Kultur

Künstler Flatz: „Es ging mir persönlich gar nicht um Provokationen“

21.10.2026 • 06:30 Uhr
Werkverzeichniss FLATZ
Flatz

Flatz machte seinen Körper zum Material seiner Kunst. Nun dokumentieren vier umfangreiche Bände das außergewöhnlich vielfältige Schaffen des gebürtigen Dornbirners.

„Ja, ich lebe noch“, antwortet Wolfgang Flatz auf die Frage, ob man seine Kunst als Überlebensstrategie begreifen kann. Ein Umstand, der mit Blick auf das mehr als ein halbes Jahrhundert umspannende Schaffen des 1952 in Dornbirn geborenen Wahlmünchners alles andere als selbstverständlich ist. „Von den 50 Stücken, die ich vielleicht im Leben gemacht habe, waren schon zehn dabei, wo ich mir gedacht habe: Okay, wenn da irgendwas daneben geht, dann war es das Letzte.“

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Davon zeugt auch seine vierbändige Werksammlung, deren Abschluss am 21. Oktober, um 18 Uhr, im Dornbirner Flatz Museum präsentiert wird – ein neuer Band, der sich den Medien Fotografie, Zeichnung und Grafik widmet. Der gut acht Kilogramm schwere Vierteiler mit seinen stolzen 1700 Seiten dokumentiert ein Künstlerleben, das sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Und das trotz seines Umfangs noch lange nicht abgeschlossen ist.

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Angst und Neid

Die Voraussetzungen dafür waren alles andere als günstig. Als Sohn eines Eisenbahners wuchs Flatz in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Das Erziehungsmodell folgte dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Wer funktionierte, hatte nichts zu befürchten, andernfalls drohten „meistens drakonische körperliche“ Strafen. Erfahrungen, die sein Schaffen wesentlich prägen sollten. „Gewalt ist etwas Latentes in unserer Gesellschaft, das sich in vielerlei Formen ausdrücken kann.“ Doch wo andere auf Gewalt von außen mit eigener Gewalt antworten, fand er die Kraft zur schöpferischen Verwandlung. „Da ich das selber erfahren habe, habe ich das sublimiert und umgesetzt. Sodass sich andere auch etwas rausziehen können.“

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Dass er überhaupt Künstler werden wollte, verdankt Flatz einer anderen Emotion: dem Neid. Ein Nachbarsjunge konnte außergewöhnlich gut zeichnen, was ihn gleichermaßen beeindruckte und frustrierte. „Als 14-Jähriger ist mir klar geworden, dass Kunst nicht nur die Abbildung der Realität ist, sondern eigene Realitäten schafft.“

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Werdegang

Nach einer Goldschmiedelehre in Feldkirch führte ihn 1972 ein Stipendium zum Studium der Metallgestaltung nach Graz. Dort entstanden seine ersten öffentlichen Aktionen. Zurück in Vorarlberg stieß er damit auf heftige Ablehnung. 1975 wurde er bei einer Vernissage in Feldkirch von Besuchern hinausgeworfen und der Polizei übergeben. Eine weitere Performance endete mit seiner Einweisung in die Psychiatrie. Als ihm der zuständige Arzt für den Wiederholungsfall mit einem halbjährigen Aufenthalt drohte, stand sein Entschluss fest: „Ich musste das Land verlassen, weil ich da meine Arbeit nicht entwickeln kann.“

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1975 zog Flatz nach München, studierte an der Kunstakademie Malerei und parallel an der Universität Kunstgeschichte und Philosophie. Angetrieben habe ihn ein „großer Minderwertigkeitskomplex und ein noch größerer Bildungshunger“.

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Pionier der Performance

Der Körper als Versuchsfeld. In den folgenden Jahren etablierte sich Flatz als einer der Pioniere der Performancekunst. Bei „Schläge“ (1977) ließ er sich vor laufender Kamera ohrfeigen, während das Publikum die Gewalt auf einem Monitor verfolgte.

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Erst nach dem 274. Schlag griff jemand ein. Bei „Treffer“ (1979) wiederum stellte er sich den Wurfpfeilen der Zuschauer. Diese konnten selbst entscheiden, ob sie Gewalt ausüben wollten.

