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Wut, Witz und Wiener Abgründe: Ofczarek und Franui brillierten mit „Holzfällen“

22.04.2026 • 19:57 Uhr
(2) HOLZFÄLLEN (Bühnenfoto), Musicbanda Franui und Nicholas Ofczarek
Musicbanda Franui und Nicholas Ofczarek sind ein eingespieltes Team. HETZEL

Burgschauspieler Nicholas Ofczarek und die Musicbanda Franui begeisterten am Dienstag das Publikum im Bregenzer Festspielhaus mit der Aufführung von Thomas Bernhards Romans „Holzfällen“.

Es sind Schimpftiraden, die der Ich-Erzähler, gesprochen von Nicholas Ofczarek, in diesem Roman von sich gibt. Die Familie Auersberger, zu der er auf ein künstlerisches Nachtmahl eingeladen wird, sind ihm ein Graus, das Wiener Burgtheater und die Burgschauspieler verachtet er, ebenso wie er die ganze geladene Gesellschaft aus Möchtegern- und Pseudokünstlern hasst.

Entlarvend

In seinem Ohrensessel denkt der Ich-Erzähler nach und schwelgt auch über sein Verhältnis zur verstorbenen Künstlerin Joana, die gerade erst beerdigt wurde. Der geladene Burgschauspieler verspätet sich, und als er endlich ankommt, lässt der Erzähler kein gutes Haar an ihm. Ofczarek trug den Bernhardschen Text sehr dynamisch und mit viel Kraft vor, nahm sich bei erzählenden Passagen zurück, um bei den Hasstiraden stimmlich umso mehr aus dem Vollen zu schöpfen. Die Gegensatzpaare, mit denen Bernhard in seinem Werk oft spielt, kamen an diesem Abend gut zur Geltung. Zum Beispiel die scheinbar heile Welt der Provinz – in diesem Fall Joanas Geburtsort Kilb – auf der einen Seite und das verhasste Wien auf der anderen, das Künstler ausbeutet und zerstört. Alles ist entweder abgrundtief böse oder unreflektiert gut. Die Superlativen, mit denen Bernhard spielt, entlarven dabei nicht nur die Abendgesellschaft, sondern auch die Zuschauer, die sich darin wiedererkennen konnten. Gelacht wurde viel, auch wenn der Inhalt nicht immer zum Lachen war.

Gesamtkunstwerk

Die Musik von Franui unterstützte Ofczarek nicht nur, es war ein Gesamtkunstwerk, bei dem die Musik das Gesagte unterstrich, ausbaute oder gar karikierte.  Zehn Musiker und Musikerinnen unter der Leitung von Andreas Schett bilden das Ensemble Franui und spielten unter anderem Tuba, Trompete, Hackbrett, Akkordeon, Kontrabass, Geige, Klarinette und Harfe. Gekonnt inszenierten sie musikalisch einen Raum zwischen Trauermusik, Marschklängen und pointierten Einschüben in den Text. Nach über fünfzig Aufführungen merkte es man den Künstlern auf der Bühne an, dass sie sich blind aufeinander verlassen konnten.

Franui
Die zehn famosen Musiker von Franui. Proell

Exzellent und der Situation entsprechend wechselnd ausgeleuchtet, empfand man die Bühne nicht als statisch, sondern als ein sich bewegendes Element. Der Roman Holfällen löst heute zwar keinen Skandal mehr aus, das kraftvolle Vortragen des Textes vermag aber sehr wohl die Zuschauerinnen zu berühren und hat in den über 40 Jahren seit seiner Erstveröffentlichung nichts an Aktualität verloren. Ein durch und durch gelungener Abend, den man nachdenklich im eigenen Ohrensessel nachwirken lassen konnte.

Daniel Furxer