Zu Gast im Fahrerlager der weltbesten Boarder

Reportage. Heute um 11 Uhr steht am Montafoner Grasjoch das Snowboardcross-Weltcuprennen an. Die NEUE durfte bei der gestrigen Qualifikation einen exklusiven Blick in das Fahrerlager werfen. Ein Lokalaugenschein in St. Gallenkirch mit privaten Momenten, erstaunlichen Schilderungen und zwei Champions mit viel Wertschätzung füreinander.
Samstag, Grasjochbahn, 9 Uhr. 75 Minuten vor Beginn der Qualifikation für das heutige SBX-Weltcuprennen hat sich die NEUE an der Bergstation eingefunden. Wie vereinbart werden wir nun von Andi mit einem Skidoo, also einem motorbetriebenen Kettenschlitten, zum Start gebracht, der mit 2148 Höhenmeter nochmal rund 170 Meter höher liegt als die Bergstation.
Am Start angekommen treffen wir mit Luca Hämmerle auf den Jüngsten der drei SBX-Hämmerle-Brüder. Luca hat bekanntlich schon seine Karriere beendet, dem Snowboardcross-Sport ist er nach wie vor eng verbunden: Der 29-Jährige hilft als Shaper, was nichts anderes bedeutet, als dass er als Streckenarbeiter beim Kursbau und vor allem den regelmäßig anfallenden Feinarbeiten an der Strecke hilft. Nach den Skicross-Rennen vom Donnerstag galt es den Kurs für die Boardercrosser zu adaptieren. „Außerdem mussten wir nach dem ersten SBX-Training am Freitag die dicht aufeinanderfolgenden Kurven drei und vier etwas umbauen, weil die Kurvenkombination im Detail Schwierigkeiten bereitet hat“, erklärt Luca, der sogleich weiter muss. Die Pflicht ruft.

Vorbereitungen
Im Fahrerlager läuft alles ruhig ab. Die Servicemänner machen die letzten Adaptierungen an den Brettern. Die Fahrer und Fahrerinnen wiederum, die bereits am Berg sind, machen Aufwärmübungen. Manche plaudern noch. 89 Athleten gehen gleich über die Strecke, jeder Verband hat sich rückseitig vom Start ein Plätzchen eingerichtet. Die großen Teams wie die Österreicher, Franzosen oder Amerikaner haben ein Servicezelt als Treffpunkt aufgestellt.
Nach und nach trudeln immer mehr Athleten ein, nun treffen wir mit Gino Hämmerle den ältesten der Hämmerle-Brüder, der als Mediziner wieder die Rolle des Notarztes übernimmt. „Euch treffe ich ja öfter als manche Freunde“, begrüßt uns der 34-jährige Arzt und spricht damit nicht nur an, dass die NEUE bei Izzis Olympiasieg in Livigno sowie Tage später bei dessen Empfang in Gaschurn hautnah dabei war, sondern auch, dass man sich zuletzt auch auf der Straße über den Weg lief.
„Hoffentlich braucht es meine Dienste nicht“, macht Gino Hämmerle einen Ausblick auf die Quali und das Rennen, fügt aber achselzuckend an: „Es ist schnell was passiert beim Snowboardcross.“ Was er meint: Die Steirerin Tanja Kobald zog sich am Freitag im Training einen Schienbeinbruch zu.

Nähkästchen
Es ist 9.27 Uhr. Nun taucht oben am Zweiersessel der Freda-Bahn Doppel-Olympiasieger und Lokalmatador Alessandro Hämmerle am Himmel auf. Im Fahrerlager angekommen ist alles Routine für den Raketenstarter. Hämmerle hat für die Qualifikation Startnummer 14 zugeteilt bekommen, das heißt, er hat noch genügend Zeit. Sein Lauf wird plangemäß gegen 10.30 Uhr anstehen. Wobei erst noch ein Trainingslauf geplant ist. „Das ist der letzte Test, ob das Brett läuft“, offenbart der 32-Jährige und plaudert dann auch etwas aus den Nähkästchen: „Beim Training vor der Quali zögern alle ihren Start hinaus, weil die Strecke bei den ersten Fahrten noch etwas langsamer ist.“ Vergleichbar damit, wenn es in der Formel 1 aufzutrocknen beginnt? „Ja genau, das trifft es“, sagt Hämmerle mit einem verschmitzten Lächeln.
Völlig entspannt erzählt der Montafoner, dass sein Wecker heute um 6.40 Uhr geklingelt hat. Olympia-Bronzemedaillengewinner Jakob Dusek steht unmittelbar daneben und sagt lachend: „Jetzt hättest du irgendwas Cooles sagen können Izzi, wie etwa 3.15 Uhr.“ Beide lachen, dann fügt Hämmerle an: „Ich glaube, Hannes Mayer kennt mich zu gut, als dass er mir das abnehmen würde.“

