Walch steht für Zukunft bei Rheintal Future

Fast zwei Jahrzehnte arbeitete der Lecher Toni Walch (57) bei Salzburg im Nachwuchs, zehn Jahre davon war er auch beim ÖEHV tätig. Ab 1. Mai steigt der renommierte Fachmann beim Nachwuchsprojekt Rheintal Future ein. Exklusiv die Hintergründe.
Über 500 Kinder trainieren und spielen bei Rheintal Future. Ab der U12 in gemeinsamen Auswahlteams, davor in Eishockeyschulen bis zur U9 bei den Rheintal-Future-Klubs EHC Lustenau, Dornbirner EC, SC Samina Hohenems, SC Rheintal in Widnau sowie dem Juniorpartner EHC Hard. Zusammen stemmen die fünf Vereine für das gemeinsame grenzüberschreitende Nachwuchsprojekt ein Budget von knapp einer Million Euro. 103 (!) Trainer und Betreuer umfasst das Rheintal-Future-Programm. Ab Mai kommt ein 104. hinzu: Nachwuchstrainer-Koryphäe Toni Walch. Der Lecher hat knapp zwei Jahrzehnte lang bei Red Bull Salzburg im Nachwuchs gearbeitet und war zusätzlich von 2006 bis 2016 beim ÖEHV im Nachwuchsbereich tätig.
Neuanfang
Für die NEUE trafen sich Christoph Schwendinger und Alex Götze von den Bulldogs, Ralph Kessler vom EHC Lustenau und eben Toni Walch bereits fünf Wochen vor Walchs Amtsbeginn im Dornbirner Messestadion, um über die gemeinsame Zusammenarbeit zu sprechen. „Ich habe mich aus privaten Gründen dazu entschieden, Salzburg nach 18 Jahren zu verlassen und wieder heim nach Lech zu kommen“, erklärt der renommierte Nachwuchstrainer zu Beginn des Gesprächs, der im Sommer 58 wird und betont: „Ich wollte im Eishockeybereich bleiben und war offen für einen Neuanfang.“
An Möglichkeiten hat es dem Arlberger nicht gemangelt, dennoch war es ganz einfach für ihn, sich für ein Engagement bei Rheintal Future zu entscheiden. Der Erstkontakt entstand, weil Walch eine Dornbirner Vergangenheit hat: 2002/03 trainierte er die DEC-Nationalligamannschaft, der heutige Bulldogs-Obmann Christof Schwendinger stand damals im Tor.
Danach war Walch drei Jahre lang U20-Trainer bei den Bulldogs, ehe er dann eben nach Salzburg ging. „Ich bin über all die Jahre hinweg immer in Kontakt mit Christof Schwendinger geblieben. Das war mein Anknüpfungspunkt zum Projekt Rheintal Future. Als ich dann in diesem Winter bei dem ein oder anderen Training dabei war, hat mich die positive Energie beeindruckt, die bei Rheintal Future herrscht. Mir war schnell klar, wie viel Potenzial das Projekt hat. Die Kinder wollen Eishockey spielen, was selbstverständlicher klingt, als es ist, die Trainer sind engagiert, es wird visionär gedacht – das lässt Raum für Ideen und Entwicklung.“

Philosophie
Walch wird Development-Coach bei Rheintal Future und soll eine übergreifende Trainings-Philosophie etablieren. Das heißt, Walch wird vor allem die Trainer coachen und dabei nicht kurzfristige, sondern perspektivische Ansätze verfolgen. Ralph Kessler, er ist beim EHC Lustenau verantwortlich für Rheintal Future, erklärt Walchs Tätigkeitsfeld: „Rheintal Future ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Mit Toni konnten wir einen anerkannten Eishockey-Fachmann gewinnen, der neue Trainingsansätze einbringen wird und unsere Ausbildungsphilosophie schärft. Natürlich arbeiten wir schon jetzt konzeptionell, aber dadurch, dass das Projekt eine solche Größe erreicht hat, braucht es einen Verantwortlichen, der die Gesamtkoordination übernimmt. Toni wird mit seinem Fachwissen und seiner Erfahrung die Gesamtentwicklung mitverantworten.“
Walch will vor allem noch mehr Augenmerk auf das Eislaufen legen. „Das Eislaufen ist das Um und Auf für uns Europäer, allerdings wird generell viel zu früh viel zu sehr auf Skills-Training gesetzt. Damit geht der Spaß verloren, diese Skills-Trainings haben unbestritten einen gewissen Drill-Charakter.“ Walch will diesem allgemeinen Eishockey-Trend entgegenwirken und bei Rheintal Future noch mehr den Spaß in den Vordergrund rücken. „Die Kinder sollen Freude am Spiel haben, sich viel auf dem Eis bewegen, mit der vielen Spielzeit entwickeln sie dann nicht nur eine Spielkompetenz, sondern auch ihre eisläuferischen Fähigkeiten entwickeln sich dabei spielerisch.“ Zudem will Walch mit diesem Ansatz die Kinder körperlich auf ein höheres Niveau bringen.
