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WKV-Präsident Kopf: „Pflichtmitgliedschaft schafft Stabilität“

03.01.2026 • 10:00 Uhr
Karlheinz Kopf
Karlheinz Kopf spricht sich für die Pflichtbeiträge bei den Kammern aus. Paulitsch

WKV-Präsident Karlheinz Kopf im Gespräch mit der NEUE am Sonntag über Kammerwesen, Gehaltsdiskussion, den Standort Vorarlberg und was zu tun ist, um die Talsohle zu durchschreiten.

NEUE am Sonntag: Seit 1. Jänner 2025 sind Sie Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg – ein sicherlich bewegtes Jahr, vielleicht auch etwas überraschend nach Ihrem Rückzug aus der Bundespolitik. Wie fällt Ihr persönliches Fazit nach diesem ersten Jahr im Amt aus?

Karlheinz Kopf: Es war spannend, aber natürlich auch eine ordentliche Umstellung. Gerade wenn man zuvor als Generalsekretär auf Bundesebene tätig war, spürt man die ganz unterschiedliche Aufgabenstellung und Aufgabenteilung zwischen Bund und Land sehr deutlich. Auf Bundesebene ist man oft in einem eher abstrakten Umfeld unterwegs, stark politisch geprägt, es geht um Rahmenbedingungen, um steuerliche und wirtschaftliche Gesamtfragen. Auf Landesebene ist das naturgemäß eingeschränkter, aber dafür ist die Nähe zu den einzelnen Unternehmen deutlich größer – und das gefällt mir sehr. Mir war das vorher bewusst, aber jetzt spürt man es erst richtig. Obwohl ich während meiner Jahre in Wien regelmäßig hier war, ist mir in den vergangenen Monaten bewusst geworden, wie viele Menschen ich persönlich kenne. Diese Nähe ist ein großer Unterschied. Und man spürt natürlich auch die wirtschaftliche Situation sehr direkt – in jedem Gespräch, in jedem Kontakt, über alle Branchen hinweg.

NEUE am Sonntag: Bleiben wir kurz bei diesem Verhältnis von Bund und Land. Es gab zuletzt etwa den Vorstoß von Sepp Schellhorn zur Zusammenlegung von Bundesländern. Wie sehen Sie das aus der Sicht des WKV-Präsidenten? Würden Sie sich mehr föderale Spielräume wünschen, etwa bei Steuern?

Kopf: Grundsätzlich ist es aus theoretischer Sicht immer wünschenswert, eine gewisse Verbindung zwischen Einnahmen- und Ausgabenverantwortung zu haben – daraus ergibt sich ein verantwortungsvolleres Verhalten. Ob aber Steuerhoheit in den Ländern, in einem so kleinen Staat wie Österreich, wirklich sinnvoll wäre, ist fraglich. Wir haben ja gerade erst aus allen Finanzämtern ein Finanzamt Österreich gemacht – eine weitere Zersplitterung würde die Komplexität nur erhöhen. Natürlich gibt es Modelle, die theoretisch denkbar sind, etwa mit unterschiedlichen Steuersätzen, wie wir sie bei der Kammerumlage haben. In Vorarlberg haben wir den zweittiefsten Satz in ganz Österreich. Aber unterschiedliche Steuersätze pro Bundesland – das wäre mit Vorsicht zu genießen.

Karlheinz Kopf
Der WKV-Präsident im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Paulitsch

NEUE am Sonntag: Gerade im industriellen Bereich gilt Vorarlberg als Vorzeigeland, besonders was exportierende Betriebe betrifft. Trotzdem hört man zunehmend Klagen über Kosten, Abwanderung und Wettbewerbsfähigkeit. Was braucht es, um den Standort zu stärken?

