Wie dieser Dornbirner zu einem Pionier der Nachhaltigkeit wurde

Klaus Thaler (95) legte als Produktionsleiter der GroMo Dornbirn den Grundstein für das Recycling von Joghurtbechern. Mehr als einmal stand er im Fokus von Ermittlungen.
Dass es heute selbstverständlich ist, Joghurtbecher aus Plastik zu recyceln, verdanken wir Klaus Thaler. Der gebürtige Tiroler, der nun schon gut mehr als sieben Jahrzehnte in Dornbirn lebt, hatte in den 1980er-Jahren den entscheidenden Einfall, um ein damals noch futuristisch erscheinendes System zu etablieren. Dabei ist das bei weitem nicht die einzige Geschichte über den rüstigen, heute 95-jährigen Pensionisten, die sich zu erzählen lohnt.
Kriminelle Machenschaften
St. Johann im Tirol, Anfang der 1950er-Jahre: Thaler erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, dass der damalige Direktor der Großmolkerei – kurz GroMo – in Dornbirn ihn für eine offene Stelle anwerben wollte, als er für die Verladung von Butter mit seinem Transporter im Molkereilehrbetrieb des jungen Tirolers Halt machte. „Ich habe gefragt: ‚Dornbirn, wo ist denn das?‘ Für mich war Vorarlberg praktisch im Ausland.“ Dennoch ließ sich Thaler überreden, die Stelle anzunehmen, obwohl die GroMo in „desolatem Zustand“ war, wie er erzählt: „Kaum Fachkräfte, bloß angelernte Hilfsarbeiter. Ich kam mir vor wie der reinste Entwicklungshelfer.“ Den Betrieb „auf Vordermann zu bringen“, wie er es nennt, war der Anfang des beruflichen Aufstiegs für den späteren Produktionsleiter.

Noch in seiner Anfangszeit kamen ihm jedoch die kriminellen Machenschaften des ehemaligen Molkereidirektors in die Quere. „Der Direktor hat von der GroMo-Produktion Butter abgezweigt und in Bregenz schwarz verkauft. Der Mitarbeiter an der Buttermaschine hat festgestellt, dass sein Tagesbericht mit der Produktionsmenge verschwunden ist und in der Buchhaltung eine ganz andere Zahl aufgeschrieben war“, erzählt Thaler. „Als der Direktor eines Tages ins Krankenhaus nach Konstanz kam, musste ich seine Frau bei einem Besuch begleiten. Bei diesem Besuch sagte er mir, er habe da einige spezielle Kundschaften, die er wöchentlich in Bregenz beliefert. Ich sollte das weitermachen und ihn ja nicht hängen lassen. Da hatten wir den Beweis. Für mich als Mitwisser war das keine einfache Zeit.“

Nach drei Jahren falscher Buchhaltung schüttete ein Arbeitskollege von Thaler, der ebenfalls ein schlechtes Gewissen hatte, sein Herz bei der Kriminalpolizei aus. „Die Kriminalbeamten haben gesagt, um den Direktor zu überführen, müsse man ihn auf frischer Tat ertappen. Das war nicht einfach, denn der hat natürlich gut aufgepasst.“ Im Juni 1959 – Thaler erinnert sich nicht nur an Anekdoten, sondern auch an Jahreszahlen auf präzise Weise – sei der Direktor schließlich festgenommen worden. „Nach der Festnahme kam die Frau des Direktors mit einem Totenkopf in den Händen auf mich zu und rief: ‚Das wünsche ich ihnen!‘ Diese Anfeindungen waren psychisch schwer zu verkraften.“
Entscheidender Einfall
Im Jahr 1984 sollte schließlich die große Stunde des Klaus Thaler schlagen: Durch seine Bemühungen, ein System zur Sammlung von Joghurtbechern zu entwickeln, konnte das Plastik der Verpackung wiederverwertet werden. „Die Hausfrauen aus Lustenau gingen damals oft zu Migros in die benachbarte Schweiz zum Einkaufen. Die Schweizer verkauften Joghurtbecher aus Glas, die danach zur Wiederverwertung zurückgebracht wurden. Da kamen die Frauen zur mir in die GroMo und meinten, das müsse in Vorarlberg doch auch möglich sein.“ Doch während man die Gläser einfach reinigen konnte, musste das Plastik erhitzt werden, was die Becher wiederum verformte. Man müsste die Becher gewissermaßen in den Ursprungszustand zurückversetzen, doch dafür war es erst nötig, sie an einem Ort zusammenzutragen. Thaler hatte die Idee, Sammelstellen für Plastikbecher nach dem Schweizer Vorbild der Glasbehältnisse bei Vorarlberger Lebensmittelhändlern zu etablieren. „Ein Versuch mit Lustenauer Händlern wurde von den Konsumenten sehr gut angenommen. Aber dann gab es das nächste Problem: wohin mit den Plastikbechern?“

