert das Kartenzahlterminal nicht. Vor dem Wagen hat sich darum eine kleine Schlange gebildet, doch Francesca, eigentlich Lehrerin, bewahrt die Ruhe. „Man muss im Leben Geduld haben können. Das sage ich auch immer meinen Schülern, und wenn die geduldig sein können, dann schaffen wir das heute auch“, sagt sie lachend in Richtung eines Fans, der es kaum erwarten kann, in eine Wurst zu beißen. Was er, ganz abgesehen davon, auch könnte – wenn er denn bar bezahlen würde: Aber plastic money ist eben auch auf der anderen Seite des Rheins in. Nach rund zehn Minuten funktioniert das Kartengerät wieder, jetzt nimmt der Abend Schwung auf. Die Fans diskutieren bereits heiß über das anstehende Spiel, auch den ein oder anderen Vorarlberger hat es nach Graubünden verschlagen, wie Mathias Mutinelli, dessen Sohn Jakob heute als Linesman im Einsatz ist.
Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass scheinbar alle beim HC Prättigau-Herrschaft wissen, dass sich die NEUE für das Spiel angesagt hat. Die Ordner öffnen sofort den Zugang zum Spielertrakt, vereinbart ist, dass wir uns im Durchlass zwischen den beiden Spielerbänken positionieren. Dort treffen wir auf Betreuerin Flurina Camichel, auch sie ist augenscheinlich informiert und gesteht uns: „Ein bisschen nervös sind wir alle schon. Wir sind in der 1. Liga Ost noch nie Meister geworden.“ Titelsammler Gerhard Puschnik könnte da schon viel eher über den Dingen stehen, aber Routine hin oder her: So ein Spiel lässt einen gestählten Haudegen wie ihn nicht kalt.

Spielbeginn
20 Uhr. Das Finale beginnt. Die Zuschauertribünen sind sehr gut gefüllt, 612 Fans haben den Weg in die offenbar kälteste Eishalle der Schweiz gefunden. Die Stimmung ist gut – und wird schnell noch besser: In der fünften Minute gehen die Gastgeber mit 1:0 in Führung. Jetzt ist der Ostschweizer Meistertitel zum Greifen nahe. Den Wilern, die 2023 und 2025 den Titel gewonnen haben und in den vergangenen 18 Monaten fast unschlagbar waren, fällt überhaupt nichts ein. Das Spiel ist flott, der Einsatz hoch, dass das nur ein Viertligaspiel ist und da auf dem Eis nur Amateurspieler zu Werke sind, kann man kaum glauben. Dann ist das erste Drittel vorüber. Prättigau-Herrschaft führt 1:0. Jetzt kommt bei Betreuerin Flurina Camichel Hektik auf. Sie muss eine Kufe nachschleifen. Nachdem Gerhard Puschnik zur Mannschaft gesprochen hat, ruft er die NEUE zu sich. „Ich lasse die Spieler gegen Ende einer Pause gerne ein bisschen unter sich“, erklärt er bei einem schnellen Kaffee, „die Jungs machen es super, wir müssen uns nur noch mehr zutrauen. Wir brauchen mehr Abschlüsse. Mir gefällt vor allem, dass wir eine echte Mannschaft geworden sind. Jeder kämpft für jeden.“
Der Mittelabschnitt beginnt dann aber mit einem Rückschlag für die Puschnik-Cracks: Wil gleicht 50 Sekunden nach Wiederbeginn aus. Die Gäste werden nun immer stärker. Doch die Puschnik-Cracks, die im echten Leben ganz normale Arbeiter, Angestellte oder Schüler sind, der älteste ist Kapitän Andreas John mit satten 45 Lenzen, stemmen sich mit aller Macht gegen den Rückstand. In der 35. Minute belohnt sich Prättigau-Herrschaft für den Kampfwillen, die Bündner versenken in Überzahl einen Abpraller zum 2:1.

Gastgeber werden stärker
Wil gleicht zwar im Gegenzug aus. Und doch. Beim Saisondominator greift langsam Nervosität um sich: Die Stimmung auf der Gästebank ist angespannt, diese Finalserie verläuft so völlig anders, als man das bei Wil angepeilt hat. 21.19 Uhr. Beim Stand von 2:2 geht es in die zweite Pause. Wieder muss Betreuerin Flurina Camichel Kufen für Heim-Cracks schärfen. Präsident Weber ist angespannt, es ist offensichtlich, dass diese Wiler zu knacken sind, aber eher heute und weniger in einem entscheidenden fünften Spiel auswärts. Dann wäre das Momentum aufseiten des haushohen Favoriten, die hätten dann einen 0:2-Serienrückstand ausgeglichen.
Im Schlussdrittel übernehmen die Gastgeber das Kommando. Nach einem Doppelschlag in der 47. und 51. Minute ist Prättigau-Herrschaft mit 4:2 in Front, die Luft brennt, die Euphorie ist mit Händen greifbar. Wil verkürzt zwar nochmal, doch um 22.08 Uhr ist es amtlich: Gerhard Puschnik ist mit dem HC Prättigau-Herrschaft Ostschweizer Meister geworden.

Meisterfeier
Beim Jubeln hält sich der 59-jährige Feldkircher vornehm zurück, der Feldkircher überlässt den Spielern die Bühne. Sogleich wird ein Transparent ausgerollt, das man für den Fall der Fälle vorbereitet hat. Die Spieler und Funktionäre liegen sich in den Armen, die Zuschauer jubeln, bis nach dem ersten Trubel ein Mannschaftsfoto gemacht werden soll. Allein einer fehlt: Gerhard Puschnik, der zum Meisterfoto fast zu spät kommt, aber so wie damals bei seinem Siegtor im Euroliga-Halbfinale gegen Petra Vsetin ist der Feldkircher dann eben doch rechtzeitig zur Stelle.

Noch ein Titel möglich
Puschnik freut sich über den Titel, mehr noch als für sich selbst freut er sich jedoch für den Verein, die Funktionäre, die Fans, die Region und vor allem die Spieler. Am Donnerstag steht gegen HC Martigny das Finale um die Gesamtschweizer Amateurmeisterschaft an, auch darum bremst Puschnik. „Die Spieler sollen heute feiern, aber danach geht es um den nächsten Titel“, ist Puschnik gleich wieder fokussiert. Wobei genaugenommen für die Spieler am nächsten Tag die Arbeit oder die Schule warten würde. Wie viele den Gang auch wirklich angetreten haben, ist nicht überliefert: Aber die Vorgesetzten haben bestimmt ein Auge zugedrückt. Denn sie haben ein kleines Eishockeywunder geschafft.