Wie Jeffrey Wiśnickis Vater als Jude die NS-Zeit in einer Bludenzer Gärtnerei überlebte

Leokadia Justman und Józef Wiśnicki überlebten als polnische Juden die Verfolgung durch das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg. Ihr Sohn Jeffrey Wiśnicki war beim 9. Vorarlberger Zeitgeschichtetag in Bludenz zu Gast und nahm sich Zeit, mit der NEUE über deren Erlebnisse zu sprechen.
Ihre Eltern sind in den 1940er-Jahren als polnische Juden erfolgreich dem NS-Regime entkommen. Können Sie uns in deren Geschichte mitnehmen?
Jeffrey Wiśnicki: Die Geschichte meiner Mutter und meines Vaters haben Parallelen. Sie sind beide ein Buch wert, das jeweils auch erschienen ist. Meine Mutter (Leokadia Justman, Anm.) floh durch verschiedene Städte in Polen. Sie verlor ihre Mutter früh, weil sie ihren Platz im Zug ins Vernichtungslager Treblinka einnahm. Meine Großmutter hat ihr Leben für das meiner Mutter geopfert. Sowohl meine Mutter als auch mein Großvater entkamen den Nazis für eine gewisse Zeit lang unter falscher Identität. Als Informanten sie verrieten, wurden beide festgenommen. Mein Großvater starb 1944 im Arbeitslager Reichenau, meine Mutter wurde in Innsbruck inhaftiert. Sie konnte fliehen, als die Aliierten das Gefängnis sprengten und eine Mauer sich öffnete, durch die sie entkam. Dank anderer, die ihre Leben für sie riskierten, kam sie bei einem Priester unter, bei dem sie bis zum Kriegsende überlebte.
Auch die Geschichte Ihres Vaters Józef Wiśnicki ist erzählenswert.
Wiśnicki: Auch mein Vater fand sich an einem Punkt in einem Wagon nach Treblinka wieder. Als der Zug langsam fuhr, kletterte er auf die Schultern anderer Gefangener und sprang aus einem kleinen Dachfenster. Später wurde er von der Gestapo gefasst, doch er konnte die Offiziere überzeugen, dass er kein Jude ist. Ich weiß nicht, wie ihm das gelungen ist, doch er beschwichtigte sie, dass er aus medizinischen Gründen beschnitten war. Er war ruhig, selbstsicher und hatte ein Auftreten, mit dem er die Gestapo beeinflussen konnte, ihm ein Darlehen zu gewähren, um in die nächste Stadt zu gelangen. Letztendlich landete mein Vater doch in einem Gefangenenlager – in demselben, in dem mein Großvater ums Leben kam – weil er verraten wurde. Doch zum Glück war es gegen Ende des Krieges, als das Lager bald befreit wurde.

Auf welchem Weg lernten sich Ihre Eltern kennen?
Wiśnicki: Sie lernten sich nach dem Krieg kennen. Mein Vater suchte seinen Bruder, der während des Krieges in Sibirien verschollen war. Meine Mutter wurde Sekretärin beim jüdischen Komitee, das Menschen half, ihre verlorenen Angehörigen zu finden. Durch sie fand mein Vater seinen Bruder wieder und beide verliebten sich. Ihre Heirat war die erste jüdische Hochzeit in Innsbruck nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige Jahre lebten sie in Tirol, ehe sie 1950 in die Vereinigten Staaten auswanderten. Sie gründeten eine Familie und schenkten mir ein sehr glückliches Leben.
Wir führen dieses Gespräch in Bludenz, da diese Stadt eine zentrale Rolle in der Geschichte Ihres Vaters. Können Sie das ausführen?
Wiśnicki: Mein Vater arbeitete in der NS-Zeit einige Jahre lang unter falscher Identität in der Gärtnerei Schallert, damals Schaub. Der Besitzer der Gärtnerei war Mitglied der NSDAP, doch glücklicherweise war mein Vater sicher in Bludenz. Die Gärnterei wurde 1985 an Elmar Schallert verkauft, mit dem mein Vater lange Kontakt hielt. Am Donnerstagvormittag haben wir seine Töchter getroffen. Diesen Teil der Geschichte meines Vaters selbst zu sehen, war für mich sehr ergreifend.

Haben Ihre Eltern Ihnen je deren gesamte Geschichte erzählt?
Wiśnicki: Wie Sie wissen, wollten viele Überlebende des Holocausts ihre Geschichte hinter sich lassen. In meiner Familie hingegen erzählte mir meine Mutter immer ihre Anekdoten, als ich von der Schule nach Hause kam. Dadurch wuchs ich mit einem besseren Verständnis davon auf, was sie erleben mussten. Als ich älter wurde, wurden die Geschichten detaillierter. Als meine Mutter ihre Geschichte für ein Buch zusammenstellte, das sie zum Teil schon während des Krieges zu schreiben begonnen hatte, und mein Vater dasselbe tat, wurde mir in aller Deutlichkeit klar, was sie durchgemacht hatten.
Wie fühlte es sich für Sie an, diese Geschichten zu hören?
Wiśnicki: Ich lernte meine Großeltern nie kennen und zu verstehen, warum das so ist, beeinflusste mich ein Stück weit emotional. Auf der einen Seite als kleines Kind die Abenteuergeschichten zu hören, wie mein Vater aus dem fahrenden Zug sprang, ist aufregend. Wenn man andererseits den Hintergrund zu realisieren beginnt, bekommt es eine andere Form der Bedeutung.
Sie sind nach Bludenz gekommen, um über die Erlebnisse Ihrer Eltern zu sprechen. Welchen Stellenwert hat das Gedenken an die Holocaust-Überlebenden für Sie?
Wiśnicki: Ich bin stolz, dass meine Eltern ihre Geschichte für nächste Generationen festhielten. Und ich weiß, dass es in ihrem Sinne ist, dass ihre Geschichte weitergetragen wird, nicht nur innerhalb der Familie, sondern an jeden, der sie hören möchte.

Welche Rolle spielt der jüdische Glaube in Ihrem Leben heute?
Wiśnicki: Für meine Familie und mich ist das Judentum unsere Religion, aber auch unsere Kultur. Durch die Erlebnisse meiner Vorfahren sind wir mit ihr verbunden. Wir leben nach der Moral und Ethik, die uns durch das Judentum beigebracht wurde, und das ist mir sehr wichtig.
Was löst die gestiegene Zahl antisemitischer Vorfälle in Europa, wo sich die Geschichte ihrer Eltern zugetragen hat, bei Ihnen aus?
Wiśnicki: Das Problem gibt es nicht nur in Europa, sondern auch zu Hause in den USA. Der Hass der Rechts- und Linksextremen schnürt die Menschen in der Mitte ein. Es ist schrecklich, aber es erinnert uns auch daran, warum wir hier in Bludenz daran erinnern, was passiert, wenn die falschen Botschaften verbreitet werden.
Zur Person
Jeffrey Wiśnicki (*1957 in West Palm Beach, Florida, USA) ist plastischer Chirurg und Sohn der Holocaust-Überlebenden Leokadia Justman und Józef Wiśnicki. Am Donnerstag war er beim 9. Vorarlberger Zeitgeschichtetag in der Remise Bludenz zu Gast und sprach auf der Bühne mit Niko Hofinger und Dominik Markl, die mit dem Buch „Mich kriegt ihr nicht!“ (2026; Tyrolia Verlag) die Geschichte seine Vaters dokumentieren.
(NEUE am Sonntag)