Insolvenzen: “Wir kommen an das Nivau der Finanzkrise 2008”

Die Insolvenzzahlen sind 2024 in Vorarlberg massiv angestiegen. Regina Nesensohn vom KSV 1870 erläutert im NEUE-Interview die Gründe dafür, blickt auf die spektakulärsten Fälle und gibt eine Prognose für 2025 ab.
Mit einem Plus von rund 29 Prozent sind die Unternehmensinsolvenzen in Vorarlberg 2024 stark angestiegen. Wie blicken Sie auf das letzte Jahr zurück?
Regina Nesensohn: Wir haben auf jeden Fall wieder eine Dynamik in der Insolvenzentwicklung. Zur Coronazeit hatten wir einen richtigen Einbruch, praktisch einen Stillstand. Nach der Pandemie sind die Zahlen wieder in den Bereich von 2019 zurückgekehrt, wobei wir 2024 schon darüber liegen. Wenn man die Finanzkrise 2007/2008 hernimmt, dort hatten wir 116 eröffnete Fälle. Derzeit sind wir bei 97 Fällen. Wir kommen an das Niveau der Finanzkrise.
Besonders betroffen sind die Bereiche Handel, Bau und Gastro. Warum sind es ausgerechnet diese Branchen?
Nesensohn: In den letzten Jahren waren es immer diese drei Branchen, die auf den Podestplätzen gestanden sind. Natürlich hat sich das durch die wirtschaftliche Entwicklung auch nicht verbessert. Die Energiepreise sind gestiegen. Die KIM-Verordnung kam, das betraf vor allem den Bau. Alle Branchen sowie die Privathaushalte waren von der Zinsbelastung betroffen. Das hatte wiederum einen Konsumrückgang zur Folge, worunter Handel und Gastronomie leiden. Zudem ist die Gastronomie von gestiegenen Materialkosten, höheren Preise für die Lebensmittel und einer Erhöhung der Personalkosten betroffen.

Würden Sie anhand der aktuellen Wirtschaftslage einem Gastronomen den Schritt in die Selbstständigkeit empfehlen?
Nesensohn: Es ist machbar, aber mit bestimmten Herausforderungen. Man muss an einem guten Standort eröffnen und das ganze Jahr über bewirtschaften. Saisonbetriebe stufe ich schwierig ein, allein aufgrund des Personals.
Sie haben die KIM-Verordnung angesprochen, die in diesem Jahr fällt. Kommt mit diesem Hebel die Baubranche zur Entspannung?
Nesensohn: Wir gehen davon aus, dass es für Privatpersonen leichter wird, an ein Eigenheim zu kommen und dass dies auch das Baunebengewerbe ankurbelt. Wenn man die Auswertung anschaut, hat der Hochbau mehr unter der Verordnung gelitten als der Tiefbau. Aber es wird Monate dauern, das geht nicht von heute auf morgen. Die KIM-Verordnung läuft im Juni aus, die Auswirkungen werden sich 2026 zeigen.

Die größten Firmeninsolvenzen in Vorarlberg waren jene von Fahrradhersteller Simplon und Motorenkomponentenhersteller König. An Letzterem hängen über 300 Arbeitsplätze, ein Sanierungsverfahren wurde auf steinigem Wege eingeleitet. Ist das Unternehmen nun über den Berg?
Nesensohn: Eröffnet wurde das Insolvenzverfahren mit Eigenverwaltung und einer Quote von 30 Prozent. Das hat sich aber nicht gespielt und die logische Konsequenz daraus ist, auf eine 20-Prozent-Quote zurückzugehen, wobei die Eigenverwaltung entzogen wird. Das haben die Gläubiger angenommen. Die Firma König befindet sich jetzt zwei Jahre im Erfüllungszeitraum des Sanierungsplans. Zwischendurch können neue Hürden aufkommen, das Unternehmen wird von der wirtschaftlichen Entwicklung ja nicht verschont. Ein positiver Lichtblick ist, das Unternehmen kann weitergeführt werden und die Arbeitsplätze sind dadurch gesichert.
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Wie sieht die Situation bei Simplon aus?
Nesensohn: Der Sanierungsplan sieht eine Quote von 30 Prozent mit Eigenverwaltung vor, da ist die Finanzierung auch möglich. Das wurde einstimmig angenommen. Aber auch da kann in zwei Jahren viel passieren. Über den Berg ist Simplon nicht, aber man hat einen gesunden Weg eingeschlagen.

