_Homepage

Ukraine-Vertriebene in Vorarlberg: “Solidarität ist noch da, aber sie ist merklich abgekühlt”

21.03.2026 • 10:05 Uhr
Michael Rünzller plus Familie aus der Ukraine
Michael Rünzler leitet bei der Caritas Vorarlberg die Flüchtlingshilfe. cvfh

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine geht bereits ins fünfte Jahr. Die Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg betreut derzeit rund 850 geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Leiter Michael Rünzler spricht im Interview über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven.

Die Caritas betreut aktuell rund 850 Personen im Auftrag des Landes. Was bedeutet das konkret in der täglichen Arbeit?
Michael Rünzler: Die Unterstützung unterscheidet sich nicht wesentlich von jener für Klienten anderer Herkunftsländer. Die Menschen erhalten bei uns eine Unterkunft, finanzielle Leistungen für den Lebensunterhalt – sofern sie nicht erwerbstätig sind – sowie psychosoziale Betreuung und Beratung. Durch den Status als „Vertriebene“ sind bei ukrainischen Staatsbürgern teilweise auch andere Systempartner zuständig, etwa beim Thema Deutschkurse, die über den Österreichischen Integrationsfonds laufen.

Der Höchststand lag im April 2023 bei über 1000 Personen. Warum sinkt die Zahl nur langsam?
Rünzler: Die absolute Zahl verschleiert die große Dynamik in diesem Bereich. In den vergangenen Jahren haben wir viele Menschen neu aufgenommen, gleichzeitig sind aber auch viele wieder ausgezogen. Im Idealfall ist die Caritas-Flüchtlingshilfe nur eine Zwischenstation. Viele Ukrainer finden nach einiger Zeit eine Beschäftigung und können sich dann auch eine eigene Wohnung leisten. Andere ziehen in andere Bundesländer oder Staaten weiter oder kehren in die Ukraine zurück. Aktuell betreuen wir aber auch vermehrt Personen, die nicht mehr im erwerbsfähigen Alter oder gesundheitlich eingeschränkt sind und daher länger Unterstützung benötigen. Zudem wurden die von der ORS betriebenen Quartiere in Nenzing und Gaschurn geschlossen. Viele dieser Bewohner wurden von uns übernommen.

Ukraine-Vertriebene in Vorarlberg: "Solidarität ist noch da, aber sie ist merklich abgekühlt"
Michael Rünzler im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. neue

Mit welchen Personengruppen haben Sie bei den Ukraine-Vertriebenen konkret zu tun?
Rünzler: Das ist eine sehr gemischte Gruppe: Frauen, Männer, Familien, über 200 Kinder – viele davon mit nur einem Elternteil – sowie knapp 200 Personen im Alter von 60 Jahren oder älter.

Rund zwei Drittel der Ukrainer leben privat. Wie funktioniert diese Unterbringung?
Rünzler: Hier kann ich nur eingeschränkt Auskunft geben. Ein Teil wohnt vermutlich sehr günstig, getragen von der Solidarität der Gesellschaft, und kann sich mit Grundversorgung und Familienbeihilfe eine Wohnung leisten. Der überwiegende Teil ist jedoch auf den regulären Wohnungsmarkt angewiesen und das funktioniert in Vorarlberg meist nur in Kombination mit einer Erwerbstätigkeit.

Ukraine-Vertriebene in Vorarlberg: "Solidarität ist noch da, aber sie ist merklich abgekühlt"

Wie sieht es bei der Integration aus?
Viele ukrainische Geflüchtete sind sehr bemüht, Deutsch zu lernen, auch wenn man in Vorarlberg mit Englisch relativ weit kommt. Wenn es ihre Ausbildung und ihre Lebensumstände – etwa Kinderbetreuung – zulassen, gehen viele einer Arbeit nach. Durch den erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt und zusätzliche Möglichkeiten, die anderen Gruppen verwehrt bleiben, gelingt Integration insgesamt leichter. Auch wenn sich das schwer pauschalisieren lässt, habe ich bei vielen den Eindruck, dass sie hier eine neue Heimat gefunden haben und langfristig bleiben möchten.

Gibt es typische Hürden beim Einstieg in den Arbeitsmarkt?
Rünzler: Die erste Hürde ist meist die Sprache. Teilweise erschweren auch fehlende Ausbildungen oder mangelnde Möglichkeiten zur Anerkennung vorhandener Qualifikationen den Einstieg.