„Natürlich gehört das Off-Ice-Training zum Eishockey dazu, aber ich bin der Meinung, dass du in jungen Jahren dem Krafttraining nicht zu großen Raum im Trainingsalltag geben darfst. Krafttraining ist harte Arbeit, harte Arbeit macht keinen Spaß. So verlierst du Kinder. Mein Ansatz ist, dass Kinder durch eine hohe Eislaufdauer auch körperlich zulegen. Die intensiven Krafteinheiten kommen noch früh genug.“ DEC-Obmann Schwendinger sagt: „Unser Ziel ist, dass die starken eisläuferischen Fähigkeiten ein Markenzeichen der Spieler sind, die der Rheintal-Future-Schule entstammen.“

Entwicklung
Bei Rheintal Future verfolgen sie bei der Entwicklung der Spieler mehrere Ansätze. Grundsätzlich wollen die fünf Vereine so viele Kinder wie möglich weg vom Bildschirm und hin zum Sport bringen. „Ein wichtiger Aspekt von Rheintal Future ist der Breitensport-Charakter“, weiß Kessler vom EHC Lustenau, „und aus dieser Breite entwickelt sich dann eine Spitze“, vervollständigt Schwendinger die Ausrichtung: „Wir haben uns einen sehr guten Namen im Eishockey gemacht. Vereine wie Davos, Kloten, Rapperswil, KAC oder Salzburg haben unsere besten Talente verpflichtet. Das zeigt, dass wir sowohl in der Breite als auch in der Spitze gute Arbeit leisten. Aber gut ist uns nicht gut genug.“
Toni Walch war beim DEC noch U20-Coach, als die Bulldogs im Jahr 2005 eine Nachwuchskooperation mit dem SC Rheintal gründeten. Bereits davor wurde schon eine Spielgemeinschaft mit dem SC Hohenems gegründet. Vor drei Jahren stieß der EHC Lustenau dazu – es war die Geburtsstunde des Rheintal Future. 2024 stieg dann auch der EHC Hard als Juniorpartner ein. Die Zusammenlegung der Kader der fünf Rheintal-Future-Vereine beginnt ab der U12, wo aktuell aus rund 70 Spielern drei Teams geformt wurden.

Spielbetrieb
Ab der U14 nehmen die fünf Vereine als Rheintal Future am Schweizer Spielbetrieb teil, der im Nachwuchs in die drei Leitungsstufen Elite (Kategorie 1), Top (Kategorie 2) und A (Kategorie 3) gegliedert ist. Bei der U14 stellt Rheintal Future in allen drei Leistungsstufen ein Team, bei der U16 in zwei Klassen, bei der U18 sowie der U21 in je einer Leistungsstufe. Macht in Summe sieben Teams, zudem kommen die Spieler bei den ÖEL-Teams Dornbirn, Hohenems und Lustenau zum Einsatz.
