Bürokratieabbau: “Konkrete Verbesserungen im Alltag sind noch nicht angekommen”

Kilian Dorner, neuer Vorsitzender der Jungen Industrie, im Interview über Rezession, Reformen, Bürokratieabbau und Trumps Unberechenbarkeit.
Wo liegen Ihre Schwerpunkte als neuer Vorstandsvorsitzender der Jungen Industrie?
Kilian Dorner: Die wirtschaftliche Ausgangslage ist herausfordernd. Steigende Standort- und Energiekosten, Fachkräftemangel und eine überbordende Bürokratie setzen die Industrie massiv unter Druck. Österreich verliert an Wettbewerbsfähigkeit – das spüren viele Betriebe ganz konkret. Die Gefahr einer schleichenden De-Industrialisierung ist real.
Gerade deshalb sehe ich eine zentrale Aufgabe der Jungen Industrie darin, jungen Führungskräften Orientierung und Zuversicht zu geben. Es geht darum, gemeinsam für unsere Interessen einzustehen, ein positives Zukunftsbild des Industriestandortes zu zeichnen und unsere Stimme geschlossen einzubringen – nach innen wie nach außen. Vernetzung, Austausch und gemeinsames Auftreten sind dafür entscheidend.
Vor diesem Hintergrund haben wir als neuer Vorstand bereits für Februar eine Strategieklausur angesetzt. Ziel ist es, unseren strategischen Fokus zu schärfen, klare inhaltliche Prioritäten zu setzen und die Junge Industrie noch stärker als konstruktive, lösungsorientierte Kraft zu positionieren.
Gleichzeitig möchte ich auch organisatorisch Akzente setzen. Wir haben jetzt die Chance, als neues Team eigene Impulse zu geben: unsere Mitglieder noch stärker einzubinden, neue Themen aufzugreifen und die Junge Industrie inhaltlich weiterzuentwickeln. Kurz gesagt: mehr Beteiligung, mehr Relevanz und mehr Wirkung.

Sie übernehmen das Amt in einer schwierigen Wirtschaftslage. Warum schafft es Österreich einfach nicht aus der Rezession?
Dorner: Weil der politische Mut für die notwendigen großen Reformen fehlt. Die Industrie steckt nicht in einer kurzfristigen Delle, sondern in einer strukturellen Krise: hohe Standortkosten, steigende Bürokratie, stagnierende Produktion. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, werden aber zu oft vertagt oder beschönigt.
Solange wir uns vor klaren Entscheidungen drücken – bei Pensionen, Bürokratie und Rahmenbedingungen für Investitionen – wird das Wachstum schwach bleiben. Österreich braucht jetzt ein echtes Reform- und Standortpaket, sonst droht ein massiver Verlust industrieller Wertschöpfung.
Wirtschaftsprognosen zufolge soll sich die Konjunktur 2026 wieder positiver entwickeln. Wie realistisch sehen Sie eine mittelfristige Entspannung für die Betriebe und die Konsumenten?
Dorner: Die Erfahrung der letzten Jahre macht vorsichtig: Viele Prognosen wurden nachträglich nach unten korrigiert. Von einer echten wirtschaftlichen Erholung kann daher noch keine Rede sein – für ein „Durchstarten“ fehlt die Basis.
Die derzeitige leichte Belebung steht auf wackligen Füßen und wird vor allem vom öffentlichen Sektor getragen. Das ist keine nachhaltige Perspektive. Was fehlt, sind echte Reformen.
Die Industrie braucht jetzt Planungssicherheit, verlässliche Rahmenbedingungen und politischen Mut. Wenn es gelingt, Standortkosten zu senken, Strukturen zu modernisieren und Investitionen zu ermöglichen, können Betriebe die digitale und ökologische Transformation aktiv gestalten. Der Wille ist da – jetzt braucht es die passenden Rahmenbedingungen.