Auch dafür hatte der findige Nachhaltigkeitspionier eine Lösung: „Ich konnte mich an eine Schweizer Firma erinnern, die Polyethylen gesammelt hat. Das war die erste Form des Recyclings überhaupt. Dort habe ich den Chef angerufen. Der fragte mich, ob ich ihm neben Polyethylen auch Polystyrol verschaffen könnte. Ich bejahte und erzählte ihm vom Sammeln der Joghurtbecher. Da brüllte er ins Telefon: ‚Was macht ihr Vorarlberger? Wir forschen in der Schweiz seit fünf Jahren mit der ETH Zürich, Migros und meiner Firma und sind bis dato nicht imstande, einen finanziell gangbaren Weg zu finden.‘ Er bot an, die Becher gratis abzuholen und zu Plastikgranulat zu verarbeiten, aber wollte erst daran glauben, wenn der erste Lkw bei ihm vorfahren würde.“
Keine zusätzlichen Fahrten
Möglich machte das Recycling neben der Sammelbereitschaft der Bevölkerung auch ein logistischer Umstand, der Kosten sparte, wie Thaler schildert: „Wir nutzten in der GroMo Dornbirn Kunststoffkästen zur Milchauslieferung. Diese befüllten die Lebensmittelhändler mit den zurückgebrachten Bechern und die Molkerei nahm statt den leeren Kästen nun die vollen zurück, sodass keine zusätzlichen Transportkosten entstanden. So brachten wir jeden Monat drei Tonnen Joghurtbecher in die Schweiz, woraus das Unternehmen das wertvolle Granulat gewinnen konnte.“

Das System sollte sich innerhalb weniger Monate bei fast allen Molkereien österreichweit etablieren. „Nur in Graz weigerte sich der dortige Molkereidirektor, da er seine Milch nicht in Kunststoffkästen auslieferte, sondern Schrumpffolie verwendete, die im Abfall landete. Dadurch fehlte ihm die Rückholmöglichkeit.“ Das kam in der Bevölkerung alles andere als gut an. „Umweltaktivisten haben dem Molkereidirektor aus Protest eine Monatssammlung Becher vor die Haustür gestellt“, lacht Thaler.

Durch einen Zufall floss die Erfindung des Produktionsleiters auch in die Forschungen an der Hochschule Reutlingen ein. „Ein Professor der Polymerforschung war im Skiurlaub in Schwarzenberg und wurde auf einen Stapel Joghurtbecher aufmerksam. Als er erfuhr, dass in Vorarlberg die Plastikbecher gesammelt und recycelt werden, wurde er auf unser System aufmerksam. Ich lud ihn zu einer Führung in die GroMo Dornbirn ein. Dort klopfte er mir auf die Schulter und sagte: ‚Sie wissen gar nicht, was sie geleistet haben!‘ Die weitere Forschung des Professors machte die hundertprozentige Verwertung der Joghurtbecher möglich. Dieser Erfolg beruhte auf seinen Fachkenntnissen und einem Stapel Becher in Schwarzenberg.“ Abgelöst wurde Thalers System der Joghurtbechersammlung erst Jahre später durch den Gelben Sack, der eine komplette Sammlung des Plastikmülls samt anschließender Trennung und Wiederverwertung möglich machte.
Als Angeklagter vor Gericht
Freilich hatte die GroMo Dornbirn aber nach der bundesweiten Etablierung von Thalers Recyclingsystem eine Vorreiterrolle in Österreich. „Wir waren auch führend bei der Qualität des Joghurts. Deswegen stand ich 1985 vor Gericht in Feldkirch“, erzählt Thaler mit einem Grinsen. „Ich war angeklagt wegen Lebensmittelfälschung, weil wir zu gutes Joghurt produziert haben.“ Der Hintergrund: „Die Schweizer Joghurts waren cremiger als unsere, denn dort wurde Bindemittel hinzugefügt, was bei uns verboten war. Als man mir nach der Übernahme der Molkerei Bregenz die Verantwortung für die Joghurtproduktion übertrug, wollte ich unser Produkt besser oder zumindest gleich gut machen.“ Durch eine Umstellung in der Produktion gelang es Thaler, Magermilchkonzentrat zur Verdickung des Joghurts zu nutzen. „Dadurch wurde unser Joghurt besser als das der Schweizer.“

