Evangeliumkommentar: Aufräumen wird vertagt

19.07.2026 • 09:00 Uhr
Evangeliumkommentar: Aufräumen wird vertagt
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Jesus nennt sich die Tür zum Leben – was bedeutet das für unser Christsein? Mit dieser Frage beschäftigt sich diesen Sonntag Jakob Geier, Kaplan im Seelsorgeraum Bludenz.

In jener Zeit erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune! Mathäus 13,24–30

Unkraut hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es wächst zuverlässig dort, wo man es am wenigsten gebrauchen kann. Im Garten, zwischen den Rosen oder mitten im Gemüsebeet. Wer einmal einen Löwenzahn mit bloßen Händen aus einem Kiesweg entfernen wollte, weiß: Das ist ein Kampf mit ungewissem Ausgang.

Auch im Evangelium geht es um Unkraut. Allerdings nicht um bloße Disteln, sondern um die Frage, die Menschen seit jeher beschäftigt: Woher kommt das Böse? Jesus gibt darauf keine philosophische Antwort. Er erzählt eine Geschichte. Ein Bauer sät guten Weizen. In der Nacht streut ein Feind Unkraut dazwischen. Die Knechte wollen sofort handeln. Ausreißen, aufräumen, Ordnung schaffen! Doch der Bauer bremst sie: Wartet. Sonst reißt ihr am Ende den guten Weizen mit heraus.

Ich ertappe mich dabei, wie schnell ich selbst zum eifrigen Gärtner werde. Da sind die Menschen, die ich vorschnell in Schubladen stecke. Die, über die ich denke: „Mit dem stimmt doch etwas nicht.“ Jesus mahnt zur Vorsicht. Das Böse soll nicht verharmlost werden. Aber der Mensch ist mehr als seine schlechtesten Entscheidungen.

Der heilige Benedikt bringt es in seiner Ordensregel auf den Punkt: Der Abt soll die Sünden hassen und den Menschen lieben. Was für Äbte gilt, schadet auch uns anderen nicht. Taten dürfen klar benannt werden. Schuld bleibt Schuld. Aber kein Mensch darf auf seine Fehler reduziert werden.

Der selige Carl Lampert hat einmal gesagt, Christen sollten dazu beitragen, „dass Menschen Menschen werden“. Genau das ist unser Auftrag. Nicht Richter über andere zu sein, sondern Menschen zu helfen, ihre Würde wiederzuentdecken, manchmal auch gegen alle Erwartungen.

Vielleicht beginnt das Reich Gottes ja genau dort: nicht mit dem großen Aufräumen, sondern mit der Geduld, im anderen zuerst den Menschen zu sehen. Das Unkraut wächst ohnehin von allein. Der Weizen dagegen braucht Menschen, die ihn hegen, pflegen und an sein Wachstum glauben.

Evangeliumkommentar: Aufräumen wird vertagt
Jakob Geier ist Kaplan im Seelsorgeraum Bludenz.