Kultur

Wo die Gegensätze ein Ganzes bilden

18.05.2026 • 18:38 Uhr
IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
Renate Wittwer (l.), Anna Rubin und Birgit Konzett vor der aus bespannten Papiersegeln bestehenden Berglandschaft Rubins. neue

Neue Gruppenausstellung von Kunst Vorarlberg in der Villa Claudia besticht als spielerische Meditation über Möglichkeit und Differenz.

Die erhellende Kraft der Gegensätze strahlt durch die prächtigen Räume der Villa Claudia in Feldkirch, wo am Freitag, dem 22. Mai, ab 19 Uhr die neue Ausstellung von Kunst Vorarlberg eröffnet wird. Dort zeigen Heidi Comploj, Birgit Konzett, May-Britt Nyberg, Dorothea Rosenstock, Anna Rubin und Renate Wittwer – wie es der Titel „Im Spannungsfeld der Gegensätze“ bereits andeutet – ein äußerst weites Spektrum von Werken, die sich zu einem kohärenten Ganzen von bestechlicher Sinnlichkeit fügen.

Garnarbeiten der in Bludenz wirkenden Textildesignerin und Künstlerin Dorothea Rosenstock zeigen den Geist der Schau im Kleinen. Angesiedelt im ersten Raum, signalisiert das Werk Halt in der Höhe und zuschnürende Enge zugleich.

Hart und verletzlich

Zu ihr gesellen sich die Objekte einer Serie von Birgit Konzett. Zentral dabei das rote Quadrat. Als eiserner Würfel mit fragilen Seiten aus Stoff versinnbildlicht die Arbeit Gleichzeitlichkeit von Stabilität und Verletzlichkeit.

IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
NEUE

Das Motiv findet sich in zahlreichen Werken Konzetts wieder. Nicht nur im grafischen Sinne, sondern auch metaphorisch. So erinnern hastig genähte, dann abgeschnittene Schleifen an Nadelstiche in der Medizin – also an notwendige Verletzungen im Heilungsprozess.

Fragile Balance
Konzett

Beachtliche Blickachsen

Überhaupt ist es eine Schau, die den stets neu suchenden Blick belohnt. Dieser Satz ist nicht nur auf die Werke, sondern auf ihre Abfolge und die entstehenden Blickachsen bezogen. Besonders deutlich wird das bei den Objekten der aus Dänemark stammenden May-Britt Nyberg. Ihre überdimensionale Garnele aus Pappmaché wirkt niedlich und doch monströs. Sie ist im zweiten Raum angesiedelt und findet ihre Gegenstücke im dritten.

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NEUE

Dort zeigt Nyberg eine mobileartige Sammlung von Walen. Während das rosa Krustentier singulär und übergroß hängt, schweben die gewaltigen Meeressäuger in kühlen Tönen als Gruppe in Miniaturformaten.

IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
NEUE

Die gebürtige Dänin ist weiters mit tönernen Vogelfüßen vertreten, die mit dunklen Federn versehen unmissverständlich an die ökologische Katastrophe der Ölpest erinnern.

Schwerleicht, 2026, Keramik, Federn
NEUE

Flüchtig

„Fundstücke, die sich am Wegrand befinden und im Alltag oftmals übersehen werden“, verarbeitet die in Nüziders lebende Künstlerin Heidi Comploj zu fotografischen Arbeiten. Ein Begriff, der ihre Werke nur bedingt trifft. Durch Wachs wirken sie an manchen Stellen wie aus Speckstein. Sie sind als Sinnbild für Flüchtigkeit gedacht und saugen durch die Illusion tiefer Räumlichkeit Blicke förmlich ein.

IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
NEUE

Geduldige Ungeduldige

Vordergründig ähnlich und doch ganz anders, die Arbeiten der kuratierenden Künstlerin Renate Wittwer. Ihre sedimentierten Farblandschaften im vierten Raum entstehen durch das Trocknen zahlreicher Schichten und stehen im scheinbaren Widerspruch zu ihrem Charakter: „Ich brauche wahnsinnig viel Geduld, obwohl ich die ungeduldigste Person bin.“ So auch im fünften und letzten Raum, wo Wittwers vielschichtige Reliefs Landschaften höllischer Schönheit andeuten.

IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
NEUE

Die ganze Hölle der letzten 100 Jahre liegt in einem anderen Werk der Bludenzerin verborgen. „Da habe ich politische Zeitungsartikel von 1917 bis 2026 eingearbeitet“, schildert sie mit Verweis auf wulstige Schichten von Papier. Symbolisch wandeln sie Vergangenheit und Bedeutung in ein geologisches Durcheinander. Mit metallischer Farbe vermittelt es die Schwere der Jahre und zeugt von der Wahrheit, dass historische Zeugnisse, auch wenn sie förmlich vor der Nase liegen, nicht zwingend erschlossen werden können.

Komprimiert. Zeitung, Plakate. 2026
Wittwer

Die Segel einer Drachenbauerin

Schroffe Schönheit der Berglandschaften zeigt die malerische Installation von Anna Rubin. Die aus dem Drachenbau kommende Kärntnerin arbeitet mit bunten Papiersegeln, die prächtig auf künstliches wie natürliches Licht reagieren. Besonders ist dabei der Umstand, dass jedes Segel für sich ansprechend ist, aber durch die ordnende Intuition der Betrachter eine alpine Panoramalandschaft bildet.

IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
Rubin stellt die Lichter ein. NEUE

Es ist eine Schau, die zum Entdecken einlädt und sinnliches Empfinden wie intellektuelles Spekulieren gleichermaßen belohnt.