Einem Vorarlberger Importeur von Schweizer Joghurt, erzählt der 95-Jährige weiter, habe dieser Schritt das Geschäft verdorben. „Der hat gesagt: ‚Da stimmt etwas nicht‘ und ging zur obersten Lebensmittelbehörde nach Wien.“ Die fand tatsächlich einen vermeintlichen Zusatzstoff im Joghurt und prompt war Thaler wegen Lebensmittelfälschung angeklagt. „Mein Chef meinte, er werde zum Bezirkshauptmann gehen und dafür sorgen, dass die Anklage verschwindet. Ich entgegnete: ‚Da wird gar nichts verschwinden.“ Wenn ich vor Gericht stehe, stelle ich dort klar, dass alles mit rechtmäßigen Dingen zugeht.“ In der Anklage sei die Rede von Galactomannane gewesen. „Ich hatte noch nie davon gehört. Also habe ich den Fruchtzulieferer der GroMo angeschrieben und gefragt, was es mit diesem Galactomannane auf sich hat.“ Es sollte sich herausstellen, dass der Vielfachzucker natürlich in der Preiselbeere enthalten ist, die wiederum im Waldbeerjoghurt der Dornbirner Molkerei verarbeitet wurde. Eine einwandfreie Probe der Gerichtssachverständigen und die genaue Erklärung des Sachverhalts vor Gericht brachten Thaler den Freispruch.
Sicherheitsproben etabliert
Zwei Jahre vor dem Prozess, im Jahr 1983, gelang Klaus Thaler ein weiterer beachtlicher Schritt, auf den er heute zurecht stolz ist: Er etablierte in Vorarlberg einen verpflichtenden Antibiotika-Test vor der Milchverarbeitung. „Für den Menschen ist Penicillin ein Segen. Aber Spuren davon in der Milch sind verheerend, weil es nicht nur die Krankheitskeime tötet, sondern auch die Nutzbakterien“, erklärt der Pensionist. Eine Sicherheitsprobe muss her, die Bauern verpflichtet, eine Probe zur Molkerei zu bringen, deren Ergebnis entscheidet, ob sie die Milch liefern dürfen oder nicht. „Der Direktor meinte zu mir, ich sei ein Träumer. Schön wäre es, wenn man die Bauern in der Generalversammlung dazu bringen könnte, die Verschärfung zu beschließen. Ich sagte, er müsse mir Zeit geben, um Missionarsarbeit zu machen.“

Thaler klärte die Landwirte in den kommenden Tagen auf, dass Penicillin zusätzlich zum Produktionsschaden in der Molkerei beim Milchgenuss eine Antibiotikaresistenz bei Kindern hervorrufen kann. „Ich sagte: ‚Eigentlich tragt ihr Bauern Mitschuld, wenn ihr die kontaminierte Milch liefert.“ Das wirkte. Bei der entscheidenden Abstimmung auf der Generalversammlung am 8. Dezember 1983 erreichte Thaler einen einstimmigen Beschluss der Bauern für die Einführung des Tests.
Vorreiterrolle über Österreichs Grenzen hinaus
Einmal mehr sollte die GroMo Dornbirn zum Vorreiter werden: „Die Probe hat in ganz Österreich Schule gemacht, weil das Problem alle Molkereien betraf. Drei Jahre später wurde eine bundeseinheitliche Lösung im Lebensmittelgesetz geschaffen. Das hat sich auch über die Grenze nach Deutschland durchgeschlagen. „Dort hat eine Firma, die die Milchtankfahrzeuge baut, eine automatische Probe entwickelt. Ist sie positiv, darf die Mich nicht in die Molkerei, sondern muss entsorgt werden.“

Jahre später war das Ergebnis eindrucksvoll sichtbar. „Die ‚Stifung Warentest‘ hat 2017 einen Bericht veröffentlicht, für den 18 Milchproben aus ganz Deutschland untersucht wurden. Der Schlusssatz lautete: ‚Erfreulicherweise gab es keinerlei Rückstände von Hemmstoffen wie Penicillin.‘ Meine Frau schlug die Zeitung auf, las den Bericht und sagte: ‚Daran bist du Schuld.‘ Dabei hatten wir den Test in der GroMo damals aus der Not heraus entwickelt, weil uns Penicillinspuren einst die Käseproduktion ruiniert hatte“, führt Thaler aus, nicht ohne Stolz.
Zahlreiche Auszeichnungen
Heute gibt es die GroMo Dornbirn nicht mehr. Der Betrieb in der Schmelzhütterstraße fusionierte 1993 mit dem Milchhof Oberland zur heute allseits bekannten Marke „Vorarlberg Milch“. Klaus Thaler erlebte diesen Schritt als Pensionist. 1992 ging er nach 41 Jahren im Dienste der GroMo in die wohlverdiente Pension. Er wurde in diesem Jahr mit dem Umweltschutzpreis der Stadt Dornbirn und zwei Jahre später, im Jahr 1994, mit dem Natur- und Umweltpreis des Landes ausgezeichnet. Außerdem trägt er seit 2018 das Verdienstzeichen des Landes für seine „besonderen Verdienste im Bereich der Lebensmittelsicherheit.“
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)