Kopf: Man muss hier klar zwischen Bundes- und Landeszuständigkeit unterscheiden. In der Industrie, vor allem in der exportorientierten, gibt es viele Einflussfaktoren: Energiepreise, Arbeitskosten, Wechselkurse. Bei der Energie sind wir international gesehen schlecht aufgestellt, stehen in Vorarlberg österreichweit aber noch am besten da. Ebenso schwierig ist es bei den Arbeitskosten. Hier haben die Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre österreichweit einen preistreibenden Effekt gehabt, der uns in eine schwierige Lage gebracht hat. Vorarlberg war allerdings nie ein Billigproduktionsstandort. Unsere Stärke war und ist die Innovationskraft. Wir liegen bei Patenten regelmäßig an der Spitze, und auch die Qualität und Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist außergewöhnlich hoch. Die Lehrlingsausbildung hat hier einen Stellenwert wie sonst nirgends. Fast die Hälfte der 15-Jährigen entscheidet sich für eine Lehre – auf einem Niveau, das einzigartig ist. Diese praxisorientierte Ausbildung ist genau das, was unsere Betriebe brauchen. Das müssen wir unbedingt beibehalten, weil das unser entscheidender Vorteil ist, wenn es nicht nur um Preise geht.

Karlheinz Kopf
Karlheinz Kopf war lange Jahre in der Bundespolitik für die ÖVP tätig. Paulitsch

NEUE am Sonntag: Es gibt aber auch die Sorge, dass das duale Lehrsystem durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz an Bedeutung verliert. Manche sehen heimische Betriebe hier zu zurückhaltend. Braucht es mehr Mut zur Digitalisierung?

Kopf: Es ist nicht die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz, die mir in Bezug auf die duale Ausbildung Sorgen bereitet, sondern der aggressive Wettbewerb der weiterführenden Schulen um die geografisch bedingt weniger werdenden 15-Jährigen. In Bezug auf Tradition und Neues brauchen wir beides: die Bewahrung unserer Stärken und Offenheit für Neues. Die Geschichte zeigt, dass Vorarlbergs Industrie eine enorme Transformationsleistung erbracht hat – vom Textilsektor hin zu Metall, Elektro und Maschinenbau. Das ist gelungen, weil man innovativ war, nicht billig. Diese Innovationskraft müssen wir auch im digitalen Zeitalter bewahren. Ich mache mir da keine Sorgen, dass die Unternehmen dies verschlafen. Natürlich braucht es Rahmenbedingungen – weniger Bürokratie, ein besseres Innovationsökosystem. Dazu gehören Fachhochschulen, Einrichtungen, wie VResearch, internationale Forschungskooperationen, etwa mit St. Gallen und anderen. Wir als Wirtschaftskammer müssen gemeinsam mit Land und Betrieben daran arbeiten. Eine eigene Universität haben wir nicht, aber die FHs sollten den nächsten Schritt gehen dürfen – etwa hin zu Doktoratsstudien. Damit gewinnt man andere Professoren, Forschungsaufträge und steigert das Innovationsniveau. Da ist noch Luft nach oben. 

NEUE am Sonntag: Stichwort Innovation im Kleinen – viele Start-ups haben es nach der Corona-Krise schwer, einige sind in die Privatkonkurse gerutscht. Wie kann die Wirtschaftskammer Gründungen besser unterstützen?

Kopf: Man darf die Corona-Zeit nicht als Maßstab nehmen, weil das eine Ausnahmesituation war. Grundsätzlich sind wir stolz auf unser Gründerservice. Eine gute Beratung zu Beginn ist entscheidend – gemeinsam das Geschäftsmodell anschauen, Risiken und Chancen abwägen. Ergänzend dazu gibt es die Start-up Vorarlberg GmbH, die wir gemeinsam mit dem Land gegründet haben. Dort wurden verschiedene Initiativen gebündelt, etwa in der Postgarage in Dornbirn. Diese Einrichtungen sind wichtig, und hier ist das Geld gut investiert. Wir sollten sie weiter ausbauen. Unterstützung braucht es aber nicht nur in der Gründungsphase – auch bei Betriebsübernahmen. Denn oft verschwinden etablierte Betriebe, weil sich kein Nachfolger findet. Das ist ein großes Thema. Wir arbeiten daran, Übernahmebörsen zu etablieren und die gesetzlichen Auflagen bei Betreiberwechseln zu entschärfen. Wenn ein Betrieb genehmigt war, darf nicht alles neu beantragt werden müssen, nur weil ein neuer Eigentümer übernimmt. Das sind praxisnahe Reformen, die wirklich helfen.