Im Dezember haben Sie die Landesregierung für das Budget 2026 und die Aufnahme neuer Schulden kritisiert. An welchen Punkten sollte die Landesregierung aus Ihrer Sicht konkret den Sparstift ansetzen?
Dorner: Zunächst auch etwas Positives: Die Gesundheits- und Spitalsreform ist ein richtiger und notwendiger erster Schritt. Aber sie kann nur der Anfang sein. Wirkliche Strukturreformen gehen weiter – und sie werden auch unbequeme Entscheidungen erfordern.
Ein zentraler Hebel sind meiner Meinung nach Förderungen. Hier braucht es eine konsequente Evaluierung: Was wirkt, was nicht, was ist verzichtbar? Ebenso kritisch ist das Personalmanagement im öffentlichen Sektor. Während in Vorarlberg im Jahresvergleich über 1400 Arbeitsplätze im wertschöpfenden Bereich verloren gegangen sind, ist die Verwaltung um rund 620 Stellen gewachsen.
Gleichzeitig zeigen die Zahlen, wie zaghaft angekündigte Einsparungen umgesetzt werden: In drei Jahren will man in der Verwaltung 100 Stellen einsparen. Für 2026 sieht der Budgetrahmenplan jetzt aber eine Reduktion von gerade einmal sieben Stellen vor – bei gleichzeitig geplanten zusätzlichen Führungspositionen. Von echten Umbrüchen ist in diesem Bereich also bislang wenig zu erkennen.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Tempo des Bürokratieabbaus der Landesregierung?
Dorner: Ehrlich gesagt: In den Betrieben ist bislang wenig Entlastung spürbar. Konkrete Verbesserungen im Alltag sind noch nicht angekommen.
Grundsätzlich ist es positiv, dass Bürokratieabbau auf Landes- und Bundesebene überhaupt auf der Agenda steht. Gleichzeitig ist es ein schlechtes Signal, wenn schon die Ausschreibung einer eigenen Stelle dafür ein ganzes Jahr dauert. Dass es schneller beim Bürokratieabbau gehen kann, zeigen andere Bundesländer wie Niederösterreich oder die Steiermark.
Jetzt wird entscheidend sein, ob diese Stelle tatsächlich messbare Entlastungen bringt. Ich hoffe, dass wir auf Landesebene mehr Tempo und mehr Wirkung erzielen als auf Bundesebene, wo derzeit leider oft Minimalkompromisse statt echter Vereinfachungen dominieren.

Wie stark spüren Unternehmen in Vorarlberg derzeit Unsicherheiten, die durch die US-Strafzölle verursacht werden?
Dorner: Unsere Unternehmen sind von den US-Zöllen sowohl direkt als auch indirekt betroffen – etwa als Zulieferer europäischer Firmen, die in die USA exportieren. Die Auswirkungen gehen damit weit über einzelne Branchen hinaus. Laut einer aktuellen Studie von ASCII und WIFO droht Österreich durch die neuen Zölle ein Rückgang der industriellen Wertschöpfung um rund 0,56 Prozent.
Besonders problematisch ist die fehlende Planbarkeit. Für Unternehmen ist Verlässlichkeit entscheidend – aktuell erleben wir aber ein Umfeld nach dem Motto: heute so, morgen anders. Niemand weiß, welche handelspolitischen oder geopolitischen Maßnahmen als Nächstes kommen. Diese Unsicherheit ist für Investitionsentscheidungen hochgradig toxisch.
Welche Auswirkungen befürchten Sie für die Vorarlberger Exportpolitik durch die Außenpolitik des US-Präsidenten Trump – Stichwort Venezuela und Grönland?
Dorner: Das größte Problem ist nicht eine konkrete Maßnahme, sondern die völlige Unberechenbarkeit. Wenn Außenpolitik nach Tageslaune funktioniert, gibt es keinen Planungshorizont mehr.
Für Unternehmen ist das Gift: Investitionen, Lieferketten und Exportstrategien brauchen Verlässlichkeit. Genau die fehlt derzeit – und das trifft eine exportorientierte Region wie Vorarlberg besonders hart.
Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach internationale Freihandelsabkommen á la Mercosur für die Zukunft des Standorts?
Dorner: Sie sind essenziell. Österreich lebt vom Export – Wachstum entsteht nur durch neue Märkte. Mercosur allein könnte rund 32.000 Arbeitsplätze sichern oder schaffen. Spätestens die letzten Jahre haben gezeigt: Abhängigkeit von einzelnen Ländern ist ein Risiko.
Gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten brauchen wir mehr Freihandel, nicht weniger – für Resilienz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Umso unverständlicher ist es, dass sich Österreich trotz dieser Lage weiter gegen Mercosur sperrt. Das ist weniger Wirtschaftspolitik als ein Spiegel innenpolitischer Blockaden.
zur person
Kilian Dorner ist seit vier Jahren bei der Dorner Electronic GmbH tätig und verantwortet das Unternehmen seit 2023 als Geschäftsführer, nachdem er zuvor als Sales Consultant und später als Sales Director tätig war. Seine berufliche Laufbahn begann er in der Unternehmensberatung als Consultant und Senior Consultant bei Kearney in Wien. Dorner absolvierte sein Studium an der Wirtschaftsuniversität Wien und an der Esade Business & Law School in Barcelona, ergänzt durch ein Austauschprogramm an der University of Sydney Business School. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte er sich stets ehrenamtlich als Mentor bei Sindbad sowie als Präsident und Vorstandsmitglied des Club Alpbach Vorarlberg. Seit 2023 ist er im Vorstand der JI-Vorarlberg tätig.