Perspektivisch wäre es keine Überraschung, wenn entweder die Dornbirner, die 2022 aus der ICE-Liga ausstiegen oder die Lustenauer, die sich 2024 aus der Alps Hockey League zurückzogen, ins Profieishockey zurückkehren. Trainiert wird bei Rheintal Future vier Mal wöchentlich, zusätzlich bietet der EHC Lustenau ein Mal wöchentlich freiwilliges Frühtraining an, das, man glaubt es kaum, um 6 Uhr in der Rheinhalle beginnt – und trotzdem mit großer Begeisterung von rund 40 Kids und Jugendlichen angenommen wird. Teilnehmen dürfen Nachwuchsspieler von den Altersstufen U14 bis U21, „wobei“, wie Ralph Kessler vom EHC Lustenau betont, „wir aufgrund der großen Nachfrage inzwischen sogar schon die ersten U12-Spieler zulassen“.
Walch begeistert das Konzept von Rheintal Future: „Solche Modelle sind beispielgebend. Das Konzept wird sich in vielen Regionen durchsetzen, weil du gemeinsam viel stärker bist, als wenn du als Einzelkämpfer einem längst überholten Kirchturmdenken nachhängst. Es gab Zeiten, da stellte die Dornbirner Nachwuchsschule die halbe österreichische Eishockeynationalmannschaft. À la longue wollen wir mit Rheintal Future einen ähnlichen Boom in Vorarlberg auslösen und eine ähnliche Bedeutung im österreichischen Eishockey bekommen. Das geht nur mit einem Bündeln der Kräfte.“

Veränderte Sachlage
In den vergangenen Jahren hat die Breite an Vorarlberger Eishockeyprofis deutlich abgenommen. Auch das ist ein Grund, warum zuletzt die heimischen Profiteams keine große Rolle mehr im österreichischen Profihockey mehr spielten. Dass die besten Vorarlberger zu größeren Klubs ins In- und Ausland wechselten, war auch schon vor fünf, zehn oder zwanzig Jahren so. Nur blieben damals noch deutlich mehr und besser talentierte Vorarlberger für die heimischen Klubs übrig als heute. Noch in der Saison 2020/21 hatten die Dornbirner mit Jannik Fröwis, Stefan Häusle, Kevin Macierzynski, Ramón Schnetzer, Simeon Schwinger und Daniel Woger einen starken Vorarlberger Stamm, Julian Metzler war bei Dornbirns seinerzeitigen Kooperationsklub EC Bregenzerwald auf dem Sprung in die ICE Hockey League. Heute bei den Pioneers füllen die einheimischen Spieler fast nur mehr den Kader auf oder sind im Herbst ihrer Karriere angelangt. Ein Versprechen für die Zukunft sind nur Luca Erne und Marlon Tschofen.
„Mehr Breite bekommen wir nur, wenn wir bei der Nachwuchsförderung zusammenarbeiten“, weiß Schwendinger. „Das bedeutet nicht, dass du die eigene Identität aufgibst. Zwischen den Kampfmannschaften herrscht natürlich noch Rivalität. Da sind wir die Dornbirner, die Lustenauer die EHCler, die Emser der SC Hohenems. Aber bei der Nachwuchsausbildung sind wir ein starkes Team.“
Belastungspyramide
Rheintal Future hat ein eigenes Logo und ein eigenes Dress sowieso. Walch empfindet es auch als den richtigen Ansatz, dass die Nachwuchs-Mannschaften des Rheintal Future am Schweizer Spielbetrieb teilnehmen und damit in der Region spielen, statt in den österreichweiten Nachwuchsligen des ÖEHV. „Ich halte es für sinnvoll, wenn Kinder und Jugendliche noch nicht so weite Fahrtstrecken absolvieren müssen. Mit einer U18, U15 oder gar U13 durchs ganze Land bis nach Wien, Linz Klagenfurt zu tingeln kostet die Kinder und Jugendlichen sehr viel Kraft. Wenn du dann schlimmstenfalls auch nicht konkurrenzfähig bist, kann das auch so ein Spaßkiller kein“, schildert Walch, der das nicht als Seitenhieb auf das Eishockey-Leistungszentrum Vorarlberg verstanden wissen will: „Verschiedene Organisationen haben unterschiedliche Ansätze, beim ELZ setzen sie auf den Altersvergleich in Österreich. Das ist aktuell in Österreich die gängige Herangehensweise.