Mastermind
Jetzt trifft auch ÖSV-Snowboardchef Christian Galler am Start ein. Auch er begrüßt sogleich das NEUE-Team. Man kennt sich seit vielen Jahren, hat viele offizielle und auch mal inoffizielle Gespräche geführt. „Auf euch ist immer Verlass. Ihr seid ja gefühlt immer dabei. Livigno war schon geil, wie Izzi und Jacky das mit Gold und Bronze runtergebracht haben“, spricht’s und verteilt Schokokugeln. „Das hebt die Stimmung“, sagt der Mann, der als Mastermind für die jahrelangen großen Erfolge der ÖSV-Snowboarder verantwortlich ist.
Bei den Spielen in Livigno war Österreich mit zwei Olympiasiegen und insgesamt vier Medaillen die zweiterfolgreichste Nation in der Snowboardsparte. „Was die Basisarbeit betrifft, machen die Top-Nationen keine Fehler mehr. Und selbst bei der Detailarbeit gibt es kaum mehr Unterschiede. Aber ich bin der Meinung, dass auch so Softskills wie die Stimmung untereinander eine Rolle spielen“, erklärt Galler.
Womit er auf die WM 2025 in St. Moritz zu sprechen kommt, als Dusek und Hämmerle im Finallauf bis vor der Zielkurve führten, Dusek dann aber bei Izzis Überholmanöver Kampflinie fuhr. Statt Gold und Silber für Österreich wurde es so „nur“ Bronze für Hämmerle – und für Dusek blieb nur Blech.
„In manchen Teams wäre das vielleicht zu einem Problem geworden, aber da ist nichts übrig geblieben, auch wenn sich die beiden im stillen Kämmerlein anfangs sicherlich geärgert haben. Nur, so ist der Rennsport, und das wissen die beiden auch. Bei Olympia haben sie es dann ja viel besser gelöst, und da war es noch viel wichtiger“, bringt es Galler auf den Punkt.

Nur bei uns
9.40 Uhr. Wie von Hämmerle prophezeit, reihen sich nun am Start kurz vor Ende der Trainingszeit wie an einer Perlschnur aufgezogen die Boarder auf, alle wollen noch einen Lauf absolvieren. Jetzt kommt auch ÖSV-Pressesprecher Karlheinz Wieser im Startbereich an. „Das ist ja unglaublich, jetzt seid ihr schon am Start heroben dabei“, begrüßt er das NEUE-Team. „Das gibt’s wirklich nur bei euch und hier im Montafon.“ Sogleich erzählt Galler, dass nach der Qualifikation nicht mehr viel an Programm ansteht heute. Das Team zieht sich im Hotel Zimba in Schruns auf die Zimmer zurück, um 18 Uhr steht im Dorf die Fahrer- und Heatpräsentation in der Markthalle in St. Gallenkirch an. Izzi Hämmerle ist übrigens kein Heimschläfer, auch der Lokalmatador ist im Hotel Zimba untergebracht – es gilt, im Vorbereitungsrhythmus zu bleiben.
10.05 Uhr, Zielgelände. In zehn Minuten beginnt die Qualifikation. Stadionsprecher Christian Speckle, Projektleiter der Weltcup-Woche sowie der WM 2027 im Montafon, hat mit der Moderation begonnen, wobei für die Quali nicht gar so viele Fans den Weg aufs Grasjoch gefunden haben. Ein paar Deutsche sind auszumachen und auch der ein oder andere Freund von Izzi. Die Eltern Caterina und Hanno Hämmerle müssen verzichten.

Bindung
10.15 Uhr, die Quali beginnt. Die erste große Überraschung ist, dass Lucas Eguibar, Weltmeister des Jahres 2021, mit Startnummer vier seinen Lauf völlig verpatzt – er kommt mit fast zwei Sekunden Rückstand ins Ziel. Damit ist jetzt schon klar, dass der Iberer einen zweiten Qualifikationslauf bestreiten muss, denn nur die schnellsten 20 sind bereits nach dem ersten Lauf für das Weltcuprennen qualifiziert. Mit Startnummer fünf gelingt Senkrechtstarter Aidan Chollet eine famose Bestzeit, die drei Minuten später der zweifache olympische Silbermedaillengewinner Eliot Grondin egalisiert: Beide bewältigen die 1015 Meter lange Strecke in 53,66 Sekunden.
Mit Startnummer zehn gelingt dem Weltcupführenden Adam Lambert nur eine solide Fahrt, ehe Jonas Chollet, der noch jüngere der beiden Cholet-Brüder, er ist 17, eine souveräne Bestzeit fährt. Er ist fast eine halbe Sekunde schneller als alle anderen. Jetzt ist Alessandro Hämmerle an der Reihe. Der Doppel-Olympiasieger riskiert augenscheinlich nicht alles, seine Zeit von 53,87 Sekunden bedeuten Platz vier. Wie gut diese Zeit ist, offenbart sich gleich anschließend, als Izzi schmunzelnd erzählt: „Ich musste vor der ersten Kurve die Bindung wieder zu machen.“ Bitte was? „Ja, anders als im Training bin ich die Startgerade voll gefahren, der erste Sprung ging etwas zu weit und durch die harte Landung ist die Bindung aufgegangen. Ich hatte ungefähr eine Sekunde Zeit, die Bindung wieder zu schließen, der Handgriff hat gepasst, aber klarerweise habe ich da Zeit verloren.“ Hämmerle muss selbst laut lachen, denn dass er da ein paar Zehntel liegen gelassen hat, ist ja wohl nur Nebensache. „Ganz ohne war das natürlich nicht, aber es bringt ja nichts, die Nerven wegzuschmeißen.“

