Vorarlberg

„Mut kann man nicht kaufen“

03.10.2021 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Bernhard und Stefan Marte (v.l.) vor der Baustelle. Am Margarethenkapf sind die Arbeiten im vollen Gange.<span class="copyright">Hartinger</span>
Bernhard und Stefan Marte (v.l.) vor der Baustelle. Am Margarethenkapf sind die Arbeiten im vollen Gange.Hartinger

Architektenbüro restauriert Ruine des Margarethenkapfs in Feldkirch.

Als Bernhard Marte das sogenannte Tschitscherschlösschen am Margarethenkapf das erste Mal besichtigte, habe er sich „schockverliebt“, meint er heute noch lachend. Er erwarb die Immobilie 2004 von den Vorbesitzern mit dem Plan, sie für das Architekturbüro zu nutzen, das er mit seinem Bruder Stefan betreibt.
Marte wälzte bald nach dem Kauf erste Pläne für das spätestens 1616 vom damaligen Hubmeister Paul Tschitscher, einem hohen Steuerbeamten, errichtete Gebäude. Doch die Jahre zogen ins Land, auch weil das Architekturgeschäft bald über das Gebäude Margarethenkapf hinauswuchs.

Nun endlich steht vor der alten Vereinigungsbrücke in Tosters ein riesiger Baukran. Wie ein Geburtstagsgeschenk habe sich dessen Aufbau angefühlt, erklärt Bernhard Marte augenzwinkernd.
Die Architektenbrüder freuen sich deutlich, dass das Herzens­projekt, das lange hinter anderen Verpflichtungen zurückstecken musste, nun endlich zur Umsetzung gelangt. In die Sanierung der alten Bausubstanz werden 1,1 Millionen Euro netto investiert. Allein die Verlegung der notwendigen Leitungen aufs Kapf kostet 70.000 Euro.

Ein Fenster kehrt heim

Bis 1955 lebte der Maler Martin Häusle in dem nun nahezu entkernten Gebäude. Für die danebenliegende 1483 erstmals erwähnte Kapelle entwarf er mehrere Glasfenster, von denen eines erhalten ist. Häusles Familie wird es als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen, damit es an seinen angestammten Platz zurückkehren kann.
Das seit längerem profanierte ehemalige Gotteshaus soll in Zukunft als Bibliothek und Ausstellungsraum dienen. „Wir werden noch ein paar Bücher kaufen müssen“, meint Stefan Marte lachend. Der ebenfalls zur Kapelle gehörende Glockenturm wurde abgenommen und befindet sich derzeit zur Restaurierung bei einem Fachmann.

Unter dem Kirchengebäude führt jener Weg von Tosters in die Innenstadt, über den 1799 die Franzosen während des Zweiten Koalitionskrieges Feldkirch angriffen. Die Verteidiger konnten das Tor am Margarethenkapf jedoch gegen die feindliche Übermacht der napoleonischen Truppen halten.

Sanierung läuft auf Hochtouren

Seitdem hat sich am Kapf einiges verändert. Die unterhalb der Kapelle gelegenen Häuser fielen dem Bau der alten Vereinigungsbrücke zum Opfer. Ein später am Tschitscherschlösschen angebauter Nebentrakt wurde von den Bauherren nun im Zuge der Revitalisierung der Anlage entfernt.
Marte.Marte will das Areal in Zukunft unternehmerisch nutzen. Im Hauptgebäude soll in Zukunft gedacht, gearbeitet und präsentiert werden. Unter anderem will man dort auch Auftraggeber und Bauherren empfangen. Außerdem sollen zehn Arbeitsplätze entstehen

Insgesamt beschäftigt das Architekturbüro derzeit 25 Mitarbeiter – zählt man Bürohund Arya nicht mit, der auf der Webseite nicht nur der alphabetischen Ordnung wegen an erster Stelle genannt wird.

Viel Aufwand

Die Sanierung der Außenfassade stellt das von Marte mit den Arbeiten beauftragte Team vor besondere Herausforderungen. Durch den jahrelangen Leerstand haben sich immer wieder ungebetene Gäste auf dem Areal eingeschlichen und ihre Spuren hinterlassen.
Sprayer haben die historischen Mauern an vielen Stellen verschandelt. So ein Gebäude könne man nicht einfach neu streichen, erklärt Bernhard Marte. Man wolle ja die historische Substanz erhalten. In diese hat sich die Farbe der Sprays erbarmungslos hineingefressen. Schiefe, oft unvollendete Schriftzüge ohne künstlerischen Anspruch haben das jahrhundertealte Mauerwerk und insbesondere den Putz schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Experte tut derzeit sein Möglichstes, um die Außenwände mit Zustimmung des Bundesdenkmalamtes zu reinigen und zu konservieren. Am Ende des Prozesses soll das Gebäude seinen rustikalen Charme nicht verloren haben.
Deshalb wird das Bauwerk auch von innen isoliert. Das Alter der Bausubstanz bedingt jedoch, dass trotz moderner Dämmmethoden mit Gas geheizt werden muss. Das Tschitscherschlösschen ist nicht nur über 400 Jahre alt, sondern liegt auch exponiert über dem Rheintal. Der stetige Wind trägt vor allem im Winter dazu bei, dass der Bau von außen abgekühlt wird.

Viel Neues im Alten

Die Fens­terläden sind zwar mitgenommen, aber nicht von besonderem baukulturellem Wert. Auch die Türen sind in einem zu schlechten Zustand, um erneut Verwendung finden zu können.
Auch im Inneren ist von der historischen Substanz nur noch wenig erhalten. Vom ursprünglichen Stiegenhaus existiert nur mehr ein Teil in einem der vier Geschoße. Von einer Zwischendecke sind nur noch ein paar Bretter und Balken vorhanden, einige davon angekohlt. Die denkmalgeschützten Balken wird man in eine neue Decke integrieren. Derzeit sind die Arbeiter dabei, die Vorkehrungen für den Guss der ersten Etagentrennung zwischen Erdgeschoß und erstem Obergeschoß zu treffen. Darüber gibt der provisorische Fußboden bereits den atemberaubenden Blick auf das Rheintal frei, den die Mitarbeiter und Gäste von Marte.Marte in Zukunft genießen dürfen. Bernhard Marte ist gespannt, ob man vom höchsten Aussichtspunkt vielleicht auch einen Blick auf den Bodensee werfen kann.

Zur Komplexität der Arbeiten tragen zusätzlich die vielen für die Restaurierung benötigten Fenster bei. Sie werden einerseits dafür sorgen, dass die Räume mit viel Tageslicht durchflutet werden, andererseits stellen die unregelmäßigen Fensteröffnungen auch eine technische Herausforderung dar. Der Glaser habe bei der ersten Besichtigung gemeint, da habe man sich was aufgeladen, erzählt Stefan Marte lachend. „Aber Mut kann man nicht kaufen“, habe der Handwerker hinzugefügt.

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