Mit Kettensäge und weitem Blick

Gernot Riedmann aus Lustenau zeigt in der Bregenzer Galerie 9und20 seinen „Ahnenzyklus“.
Sein bevorzugtes Werkzeug ist die Kettensäge, sein bevorzugter Werkstoff der Baumstamm. Das sind die Mittel, mit denen der 1943 in Barcelona geborene Künstler Gernot Riedmann archetypische Motive in archaischer Formen übersetzt. Davon kündigt die aktuelle Ausstellung des Lustenauers in der Bregenzer Galerie 9und20. Unter dem Titel „Ahnenzyklus“ zeigt die Schau 34 Skulpturen, Holzschnitte und Tafeln des autodidaktischen Bildhauers.
Riedmanns „Ahnenzyklus“ widmet sich keinen konkreten Vorfahren.

Vielmehr geht es ihm um einen künstlerischen Blick auf die Leistungen vergangener Generationen, die er als Grundlage des zeitgenössischen Wissens begreift. „Es ist einer meiner zentralen Gedanken, dass das Christentum seit gut 2000 Jahren bis in unsere Zeit hinein wirkt. Bei mir aber weniger“, zeigt sich der Lustenauer gleichermaßen fasziniert wie skeptisch.

Für Sticker um die Welt
Der sprachbegabte Mann verbrachte sein Erwerbsleben im Auftrag der Lustenauer Stickereiindustrie. Die Handelsreisen führten ihn quer über den Globus, wobei ihn ein Kontinent besonders prägte: „Ich halte die afrikanische Kunst für die die allerbeste.“ Er schwärmt von „genialen Schnitzern“, die statt einer Kunst um der Kunst willen, „von innersten Gedanken beseelte“ Objekte schaffen. Obwohl sein Begriff von Afrika überaus ungenau erscheint und moderne afrikanische Künstler ausklammert, wirkt Riedmann nicht wie jemand, der exotisiert. So zeugen seine Skulpturen von einer gefühlten Verbundenheit, die Kontinente und Jahrtausende umspannt. Kurz: von einer allgemeinen Idee des Menschen.

Verbindende Ängste
„Alle Menschen haben existenzielle Ängste, früher noch mehr als heute. Aber ob wir wollen oder nicht, es verfolgt unser Denken.“ Die Werke vermitteln diesen psychologischen Blick, der seinen symbolischen Ausdruck nährt. Der „stürzende Reiter“ etwa sei eine Warnung an jene, die zu hoch hinauswollen. Das Mädchen mit Puppe und Panther steht für einen Moment, in dem Unschuld und Bedrohung aufeinandertreffen.

Riedmann hat keine Scheu vor sexuellen Motiven, wobei sich das Kantige nicht auf Spuren von Kettensägen reduzieren lässt. So zeigt seine „Urmutter“ die mächtige Autorität einer Fruchtbarkeitsgöttin. Das Abbild des heiligen Sebastian ist, nicht minder klassisch in seiner Ikonografie, gleichermaßen brutal wie erotisch gehalten.

Die Ausstellung kann noch bis zum 29. August besichtigt werden. Bereits zwei Tage früher, am 27. August, bringt die Galerie 9und20 ein Werk von Riedmann an einen Ort, an dem man es laut Flyer „nicht erwartet“: dem Messepark. Die Aktion ist Teil der Serie „Zeit für Neues“. Konkret wird ein „Ahnenthron“ des Künstlers in einem stillgelegten Lift bei der Apotheke platziert.