Aufenthaltsrecht Ukraine-Vertriebene

Laut UNO-Flüchtlingshilfe sind weltweit rund 5,9 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aufgrund des russischen Angriffskriegs, der bereits ins fünfte Jahr geht, auf der Flucht. In Österreich leben mehrere Zehntausend von ihnen, in Vorarlberg werden aktuell rund 850 Personen von der Caritas-Flüchtlingshilfe im Auftrag des Landes betreut. Das entspricht etwa einem Drittel der ukrainischen Kriegsflüchtlinge im Land, während gut zwei Drittel privat untergebracht sind. Aufgrund der EU-Massenzustrom-Richtlinie haben sie einen besonderen Rechtsstatus, der sich von klassischen Asylverfahren unterscheidet.
Das vorübergehende Aufenthaltsrecht wurde in Öster­reich bis 4. März 2027 verlängert und durch den „Ausweis für Vertriebene“ dokumentiert. Seit Oktober 2024 besteht unter bestimmten Voraussetzungen – etwa bei ausreichender Beschäftigungsdauer und Deutschkenntnissen – die Möglichkeit, auf die Rot-Weiß-Rot-Karte plus zu wechseln. Ein reguläres Asylverfahren ist nicht erforderlich, wodurch Betroffene rasch Planungssicherheit erhalten.
Vertriebene aus der Ukraine haben freien Zugang zum Arbeitsmarkt, ohne zusätzliche Genehmigung durch das AMS. Bei Erwerbstätigkeit oder AMS-Vormerkung besteht Anspruch auf Familienleistungen, zudem können sie ihren Wohnsitz frei innerhalb Österreichs wählen. In der Krankenversicherung gilt seit Mai 2025: Der Schutz ist an Grundversorgung oder Erwerbstätigkeit gebunden.

Wie erleben Sie das gesellschaftliche Klima gegenüber ukrainischen Geflüchteten?
Rünzler: Die Stimmung hat sich seit Beginn des Krieges spürbar verändert. Anfangs gab es eine beeindruckende Welle der Solidarität. Mittlerweile ist diese durch institutionelle Erschöpfung, die lange Dauer des Krieges sowie andere gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastungen merklich abgekühlt. Sie ist aber nach wie vor vorhanden.

Rechnen Sie damit, dass viele Ukrainer dauerhaft in Vorarlberg bleiben werden?
Rünzler: Meine sehr vorsichtige persönliche Einschätzung ist, dass etwa ein Drittel dauerhaft bleiben möchte, ein Drittel nach Kriegsende in die Ukraine zurückkehren würde und es beim verbleibenden Drittel stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt.

Ukraine-Vertriebene in Vorarlberg: "Solidarität ist noch da, aber sie ist merklich abgekühlt"

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Land Vorarlberg?
Rünzler: Da wir unsere Aufgaben in der Flüchtlingshilfe im Auftrag des Landes Vorarlberg durchführen, ist eine gute Zusammenarbeit unerlässlich. Wir pflegen sowohl mit Landesrat Daniel Allgäuer als auch mit den zuständigen Mitarbeitern in der Verwaltung eine sehr gute Zusammenarbeit und stehen in regelmäßigem Austausch.

Was wünschen Sie sich von der Landespolitik?
Rünzler: Ich wünsche mir, dass wir die sehr gute Zusammenarbeit weiterführen können. Außerdem wäre es wichtig, weiterhin mit bewährten, an die Gegebenheiten in Vorarlberg angepassten Systemen und Prozessen arbeiten zu dürfen – unabhängig davon, welche Ansätze in anderen Bundesländern verfolgt werden.

Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf?
Rünzler: Derzeit liegt unsere größte Herausforderung im strukturellen Rückbauprozess darin, die Qualität bestmöglich aufrechtzuerhalten.


Befürchten Sie angesichts internationaler Krisen neue Fluchtbewegungen?
Rünzler: Ich würde es nicht wagen, dazu eine Prognose abzugeben. Die Zahl geflüchteter Menschen ist weltweit zwischen 2015 und 2024 laut UN kontinuierlich gestiegen und war 2025 erstmals leicht rückläufig. Unabhängig von aktuellen Konflikten gibt es weltweit viel Not und Leid, welche zu Fluchtbewegungen führen können. Wie viele Menschen letztlich nach Österreich oder Vorarlberg kommen, hängt von sehr vielen Faktoren ab.

Russia Ukraine War
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht bereits in das fünfte Jahr. Auf dem Foto: Löscharbeiten nach einem Raketenangriff. afp

Wäre Vorarlberg bzw. die Caritas darauf vorbereitet?
Rünzler: Nur eingeschränkt. Wir können uns schwer auf etwas vorbereiten, von dem wir nicht wissen, ob und wie schnell es eintritt. Aktuell schließen wir aufgrund sinkender Zahlen viele Quartiere, wobei unklar ist, wie viele davon im Bedarfsfall wieder aktiviert werden könnten. Unsere Organisationseinheit ist jedoch so ausgelegt, dass sie bei Bedarf rasch wachsen und auch wieder reduziert werden kann, wie es derzeit der Fall ist. Zudem halten wir wichtige Quartiere mit einer entsprechenden Grundkapazität möglichst langfristig.

Zum Abschluss: Wie sehr hat sich die Flüchtlingsarbeit der Caritas Vorarlberg in den letzten Jahren verändert?
Rünzler: Eigentlich gar nicht so sehr. Wir kümmern uns um geflüchtete Menschen in Vorarlberg und das unabhängig von ihrer Herkunft sowie ob sie ein Asylverfahren durchlaufen müssen oder als Kriegsvertriebene eingeordnet werden.