“ Walch ist allerdings der Meinung, dass die Nachwuchsspieler aufgrund solch langer Busfahrten zu wenig Regenerationszeit haben. „Die Kids kommen am Sonntagabend von einer langen Auswärtsfahrt zurück und müssen am nächsten Morgen wieder zur Schule oder zur Lehrstelle. Ich komme immer wieder auf das Wort ‚Spaß‘ zurück. Bei einer so hohen Belastung ist es nur normal, wenn viele Jugendliche eines Tages abspringen, weil ihnen alles zu viel wird.“
Spannend dazu ist auch ein weiterer Gedankengang des hochangesehenen Nachwuchstrainers aus Lech: „In Österreich ist die Belastungspyramide falsch aufgebaut. Die Profis trainieren am Vormittag und haben danach den ganzen Tag Zeit, um sich zu regenerieren. Die Kinder und Jugendlichen trainieren spät abends, fahren an den Wochenenden quer durchs Land und es bleibt ihnen praktisch keine Erholungszeit. Das ist paradox. Es müsste eher umgekehrt sein. Denn für die Kids ist es ein Hobby, für die Profis ist es ein Beruf.“

Ausblick
Am Ende des Gesprächs blickt Walch sehr positiv in die Zukunft. „Die Voraussetzungen in Vorarlberg sind sehr gut. In Salzburg gingen die besten Bewegungstalente zum Fußball, die anderen entschieden sich für einen Individualsport und von denen, die übrig blieben, gingen manche zum Eishockey. Darum sind in den Salzburger Akademie-Auswahlen auch kaum Spieler aus der Region. In Vorarlberg ist das völlig anders. Hier entscheiden sich teilweise auch die größten Bewegungstalente für das Eishockey. Darum bin ich überzeugt davon, dass wir bei Rheintal Future viel bewegen können.“
Passend dazu haben sie beim EHC Lustenau im Vorjahr ein Kindergartenprojekt mit 16 Gruppen gestartet. „Es geht dabei nicht vordergründig darum, die Kinder schon zum EHC zu bringen“, erklärt Ralph Kessler und sagt: „Die Kinder sollen einfach Kontakt mit dem Eis bekommen, wissen, dass es da eine coole Sportart gibt, die sie in ihrem Ort ausüben können. Mehrere Kinder haben sich sofort entschieden, bei uns ins Training einzusteigen, andere werden sich vielleicht in zwei, drei Jahren daran erinnern, dass sie mal bei uns am Eis standen. Am wichtigsten ist, dass die Kinder den Spaß an der Bewegung entdecken. Denn das gehört zu den gesellschaftlichen Aufträgen der Sportvereine, die Kinder zu motivieren, sich zu bewegen.“ In Dornbirn wird das Kindergartenprojekt vom ehemaligen Nationalteamspieler Stefan Ulmer betreut.
DEC-Obmann Schwendinger betont: „Wir verstehen uns auch als Lebensschule. In der Kabine sind Handys verboten. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, auch wieder im persönlichen Kontakt zu sein. Miteinander zu reden, miteinander zu lachen. Und das schätzen die Kids auch. Das macht sie im Kopf freier und dadurch haben sie auf dem Eis auch mehr Spaß, weil sie nicht drei Minuten vor dem Training noch am Handy rumhingen und sich irgendwelche Videos angeschaut haben.“
Über die Breite zur Spitze
Zum Schluss bringt es Toni Walch auf den Punkt: „Wenn wir die Breite vergrößern, verbessern wir die Gesundheit der Kinder und vergrößern als Nebenprodukt die Spitze bei der Nachwuchsarbeit.“ Am 1. Mai nimmt Walch offiziell seine Arbeit bei Rheintal Future als Development-Coach auf. Es ist ein guter Tag für den heimischen Sport. Denn Koryphäen wie er haben die Kraft, das Eishockey in Vorarlberg voranzubringen.