Die Insolvenz von Kika/Leiner betrifft auch den Standort in Dornbirn. Wie sieht die Lage für die Mitarbeitenden aus?
Nesensohn: Anfangs wollte man versuchen, nochmals einen Sanierungsplan auf die Beine zu stellen. Das wäre nur möglich gewesen, wenn man einen Investor gefunden hätte. Die Gespräche sind leider ins Leere verlaufen und somit ist leider nur noch die Schließung möglich. Es sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen. Natürlich ein tragischer Fall.
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Anfang Dezember musste ein Trafikant in Lauterach den Konkurs anmelden. Trafiken haben mit dem staatlichen Tabakmonopol und dem Glücksspiel lukrative Einnahmequellen. Wie konnte das passieren?
Nesensohn: Eine genaue Einschätzung ist erst möglich, wenn man die Unterlagen durchleuchtet hat. Es könnte der Fall sein, dass man Briefe und Rechnungen nicht geöffnet oder gleich bezahlt hat. Der Konkurs wurde jedenfalls nicht auf eigenen Antrag eröffnet, sondern von Gläubigerseite. Nach der Berichts- und Prüftagsatzung Ende Februar wissen wir mehr.
Im Unterschied zu Firmenpleiten geht die Zahl der Privatkonkurse zurück. Hält diese Entwicklung an?
Nesensohn: Ich gehe davon aus, dass diese Zahl kontinuierlich steigt. Das hängt damit zusammen, wie schnell man einen Termin bei der Beratungsstelle bekommt und wie schnell der Antrag bei Gericht eingebracht wird. Was man aber auch sagen muss: Privatpersonen sind zurückhaltender, was Investitionen angeht. Außerdem ist es schwierig, einen Kredit zu bekommen.

Welche Entwicklungen fallen abseits der Schlagzeilen in der Insolvenzstatistik auf?
Nesensohn: Die Anzahl der nicht eröffneten Insolvenzen sind österreichweit und auch in Vorarlberg angestiegen. Das sind jene Fälle, in denen nicht einmal genug Geld für die Verfahrenskosten übrig ist. Die Konkursfälle werden nicht aufgearbeitet, sondern direkt abgewiesen.
Wie blicken Sie in Sachen Firmeninsolvenzen auf 2025?
Nesensohn: Mit einer Entspannung ist in der nächsten Zeit nicht zu rechnen. Wir werden im nächsten Jahr nochmals einen Anstieg spüren. Wie stark der ausfällt, hängt von vielen Entwicklungen ab: Wie läuft das Ende der KIM-Verordnung ab? Wie entwickeln sich die Energiepreise? Wie geht es mit Kriegen und Konflikten weltweit weiter? Das alles spielt eine Rolle.

Gibt es im neuen Jahr irgendwelche positiven Entwicklungen, aus denen man für das neue Jahr Hoffnung schöpfen kann?
Nesensohn: Grund zur Hoffnung gibt es für den Bau, da die KIM-Verordnung ausläuft. Die Zinsentwicklung nimmt einen positiven Lauf. Wobei man andererseits nicht vergessen darf, dass die Kredite der Überbrückungsfinanzierung aus der Coronazeit jetzt fällig werden. Wenn man im Vorfeld nicht schon für ein gutes Depot gesorgt hat, wird es schwierig, diese fristgerecht zurückzubezahlen. Ansonsten können wir nur hoffen, dass die Konjunktur wieder angekurbelt wird, indem die Regierung einen Weg findet, Privatpersonen und Unternehmer zu entlasten.
Welche Wünsche haben Sie in dieser Hinsicht an die Bundesregierung, die derzeit gebildet wird?
Nesensohn: Die Schulden des Bundes sind zwar gestiegen, aber ich hoffe, dass die Steuern nicht zu stark erhöht werden. Auch bei den Energiekosten sehe ich Potenzial, Private und Unternehmer zu unterstützen.
Kreditschutzverband 1870
Der KSV 1870 ist ein bevorrechtigter Kreditschutzverband. Das bedeutet, er darf bei einem Insolvenzverfahren die Interessen der Gläubiger wie ein Anwalt vor Gericht vertreten. Zudem kann er Gläubiger bei der Abstimmung über einen Sanierungsplan stimmrechtlich vertreten. Der KSV 1870 ist österreichweit tätig, Regina Nesensohn ist die Leiterin des Standorts in Vorarlberg.