„Frau Gräve, was können wir tun?“

Interview. Die Nichtverlängerung des Vertrags von Landestheater-Intendantin Stephanie Gräve sorgt für Diskussionen. Im Gespräch mit der NEUE redet sie über Publikumsreaktionen, Kritik am Entscheidungsprozess und ihre Erwartungen an Politik und Aufsichtsrat. Der Protest kann über die untenstehende Online-Petition unterstützt werden.
Wie haben Sie trotz Ihrer Enttäuschung die „Blaubart“-Premiere in Ihrem Haus erlebt? Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?
Stephanie Gräve: Ich bekomme extrem positives Feedback oder sagen wir eigentlich negatives Feedback auf die Situation. Das ist nicht nur bei der Premiere so gewesen, wo es auch eine kleine Kundgebung gab, sondern wir werden mit Mails bombardiert. Die Leute sind entsetzt und wollen etwas tun. Ich war am Samstag bei der Eröffnung von „Bregenzer Frühling“. Ich bin fast nicht hinausgekommen, weil mich wildfremde Menschen angesprochen haben und gesagt haben: „Frau Gräve, das ist unverständlich, das geht nicht, was können wir tun? Die Verärgerung und Enttäuschung darüber ist groß.“ In irgendeiner Form ist uns hier etwas Besonderes gelungen. Das ist eine Kombination aus meinem persönlichen Engagement, der künstlerischen Qualität und vor allem dem jungen Ensemble. Es gibt einen hohen Identifikationsgrad mit diesen jungen Menschen auf der Bühne. Das Publikum weiß sehr wohl, dass hier nicht einfach eine Intendantin ausgewechselt wird und das Theater gleich weiterläuft. Dieses Theater ist mein Team, mein Konzept, meine Form zu kommunizieren und meine Netzwerke an Künstlern. Wenn jemand sagt, dann kommt halt jemand anderes, dann stimmt das zwar formal. Aber natürlich wird sich vieles ändern, gerade bei einem kleinen Haus, das stark mit einer Person verbunden ist.
Sie können trotz schwieriger Rahmenbedingungen erfolgreiche Zahlen vorweisen. Trotzdem wird die Entscheidung mit dem Argument begründet, nach zehn Jahren seien neue Impulse nötig. Welche Begründung haben Sie konkret erhalten?
Gräve: Eine andere Begründung habe ich nicht bekommen. Jetzt gab es diese Aussendung der Betriebsgesellschaft. Aber im Kern ist es das Argument: Nach zehn Jahren ist die Zeit für einen Wechsel. Wenn man in andere Häuser schaut: Johannes Reitmeier in Innsbruck entschied sich in der dritten Periode für seinen Weggang. Carl Philip von Maldeghem in Salzburg ist seit 2009 im Amt. Hermann Schneider in Linz wurde in die dritte Periode verlängert, weil eine Sanierung anstand. Damit wollte man Stabilität sichern. Genau das frustriert mich. Ich habe sehr für die Sanierung dieses Hauses gekämpft. Wir sind ein kleines Theater, für uns bedeutet das enormen Aufwand. Die Sanierung wurde dreimal verschoben. Jetzt haben wir sie erfochten. Danach eröffnen wir mit verkürzter Spielzeit und vielen Unsicherheiten. Und dann soll ich gehen? Mitten im Umbruch, wo Stabilität das Gebot der Stunde wäre? Das empfinde ich als Missachtung unserer Arbeit.

Hatten Sie selbst einen Vorschlag zur Verlängerung eingebracht?
Gräve: Ja. Nachdem klar war, dass die Sanierung 2026/27 kommt, habe ich im Juni 2024 Barbara Schöbi-Fink um ein Gespräch gebeten. Ich habe vorgeschlagen, den Vertrag bis 2030 zu verlängern. Es ging nicht um eine komplette weitere Periode. Mein Wunsch war eine Verlängerung bis 2030. Das hat auch mit meinem Alter zu tun. Ich habe mir vorgestellt, kurz vor der Pension nach Deutschland zurückzugehen. Ich halte das für einen verantwortungsvollen Umgang mit diesem Haus. Auch für das Publikum wäre das sinnvoll gewesen. Wir verlieren durch die Sanierung Publikum. Der Wiederaufbau funktioniert am besten mit einem Team, dem die Menschen vertrauen.
Wie fiel die Reaktion aus?
Gräve: Man sagte mir damals, es sei viel zu früh. Danach gab es zwischen Juni 2024 und jetzt keinen Termin mehr. Bei meiner ersten Verlängerung gab es mehrere Gespräche. Dieses Mal gab es gar keine. Deshalb war ich so schockiert. Ich habe auch nicht wirklich damit gerechnet, dass diese zwei Jahre abgelehnt werden.