Zwei Champions
Dann gesellt sich Eliot Grondin zu Hämmerle. Man müsste meinen, dass Izzi für den Kanadier der personifizierte Albtraum ist, hat Grondin doch zwei Mal im Fotofinish Olympiagold an Hämmerle verloren. Doch die beiden feixen, sprechen über den Kurs, das Wetter und sind damit wahrlich Vorbilder dafür, wie Rivalität geht: Auf der Strecke wird um jeden Millimeter gekämpft, im Ziel zählt das Verbindende. Dazu passt auch, dass die beiden unter der Woche zusammen mit Lucas Eguibar und Adam Lambert in Braz Golfen waren. „Das war sehr lustig“, betont Grondin, der nochmal auf die beiden so engen Zieleinläufe bei den Spielen 2022 in Secret Garden und 2026 in Livigno zu sprechen kommt: „2022 war es wirklich knapp, aber dieses Mal war es gar nicht so eng?“, fragt der amtierende Weltmeister lächelnd seinen zweifachen Bezwinger bei Olympia. „Es war sicherlich deutlicher als vor vier Jahren, aber was heißt schon deutlich“, scherzt Izzi gestenreich.

Grondin adelt Izzi
Nun, in Livigno schien es tatsächlich auch in Realgeschwindigkeit klar, dass Hämmerle gewonnen hat – und Grondin wirkte so, als ob er das auch sofort realisiert hätte. „Ja, das war so“, bestätigt er. Und Hämmerle legt nach: „Es war sogar so, dass Eliot meine letzten Zweifel beseitigt hat.“ Was für zwei große Sportler, so offen und ohne jeden Rivalitätsgedanken über einen solch epochalen Moment in ihrer Karriere zu sprechen. Für Hämmerle ist das freilich einfacher, aber Grondin fehlt in Summe wohl kein halber Meter auf zwei Olympiasiege.
Auf die augenzwinkernde Frage, ob er denn keine Mordgelüste hätte, wenn er an Izzi denke, sagt der 24-Jährige: „Izzi ist so ein großer Sportler. Ich hoffe, ihr wisst das alle. Natürlich hätte ich lieber Gold gewonnen. Aber er war beide Male einfach besser. Ich habe das in Livigno vor dem Rennen zu seiner Mama gesagt und ich sage es jetzt wieder: Wenn mich bei Olympia einer schlägt, dann soll es bitte Alessandro sein. Er ist eine Legende.“ Hämmerle rühren die Worte, er gibt Grondin einen freundschaftlichen Klapps, und als ob Grondin dem Moment die Schwere nehmen will, schickt der zweifache SBX-Weltcupsieger lachend nach: „Aber Weltmeister bist du noch nicht. Ich schon.“
Derweil schafft es der andere Vorarlberger Teilnehmer, der Bürser Elias Leitner, im ersten Qualilauf nicht unter die ersten 20, weil Leinter im zweiten Lauf stürzt, qualifiziert er sich nicht für das Weltcuprennen. Es ist nun 11 Uhr vorbei, jetzt löst sich so langsam die Szenerie auf. Die drei Hämmerle-Brüder sind zum Mittagessen bei ihren Eltern eingeladen. Als Vorspeise gibt es Spargel mit Butter, Parmesan und pochiertem Ei, als Hauptspeise Wiener Schnitzel mit Petersillkartoffeln und der süße Abschluss ist ein spezieller Nusszopf – ein Russenzopf. Nach dem Familienessen bleibt Hämmerle Zeit, um sich mit seiner besseren Hälfte Julia zu treffen, ehe dann mit der Fahrerpräsentation eben wieder ein offizieller Termin ansteht. Um 19 Uhr wartet das Abendessen auf das ÖSV-SBX-Team. Zur Auswahl stehen Gemüselaibchen oder Hackbraten. Aber gut: Was heißt hier oder. „Die männlichen Boarder haben einen hohen Kalorienbedarf, die verdrücken teilweise beide Hauptgänge, das war auch am Freitag so, da gab es Wiener Schnitzel oder Käsknöpfle“, berichtet ÖSV-Snowboardboss Galler. Tagesschlusspunkt ist eine Teambesprechung, bei der Videomaterial gesichtet wird. „So um 21.30 Uhr herum lege ich mich schlafen“, erzählt Hämmerle.

Ausblick
Und heute? Izzi blickt voller Vorfreude auf das Rennen voraus: „Die Startsektion liegt mir, ideal wäre, wenn ich als Führender in die dritte Kurve gehe – und dann schauen wir mal, was sich ausgeht.“ Fünf Mal schon hat er sein Heimrennen gewonnen, heute ab 11 Uhr peilt Izzi den sechsten Triumph an. Nächstes Jahr steht am Grasjoch der WM-Bewerb an. Aber so weit ist es noch lange nicht.