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In der Silvesternacht 1990/91 folgte mit „Demontage IX“ eine seiner bekanntesten Aktionen: In Tiflis ließ sich Flatz kopfüber an einem Seil aufhängen und pendelte mit seinem Körper zwischen zwei Stahlplatten, gegen die er immer wieder schlug. Das Stück hatte er bereits 1979 konzipiert. Realisieren konnte er es erst während seines Aufenthalts in der Sowjetunion, wo er von 1989 bis 1991 auf Einladung von Raissa Gorbatschowa, der Ehefrau des sowjetischen Staatschefs, unterrichtete.

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Den Ruf des Provokateurs, den ihm solche Arbeiten einbrachten, weist Flatz zurück. „Es ging mir persönlich gar nicht um Provokationen.“ Er habe vielmehr nach künstlerischen Formen gesucht, die es zuvor nicht gegeben habe. Das Publikum sei dabei unverzichtbar: „Ein Kunstwerk funktioniert aus drei Elementen. Das ist der Künstler, das Werk und der Betrachter.“
Während die Boulevardmedien seine Aktionen früh aufgriffen, hätten Kunsthistoriker zunächst nur deren drastische Oberfläche wahrgenommen. Erst die Berichterstattung großer Magazine habe auch die Fachwelt auf ihn aufmerksam gemacht. „Also genau der umgekehrte Weg“, bemerkt Flatz. 1989 wurden seine Arbeiten in großen Werkschauen in München und Bregenz präsentiert. Im selben Jahr erhielt er eine Professur in Linz. „Und da wurde ich dann zum ersten Mal auch von der Familie akzeptiert.“

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Florentina Holzinger

Dass Flatz keineswegs nur auf sein Lebenswerk zurückblickt, zeigte sich zuletzt im Juli. Gemeinsam mit der NEUE besuchte er Florentina Holzingers „Bodensee Étude“ in Bregenz, deren spektakuläre Körperkunst deutliche Parallelen zu seinen eigenen Performances aufwies. Den vermeintlichen Ideendiebstahl empfand er als Kompliment. „Es ist wunderbar, wenn eine Generation später die Arbeit einer anderen Generation aufgreift.“ Nach der Aufführung begegneten sich die beiden erstmals persönlich. Holzinger schenkte ihm ihr verschwitztes T-Shirt, das Flatz prompt zum Ausgangspunkt einer neuen Arbeit machte.

Bodensee Étude von Florentina Holzinger mit Flatz
Florentina Holzinger und Flatz schätzen die Arbeiten des jeweils anderen. NEUE

Trotz seiner internationalen Karriere blieb die Verbindung zu Vorarlberg bestehen. „Man muss weggehen, um wieder zurückkehren zu können“, bekräftigt Flatz. Als ihn der damalige Kulturamtsleiter der Stadt Dornbirn, Roland Jörg, fragte, weshalb international erfolgreiche Künstler ihrer Heimat fernblieben, verwies er auf die fehlende kulturelle Infrastruktur. Jörg zeigte ihm daraufhin das leer stehende Gebäude der ehemaligen Naturschau. Flatz entwickelte selbst die Konzeption für dessen neue Nutzung. 2009 wurde das Flatz Museum eröffnet.

Künstler Flatz: „Es ging mir persönlich gar nicht um Provokationen“
Der Künstler bei der Anlieferung einer Auto-Skulptur beim Flatz Museum, 2009. paulitsch

Kunst als Humus der Gesellschaft

Mit dem eigenen Museum ist die Frage nach dem Platz für seine Werke allerdings nicht abschließend geklärt. Gespräche über zusätzliche Ausstellungsflächen in der CampusVäre blieben bislang ohne Ergebnis. Auch den Umgang mit bereits vorhandenen öffentlichen Arbeiten kritisiert er. So sei sein „Hängendes Haus“ am Sonderpädagogischen Zentrum zur Restaurierung abgenommen, bislang aber nicht wieder angebracht worden. „Ich finde, man sollte mit den Arbeiten, die öffentlich sind, auch richtig umgehen und sie richtig platzieren.“

Überhaupt sieht Flatz die Bedingungen für Kunstschaffende in Vorarlberg kritisch. Viele könnten von ihrer Arbeit nicht leben, während private Sammler bevorzugt im Ausland einkauften. „Kunst ist der Humus unserer Gesellschaft. Und wer den nicht pflegt, wird auch keine guten Gewächse haben.“