In der Aussendung heißt es, Sie seien informiert worden.
Gräve: Ja, am Dienstag von 14 bis 16 Uhr. Um 16.03 Uhr ging die Meldung raus. Das war das Gespräch. Ich habe einen Satz aus der Mitteilung entfernen lassen. Dort stand, dass ich die Nachfolge übergeben werde. Ich habe gesagt: Vielleicht bewerbe ich mich ja.
Sie durften also auch die Belegschaft nicht selbst informieren?
Gräve: Nein. Ich habe darum gebeten, mit der Veröffentlichung warten, damit ich eine Hausversammlung einberufen kann. Das ist üblich. Man war nicht dazu bereit. Ich hatte zufällig um 17 Uhr ohnehin ein Ensembletreffen und habe den Wunsch geäußert, diese eine Stunde abzuwarten. Als ich das Landhaus verlassen habe, war die Mail bereits draußen. Das empfinde ich als respektlos.
Sie sind bekannt für klare politische Stellungnahmen. Glauben Sie, dass diese Rolle bei der Entscheidung eine Rolle gespielt hat?
Gräve: Ich glaube eher, dass man das Narrativ kontrollieren wollte. Es ist üblich, dass die Intendantin eine solche Meldung selbst kommuniziert. Der eigentliche Punkt ist: Eine Entscheidung gegen den Wunsch des Publikums zu treffen, ist eine falsche Entscheidung. Es gibt ja keine Begründung außer den zehn Jahren. Unsere Arbeit zeichnet eine große Bandbreite aus. Wir machen gesellschaftskritisches Theater, aber auch Produktionen, die einfach Freude bereiten.
Wie arbeiten Sie weiter, obwohl Ihr Vertrag nicht verlängert wird?
Gräve: Natürlich werde ich meine Arbeit nicht vernachlässigen. Ich liebe die Kunst und das Publikum. Aber ein Teil meiner Tätigkeit war auch, strukturelle Probleme anzusprechen und öffentlich für Verbesserungen zu kämpfen. Ich habe etwa immer wieder auf die baulichen Probleme hingewiesen. Ob ich diesen Kampf in derselben Form weiterführen kann, weiß ich nicht. Wir haben außerdem strukturelle Fragen. 90 Prozent unserer Landesförderung gehen in Personalkosten. In den vergangenen drei Jahren sind die Personalkosten um 20 Prozent gestiegen. Zur Wiedereröffnung nach der Sanierung brauchen wir eine neue Strategie. Weniger Produktionen? Andere Spielweisen? Diese Fragen wollte ich gemeinsam mit dem Land besprechen.
Unter welchen Umständen würden Sie sich für die Intendanz erneut bewerben?
Gräve: Mein Wunsch wäre, dass ich mich gar nicht bewerben muss, sondern dass es neue Gespräche gibt und diese zweijährige Verlängerung bis 2030 beschlossen wird. Das wäre auch für einen Übergang sinnvoller.

Der Rückhalt von Publikum und Kulturszene ist groß. Wie erleben Sie diese Solidarität?
Gräve: Ich habe unglaublich viele Zuschriften bekommen. Viele Menschen treten sogar aus dem Verein der Theaterfreunde aus Protest aus. Damit verlieren wir tatsächlich Geld. Bei der Premiere standen Menschen mit Schildern im Theater. Das hat mich sehr gerührt. Natürlich ist es unangenehm zu sehen, dass die Entscheidung offenbar etwas mit mir als Person zu tun hat. Aber der Protest hat ebenfalls mit mir als Person zu tun. Das ist ein kleiner Trost.
„Bei der Premiere standen Menschen mit Schildern im Theater.
Stephanie Gräve
Das hat mich sehr gerührt.“
Online-Petition
„We Stand With Stephanie“
Kurz nach Bekanntgabe der „Hiobsbotschaft“ für die beliebte Intendantin formierte sich eine breite Welle der Solidarität für Stephanie Gräve. Wer sich dem Protest gegen die Nichtverlängerung ihres Engagements anschließen möchte, findet unter folgendem Link eine Online-Petition:
openpetition.eu/!westandwithstephanie