Vorarlberg

Rückenwind für Jugendliche: Was hinter dem Mentoring bei Sindbad steckt

16.10.2026 • 17:22 Uhr
Rückenwind für Jugendliche: Was hinter dem Mentoring bei Sindbad steckt
V.l.: Mentorinnen Daniela Knapp und Jasmine Giesinger sowie Standortleiterin Claudia Kramlik. Hartinger

Sindbad unterstützt benachteiligte Jugendliche beim Pflichtschulübergang. Jasmine Giesinger und Daniela Knapp berichten von ihren „Reisen“ als Mentorinnen.

Was möchte ich einmal werden? Diese Frage wird dann für Jugendliche brennend heiß, wenn der Übergang von der Pflichtschule in die Berufsausbildung oder die weiterführende Schule ansteht. Besonders, wenn die Familie in dieser Zeit aus diversen Gründen nicht so unterstützen kann, wie es eigentlich notwendig wäre, stehen junge Menschen sinnbildlich vor einer Wand.

Bildungsgerechtigkeit als Vision

Hier setzt das Mentoringprogramm von Sindbad an. „Unsere Vision ist Chancengerechtigkeit. Wenn ein junger Mensch ein sozioökonomisch schwieriges Umfeld hat – einen Fluchthintergrund, eine andere Erstsprache als Deutsch oder Eltern, die sich im Bildungssystem nicht gut auskennen – dann schauen die Chancen auf eine gute Bildung eher schlecht aus“, erklärt Claudia Kramlik, Standortleiterin für Vorarlberg. „Wir möchten die Welt ein Stück gerechter machen. Dafür bringen wir Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen: Auf einer Seite sind die Mentees, die an einem entscheidenden Bildungsübergang in ihrem Leben stehen. Auf der anderen Seite haben wir erwachsene Mentorinnen und Mentoren, die mit beiden Beinen im Leben stehen und einen jungen Menschen zwölf Monate lang unterstützen.“

Rückenwind für Jugendliche: Was hinter dem Mentoring bei Sindbad steckt
Claudia Kramlik und Wolfgang Eller leiten Sindbad in Vorarlberg. Sindbad

Über das Jahr hinweg – von November bis November – haben die Mentees die Möglichkeit, ihre ehrenamtlich tätigen Mentoren um Rat zu fragen, ihr Herz auszuschütten oder einfach einen Teil der Freizeit miteinander zu verbringen. Vorab, beim sogenannten Kick-off, lernen sich Erwachsene und Jugendliche kennen, stecken Erwartungen und Kommunikation gemeinsam ab und starten dann ihre gemeinsame „Reise“, wie Kramlik es beschreibt. Sie und Co-Standortleiter Wolfgang Eller stehen rund um das Jahr für Fragen zur Verfügung und bieten Freizeitveranstaltungen für die Mentoren-Mentee-Duos an, etwa Trampolinspringen oder VR-Escape-Room, aber auch Berufsorientierungscamps.

Rückenwind für Jugendliche: Was hinter dem Mentoring bei Sindbad steckt
Gruppenfoto von der Kick-off-Veranstaltung im Herbst 2025. Sindbad

„Auch für die Erwachsenen gibt es Workshops, wo sie für sich selbst etwas mitnehmen können. Das ‚Sindbad-Jahr‘ endet mit einer offiziellen Abschlussfeier. Wenn man ein gutes Verhältnis aufgebaut hat, bleibt der Kontakt aufrecht. Wenn man eine Arbeitsbeziehung hatte, nicht unbedingt. Manche Teams beenden die Reise auch vorzeitig. Es gibt keinen Druck, keine verpflichtenden Ziele. Die Jugendlichen haben einfach einen Menschen, der offen auf sie zugeht und sie nicht in eine Schublade stecken“, führt Kramlik aus.

Lehrstellensuche

Zwei der Mentorinnen, die im nun auslaufenden Turnus eine Jugendliche begleitet haben, sind Daniela Knapp aus Schwarzach und Jasmine Giesinger aus Sulz. Beide begleiten je eine Jugendliche am Übergang von der 8. in die 9. Schulstufe. „Bei mir war das große Thema die Lehrstellensuche“, erzählt Giesinger. „Sie war anfangs sehr motiviert und hat gleich schon eine Bewerbung für eine Lehrstelle in der Gastro geschrieben. Doch es kam eine Absage. Sie rief mich an und meinte: ‚Jasmine, die wollen mich nicht.‘ Ich habe ihr erklärt, sie soll das nicht persönlich nehmen, der Markt ist derzeit schwierig.“ Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach einer neuen Stelle und bei der nächsten Bewerbung wurde die Jugendliche eingeladen. „Sie hat mich dann wieder angerufen: ‚Jasmine, wir müssen uns vorbereiten.‘ Dafür sind wir zum Sindbad-Bewerbungscamp gegangen“, erzählt die Bankberaterin. Schließlich gelang es dem Team, eine geeignete Lehrstelle zu finden.

Sindbad Kick-off 2025
Jasmin Giesinger mit ihrer Mentee beim Kick-off 2025. Sindbad

Knapp begleitete ihre Jugendliche durch schulische und private Herausforderungen. „Es gab Zeiten mit intensiverem Austausch, aber man merkt auch, wenn die Mentee eigene Themen hat, wo ich nicht die richtige Ansprechperson bin. Dieser Austausch ohne Druck gefällt mir super.“ Die selbstständige Beraterin nennt eine Mathematikschularbeit als Beispiel: „Als ich gefragt habe, wie ich ihr beim Lernen helfen kann, meinte sie, dass sie Mathe zwar nicht kann und nicht mag, aber unbedingt selbstständig lernen will. Die Schularbeit wurde eine Zwei und ich war die erste, die den Anruf mit der positiven Botschaft bekam.“

Etwas zurückgeben

Für beide Mentorinnen war die „Sindbad-Reise“ ausgesprochen positiv. „Mir hat diese Nicht-Erwartungshaltung gefallen, dass man sich einfach ohne Druck auf die Reise mit den Jugendlichen einlassen kann“, berichtet Knapp. Giesinger erzählt: „Ich wollte neben meinem Beruf eine ehrenamtliche Tätigkeit machen, um den Menschen etwas zurückzugeben, die in ihrem Leben mit Gegenwind konfrontiert sind. Das Jahr hat mich persönlich enorm weitergebracht und die Beziehung, die ich mit meiner Mentee in dieser Zeit aufgebaut habe, ist richtig schön.“

Rückenwind für Jugendliche: Was hinter dem Mentoring bei Sindbad steckt
Dem Trio ist die Freude über ihre Arbeit ins Gesicht geschrieben. Hartinger

Für den nun anstehenden Turnus im November sucht das ehrenamtliche Projekt nach motivierten Erwachsenen – insbesondere Frauen – die die Mentoring-Rolle übernehmen möchten. „Wir starten mit etwa 30 Teams, der Bedarf der Jugendlichen ist sehr groß“, verdeutlicht Kramlik. Wer Jugendliche begleiten und sich über Sindbad informieren möchte, kann das online unter www.sindbad.co.at tun.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)