NEUE am Sonntag: Österreichs Wirtschaft wächst schwach, aktuell liegen wir bei nur rund 0,3 Prozent. Warum tut sich das Land so schwer?

Kopf: Die Lage ist schwierig, keine Frage. Die Prognosen für nächstes Jahr sind zwar etwas besser, rund 1 Prozent, aber auch das ist nicht berauschend. Mit Wachstumsraten unter 1 Prozent wird es schwer, unser großzügiges Sozialsystem zu finanzieren – Gesundheit, Pensionen, Arbeitsmarkt. Europaweit ist die Konjunktur derzeit schwach. Solche Phasen gibt es, aber strukturell haben wir in Europa Probleme: hohe Arbeitskosten, teure Energie. In Österreich kommt hinzu, dass sich keine Regierung so recht traut, bei den Sozialleistungen anzusetzen. Die Ausgaben sind hoch, das Defizit entsprechend. Die Steuer- und Abgabenquote gehört zu den höchsten in Europa. Da hilft nur, die Ausgabenseite zu prüfen – nicht noch mehr Steuern, denn wir haben eindeutig ein Ausgaben- und kein Einnahmenproblem. Wir brauchen Entlastung, vor allem bei den Lohnnebenkosten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

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NEUE am Sonntag: Manche fordern Selbstbehalte im Gesundheitswesen oder ein höheres Pensionsalter. Sind das gangbare Wege?

Kopf: Man sollte sich nicht einzelne Punkte aus einem Gesamtsystem herauspicken, das im Großen und Ganzen sozial stabilisierend wirkt. Österreich hat im europäischen Vergleich eine der ausgeglichensten Einkommensverteilungen – das ist ein Wert an sich. Aber klar: Wir müssen das faktische Pensionsantrittsalter an das gesetzliche heranführen. Niemand glaubt, dass man das System bei der aktuellen demografischen Entwicklung ohne Anpassung stabil halten kann. Immer mehr Menschen gehen in Pension, weniger Junge kommen nach. Daher braucht es gezielte Anreize, länger zu arbeiten. Der geplante Freibetrag für Zuverdienst im Pensionsalter ist ein richtiger Schritt. Leider kommt die Umsetzung aber erst 2027. Ebenso die Entlastung von Überstunden – es wäre ein fatales Signal gewesen, wenn das zurückgenommen worden wäre. Wir brauchen mehr Attraktivität für längeres Arbeiten, nicht weniger. Wohlstand muss erarbeitet werden, er bleibt nicht einfach automatisch erhalten.

NEUE am Sonntag: Die Wirtschaftskammer selbst stand zuletzt in der Kritik – Stichwort Gehälter und Rücklagen. Wie blicken Sie auf die Diskussionen der vergangenen Wochen?

Kopf: Es war unglücklich, das muss man klar sagen. Zwei Dinge – die Funktionsentschädigungen und die automatischen Gehaltserhöhungen – haben zu berechtigter Aufregung geführt, weil der Zeitpunkt einfach unpassend und die Kommunikation grottenschlecht war. Aber die Heftigkeit der Reaktion war trotzdem erstaunlich, auch weil politisch viel Öl ins Feuer gegossen wurde. Trotzdem darf man eines nicht vergessen: Die Kammern und die Sozialpartner insgesamt sind ein wichtiger Standortfaktor in Österreich. Die Pflichtmitgliedschaft sorgt für eine flächeneckende Vertretung aller Branchen, von den größten Industriebetrieben bis zu den kleinsten EPUs. Und sie verpflichtet uns intern zum Interessenausgleich. Das unterscheidet uns von Ländern mit freiwilligen Verbänden, wo einzelne Gruppen dominieren. Außerdem ermöglicht dieses System Kollektivverträge für nahezu alle Branchen – das ist in Deutschland zum Beispiel nicht selbstverständlich. Damit vermeiden wir Lohnkonflikte auf der Straße.

Karlheinz Kopf
Karlheinz Kopf zeigt sich zuversichtlich für das neue Jahr. Paulitsch

NEUE am Sonntag: Dennoch gibt es Stimmen, die die Pflichtmitgliedschaft in Frage stellen – wie etwa der langjährige Spitzenfunktionär Christoph Hinteregger kürzlich im Interview mit der NEUE am Sonntag. Ist eine Öffnung denkbar?

Kopf: Ich halte die Pflichtmitgliedschaft für sinnvoll, weil sie Stabilität schafft. Gäbe es nur freiwillige Vereinigungen, würde das System zersplittern, jede Organisation würde Partikularinteressen vertreten – kleine gegen große, Industrie gegen Gewerbe. Das wäre nicht im Interesse der Gesamtwirtschaft. Natürlich bringt die gesetzliche Mitgliedschaft eine Verpflichtung mit sich: Wir müssen sie durch Leistung jeden Tag rechtfertigen. Und das tun wir, ob durch Beratung, Service oder Kollektivvertragsverhandlungen und die Durchsetzung von standortpolitischen Interessen. Viele Leistungen sind strukturell, also nicht immer unmittelbar sichtbar für das einzelne Mitglied, aber sie kommen allen zugute. Die Kammer ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines zivilgesellschaftlichen Gegengewichts zur staatlichen Macht – ein Element, das zu unserer demokratischen Stabilität beiträgt.

NEUE am Sonntag: Kritisiert wurden zuletzt auch die hohen Rücklagen der Kammern – österreichweit rund zwei Milliarden Euro. Wie erklären Sie das einem kleinen Unternehmer, der seine Kammerumlage zahlt?

Kopf: Zunächst einmal gibt es eine gesetzliche Vorgabe, dass die Kammern Rücklagen in der Höhe eines Jahresbudgets halten müssen. Wir dürfen keine Kredite aufnehmen, also müssen größere Investitionen, etwa Neubauten, Sanierungen oder Modernisierungen von Ausbildungsstätten, aus Eigenmitteln finanziert und somit vorher angespart werden. Diese Gelder sind also zweckgebunden, sie „liegen“ nicht einfach herum. In Vorarlberg etwa investieren wir in unsere WIFIs in Hohenems und Dornbirn, um die Ausbildungsqualität zu sichern. Das Geld fließt also direkt zurück in die Wirtschaft – über Investitionen und Weiterbildung. Wer populistisch über Milliarden spricht, ohne die Hintergründe zu kennen, verkennt das System. Rücklagen sind keine Gewinne, sondern Vorsorge. 

NEUE am Sonntag: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Ihre Rückkehr nach Vorarlberg war für viele überraschend. Wie lange wollen Sie das Amt ausüben?

Kopf: Das war von mir ursprünglich nicht geplant. Nach 30 Jahren im Parlament und über sechs Jahren als Generalsekretär der WKÖ wollte ich eigentlich endgültig nach Hause zurückkehren und in Pension gehen. Dass man mich dann gebeten hat, hier nochmals Verantwortung zu übernehmen, ehrt mich, war eine Fügung – und ich mache es gern. Die Zusage gilt für diese laufende Periode, das sind ohnehin noch einige Jahre. Danach sehen wir weiter.

NEUE am Sonntag: Und mit welchem Gefühl blicken Sie auf das neue Jahr?

Kopf: Mit Zuversicht. Die Konjunkturprognosen hellen sich etwas auf, und wir sollten uns wieder bewusst machen, was uns stark gemacht hat: Innovationskraft, gute Ausbildung, Zusammenarbeit von Betrieben, Land und Kammer. Wir haben schon viele Krisen bewältigt, oft unfreiwillig, aber immer erfolgreich. Auch jetzt gilt: Den Kopf nicht in den Sand stecken. Wir haben nach wie vor viele Chancen – und den Unternehmergeist, um sie zu nutzen.

Karlheinz Kopf
Der WKV-Präsident erwartet sich für die Zukunft starke Signale von der Politik in Richtung Bürokratieabbau. Paulitsch

Zur Person

Karlheinz Kopf (*1957 in Hohenems) ist Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg. Der Unternehmer und frühere ÖVP-Politiker saß von 1999 bis 2019 im Nationalrat und war von 2006 bis 2019 Zweiter Nationalratspräsident. Kopf gilt als zentrale Stimme der Vorarlberger Wirtschaft und engagiert sich für Standortqualität, Mittelstand, Sozialpartnerschaft und eine starke regionale Wirtschaft.

(NEUE am Sonntag)